# taz.de -- Manipulationsskandal in der Türkei: Wenn die Börse zur Parteikasse wird
       
       > Ein Fondsskandal erschüttert die Türkei. Kleinanleger bangen um ihr Geld,
       > während im AKP-Umfeld hohe Gewinne gemacht werden. Wer steckt mit drin?
       
 (IMG) Bild: Scheinbar stand AKP für Erdoğan und einige Getreuen nicht für „Alle Kassenprüfer“
       
       Seit Tagen wird in den Talk-Runden im türkischen Fernsehen über nichts
       anderes mehr geredet als über den sogenannten Fonds-Skandal. Es ist der
       größte Börseneklat in der jüngeren türkischen Geschichte. Über hundert
       Investmentfonds, gebündelt bei sieben Vermögensverwaltern, haben mit
       illegalen Methoden einzelne Aktien in schwindelerregende Höhen getrieben
       und damit einige wenige Menschen im Umfeld der [1][Regierungspartei AKP]
       reich gemacht und rund eine halbe Million Kleinanleger vermutlich um ihre
       Ersparnisse gebracht.
       
       Eine spektakuläre Gewinnerin bei diesem Spiel ist die frühere
       Familienministerin und enge Vertraute von Präsident Recep Tayyip Erdoğan,
       Fatma Betül Sayan Kaya. Sie hat mit den Fonds in wenigen Monaten rund 100
       Millionen Euro verdient. Ihr Mann ebenso. Sie ist inzwischen als
       stellvertretende Parteivorsitzende zurückgetreten, wurde aber bislang nicht
       angeklagt.
       
       Am Montagabend verkündete Oppositionsführer [2][Özgür Özel], die Yeni-Parti
       wisse, dass ein amtierender Minister 200 Millionen Euro verdient habe.
       Finanzminister Mehmet Şimşek versucht zu beruhigen und betont, die
       Finanzlage sei insgesamt stabil. Doch Şimşek und etliche andere sind in
       erheblicher Erklärungsnot.
       
       Erste Ungereimtheiten waren offenbar seit Monaten sichtbar. Schon im Juni
       thematisierte der internationale Indexanbieter MSCI (Morgan Stanley Capital
       International) ungewöhnliche Kursbewegungen bei kleinen türkischen Aktien.
       Es handele sich um geringe frei handelbare Aktienbestände und mögliche
       koordinierte Transaktionen im Zusammenhang mit bestimmten Fonds. Auch
       Şimşek deutete an, dass er Probleme sehe, handelte aber nicht.
       
       ## Neue Regeln – mit Schonfrist?
       
       Am 19. August schickte die Istanbuler Generalstaatsanwaltschaft ein
       Schreiben an die Kapitalmarktaufsicht SPK. Die reagierte prompt mit neuen
       Regeln. Plötzlich floss Geld in großem Stil ab, anscheinend abgehoben von
       Leuten aus dem Umfeld der Fondsmanager oder politischen Personen, die
       vorgewarnt worden waren. Am 15. September mussten erste
       Vermögensverwaltungen einräumen, dass sie nicht mehr liquide sind und
       verkaufswillige Anleger nicht mehr auszahlen können. Rund eine halbe
       Million Anleger bangen nun um ihr Geld, die ersten prominenten Fondsmanager
       wurden festgenommen und sitzen in Untersuchungshaft.
       
       [3][Finanzprofessor Özgür Demirtas] beschreibt das System, mit dem die
       Fonds ihr Geld einsammelten, als leicht modifiziertes
       [4][Schneeballsystem], das nur so lange funktioniert, wie immer neue
       Anleger Geld nachschießen. Nur dass es bei den Geschäften um reale Aktien
       ging, die allerdings künstlich aufgebläht wurden: Die Fonds kauften nach
       und nach Aktien von kleinen Firmen auf, die nur in geringen Mengen frei
       gehandelt wurden – hier können schon kleine Kaufaufträge für große
       Kursausschläge sorgen. Tatsächlich verteuerten sich die Aktien um teils
       mehr als 100 Prozent. Das zog immer mehr Anleger an, die auch Geld mit
       diesen „Superfonds“ verdienen wollten.
       
       Die ersten dieser Fonds wurden 2021 aufgelegt und die frühen Anleger
       machten tatsächlich hohe Gewinne. Aktien, die zu Beginn 100 Lira wert
       waren, stiegen auf bis zu 2.000 Lira. Das betroffene Fondsvermögen wurde
       zuletzt auf mehr als 18 Milliarden US-Dollar beziffert. Für den Kreis der
       Eingeweihten kam es darauf an, die Anteile wieder zu verkaufen bevor die
       große Menge der Anleger bemerkte, dass sie einem Betrug aufgesessen waren.
       
       ## Fressen für die Opposition
       
       Mittlerweile sitzen mehrere prominente Fondsmanager in Untersuchungshaft.
       Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Marktmanipulation, Betrug,
       Geldwäsche und Bildung einer kriminellen Organisation.
       
       Die Opposition fragt nun, warum man diese Fonds so lange hat gewähren
       lassen. Und wie es sein konnte, dass es nach dem Vorstoß der
       Kapitalmarktaufsicht im August bis Mitte September immer noch etlichen
       Insidern gelingen konnte, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, sprich:
       riesige Gewinne ins Ausland zu transferieren.
       
       Ein Blick hinter die Kulissen der Vermögensverwalter bietet eine Menge
       Sprengstoff für die Regierung: Der Chef der größten Vermögensverwaltung,
       Tera, ist Emre Tezmen. Das Wachstum seiner Fonds war spektakulär, die
       Tera-Aktie legte zeitweilig um 40.000 Prozent zu. Er soll zu den Leuten
       gehören, die größere Summen ins Ausland transferiert haben. Tezmen ist
       einer der so genannten AKP-Prinzen. Sein Vater Oguz Tezmen war eine Zeit
       lang unter Erdoğan Verkehrsminister.
       
       Wer zu so einer Familie gehört, wird in der Türkei nicht so schnell von der
       Justiz angegangen. Auch Finanzminister Şimşek muss sich den Vorwurf
       gefallen lassen, dass er die Fonds aus diesem Grund weiterlaufen ließ.
       Erdoğan versucht die Empörung nun einzufangen, indem er den Kleinanlegern,
       die nicht mehr als 1 Million Lira (rund 18.000 Euro) angelegt haben, eine
       Rückzahlung garantiert. Wenn allerdings weitere Verstrickungen hoher
       Parteimitglieder oder Minister bekannt werden, könnte es auch für den
       Präsidenten eng werden.
       
       29 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Tuerkei-vor-dem-Nato-Gipfel/!6193640
 (DIR) [2] /Repression-in-der-Tuerkei/!6207010
 (DIR) [3] https://en.wikipedia.org/wiki/%C3%96zg%C3%BCr_Demirta%C5%9F
 (DIR) [4] /Betrug-braucht-gute-Storys/!5700356&s=b%C3%83%C2%B6rse+schneeball/
       
       ## AUTOREN
       
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