# taz.de -- Heimliche Aufnahmen mit Smart Glasses: Eine neue Angst für Flinta*
       
       > Nach einem Übergriff bewegt unsere Kolumnistin sich verängstigt im
       > öffentlichen Raum. Dazu tragen alle bei, die Smart Glasses tragen.
       
 (IMG) Bild: Ein Abgrund wie systematisch Flinta* auf dem Oktoberfest heimlich unter den Rock gefilmt wird
       
       Das Paar sah lässig aus. Sie: Kurzhaarschnitt, baggy Anzughose,
       Pashanim-Shirt, pinke Flipflops. Er: Jogginghose, weißes Longsleeve,
       Freitag-Tasche, dazu eine erstaunlich hässliche Sonnenbrille. „Renn!“,
       wollte ich ihr zurufen, als ich erkannte, was ihr Freund da trug: [1][Smart
       Glasses.]
       
       Wer als Mann Smart Glasses trägt, findet nicht nur Mark Zuckerberg und den
       neuesten Silicon-Valley-Shit ein bisschen zu geil, sondern ist auch
       ignorant. Er versetzt sich nicht in die Lebensrealität von Flinta*, die von
       ständiger Bedrohung geprägt sind.
       
       [2][Recherchen der Süddeutschen Zeitung (SZ) deckten vergangene Woche auf,]
       wie systematisch Flinta* auf dem Oktoberfest heimlich unter den Rock
       gefilmt wird. Demnach kursieren allein auf Plattformen des Meta-Konzerns
       mehr als 32.000 Videos von Flinta*, die Opfer von sogenanntem Upskirting
       geworden sind. Hinzu kommen laut SZ Tausende weitere Clips auf Youtube und
       Tiktok.
       
       Vor einigen Wochen lag ich in München an der Isar, als ein Mann stundenlang
       heimlich Fotos von mir und anderen Frauen machte: Nahaufnahmen von unseren
       entblößten Brüsten, Pos, Vulven. Als wir ihn entdeckten, schrien wir ihn an
       und löschten die knapp 50 Bilder. Er fand unsere Reaktion maßlos
       übertrieben, wir sollten uns beruhigen, sagte er, und, nun ja: „War
       vielleicht nicht ganz die feine englische Art.“
       
       Die Polizei sagte später, sie könne nichts machen. Dass er stundenlang
       heimlich intimste Fotos machte, ist legal. Strafrechtlich relevant wird es
       erst, wenn es zu spät ist: wenn die Bilder bereits im Internet hochgeladen
       sind.
       
       ## Überall potenzielle Täter
       
       Wenige Tage später liege ich im Urlaub am Meer. Ich sehe überall nur noch
       Männer und Handykameras. Ich traue mich nicht, mein Bikinitop auszuziehen
       und ärgere mich darüber, dem Mann Macht über mich zu überlassen. Als ich
       abends einer Freundin davon erzähle, berichtet sie von ihrer
       Stranderfahrung in der Woche zuvor. Wie ein Mann zu ihr kam und fragte, ob
       er ihre Füße malen dürfe; wie sie verneinte und ins Wasser ging; wie er ihr
       folgte und immer näher an sie heranschwamm, während sie den „toten Mann“
       machte; wie er plötzlich mit beiden Händen nach ihrem Fuß griff und
       versuchte in ihn hineinzubeißen; wie sie schrie, ihm ins Gesicht trat und
       panisch an Land schwamm.
       
       Im Jahr davor hatte sich am selben Strand ein Mann nackt vor den Kopf ihrer
       Freundin gehockt, die ihr Buch las, und Smalltalk machen wollen, während
       sein Penis nur Zentimeter von ihrem Kopf baumelte, erzählte sie.
       
       Die Philosophin Ann J. Cahill bezeichnet Flinta* in unserer Gesellschaft
       als „Vor-Opfer“. Wir sind konstant mit der Bedrohung konfrontiert, Opfer
       sexuellen Missbrauchs werden zu können. Wenn Tech-Bros nun Werkzeuge wie
       Smart Glasses entwickeln, um anderen Männern [3][das heimliche Filmen zu
       erleichtern], wird diese ohnehin omnipräsente Angst verstärkt. Durch
       Kollaborationen tragen Stars wie Kylie Jenner dazu bei, diese
       Überwachungstechnologie als Lifestyle-Accessoire zu verkaufen und die damit
       verbundenen Gefahren zu normalisieren.
       
       ## Dass die Kamera läuft, ist kaum sichtbar
       
       In den sozialen Medien boomen derzeit Videos von selbst ernannten
       Dating-Coaches und Pickup-Artists, die Frauen an Seen und Stränden
       anbaggern, heimlich filmen und sich gegenseitig Tipps geben, wie sich das
       blinkende LED-Licht der Kamera verdecken lässt. Dabei haben Zuckerberg und
       Co. selbstverständlich dafür gesorgt, dass die LEDs ohnehin kaum sichtbar
       sind. Laut einer neuen Civey-Umfrage [4][im Auftrag von HateAid] erkennen
       61 Prozent der Befragten die LED nicht als Hinweis auf eine laufende
       Aufnahme. Trotzdem werden online speziell angefertigte Sticker vertickt,
       die das LED-Licht an den Brillen abdecken, um – ja, was wohl?
       
       Natürlich machen nicht alle Männer, die Smart Glasses tragen, heimlich
       Aufnahmen von Flinta*. So wie #allMen auch nicht bedeutet, dass alle Männer
       vergewaltigen. „Aber alle nehmen an Ritualen teil, bejahen Werte und
       schätzen Verhaltensweisen, die dazu beitragen, dass es möglich ist, dass
       normale Männer losziehen und eine bewusstlose Frau vergewaltigen“, schreibt
       die Philosophin [5][Manon Garcia im Buch „Mit Männern leben. Überlegungen
       zum Pelicot-Prozess“].
       
       Auch Männer, die Smart Glasses als harmloses Tech-Gadget nutzen, tragen
       dazu bei, dass Flinta* sich noch unsicherer fühlen und hinter jeder
       Sonnenbrille einen potenziellen Täter wittern. Solidarität bedeutet, sich
       für die Realitäten anderer zu interessieren und sich politisch für sie
       einzusetzen. Wer „Ally“ sein will, muss manchmal Opfer bringen: Euer
       Spielzeug ist verzichtbar, unsere Sicherheit nicht.
       
       20 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /FAQ-zu-Smart-Glasses/!6204695
 (DIR) [2] https://www.sueddeutsche.de/muenchen/oktoberfest-muenchen-teufelsrad-upskirting-videos-recherche-meta-youtube-tiktok-monetarisierung-li.3544366?reduced=true
 (DIR) [3] /Smart-Glasses-von-Meta-Was-tun-wenn-man-heimlich-gefilmt-und-das-Video-gepostet-wurde/!6196176
 (DIR) [4] https://hateaid.org/heimlich-gefilmt-mit-smart-glasses-mehrheit-erkennt-aufnahmesignal-nicht/
 (DIR) [5] /Buch-ueber-den-Pelicot-Prozess/!6112638
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Mark Zuckerberg
 (DIR) Schwerpunkt Meta
 (DIR) Sexualisierte Gewalt
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