# taz.de -- Nach Witzen über Erdoğan: 19 Monate Haft für Satiriker
       
       > Der türkische Satiriker Deniz Göktaş scherzt über den Präsidenten und
       > erhält prompt die Quittung. Vor Gericht lässt er sich nicht
       > einschüchtern.
       
 (IMG) Bild: Protest für die Freilassung des Comedians Deniz Göktas am 3. Juli in Istanbul
       
       Der bekannte Comedian Deniz Göktaş ist am Montag in Istanbul zu 19 Monaten
       Haft verurteilt worden. Sein Verbrechen: Witze über Präsident Recep Tayyip
       Erdoğan und angebliche Verunglimpfung religiöser Werte.
       
       Deniz Göktaş macht eine [1][Ein-Mann-Satire-Show,] in der er sich über Gott
       und die Welt lustig macht. Er ist eine Institution in der Türkei, ein Video
       seiner letzten Show wurde millionenfach angeklickt. Er hatte sich im Laufe
       seiner Karriere immer mal wieder auch über den Langzeitpräsidenten Erdoğan
       lustig gemacht – doch der Erfolg seines letzten Videos war für den
       Präsidenten dann offenbar zu viel.
       
       [2][Er hätte ihn einen „Diktator“ genannt], monierten Erdoğans Anwälte, das
       sei ehrabschneidend und nicht mehr durch die in der Türkei zulässige freie
       Meinungsäußerung gedeckt. Außerdem habe er sich über Frauen im
       [3][islamischen Ganzkörperbadeanzug] lustig gemacht – das gehe gar nicht
       und sei Verunglimpfung religiöser Werte.
       
       ## Göktaş’ Witze wurden immer politischer
       
       Tatsächlich war die Satire-Show von Göktaş in diesem Jahr politischer
       geworden, während Erdoğans Einschränkung der Meinungsfreiheit in dieser
       Zeit immer drastischer wurde. Etliche Journalisten wurden schon vor Göktaş
       verhaftet. Deshalb, sagte er später, sei er auch nicht sonderlich
       überrascht gewesen, als er Anfang Juli bei der Rückkehr aus einem Urlaub am
       Flughafen in Istanbul verhaftet wurde. Die Polizisten, die ihn festnahmen,
       sollen sich gewundert haben, dass er überhaupt zurückgekommen sei. Doch er
       halte nichts davon, das Land zu verlassen, man müsse sich in der Türkei
       engagieren.
       
       Wie erwartet erließ der Untersuchungsrichter bei seiner Anhörung nach der
       Festnahme einen Haftbefehl und er landete im Hochsicherheitsgefängnis
       Karatepe. Nachdem eine Haftbeschwerde zunächst erfolgreich war, wurde er
       gleich wieder festgenommen und der Verherrlichung einer kriminellen Bande
       beschuldigt. Deshalb saß er bis zu seiner Gerichtsverhandlung am Montag
       drei Monate in U-Haft, von wo aus er sich gelegentlich gewohnt frech auf X
       äußerte.
       
       In seiner Verteidigungsrede vor dem Gericht sagte er dann: Ja, er habe
       Erdoğan einen Diktator genannt, aber wenn er ihn einen Demokraten genannt
       hätte, wäre das wahrscheinlich der größere Lacher gewesen.
       
       ## Politische Satire als Ticket in den Knast
       
       Der Richter verurteilte ihn daraufhin zu elf Monaten Haft wegen Beleidigung
       des Präsidenten und zu weiteren sieben Monaten wegen der religiösen
       Verunglimpfung. Von der Verherrlichung einer kriminellen Bande wurde er
       freigesprochen. Das Wichtigste aber war, dass das Gericht die Haft aufhob
       und Deniz Göktaş den Justizpalast in Istanbul in Freiheit verlassen konnte
       – zunächst. Bis ein Berufungsgericht erneut über seine Schmähungen
       befindet, können Jahre vergehen.
       
       Etliche seiner Anhänger im Gerichtssaal und draußen auf dem Demogelände vor
       dem Gebäude freuten sich, dass Deniz Göktaş nach drei Monaten in Haft
       wieder auf freiem Fuß ist. Das könnte sich nach seinem nächsten Auftritt
       aber schnell wieder ändern.
       
       In der heutigen Türkei ist politische Satire sowohl in gedruckten
       Satirezeitschriften – von denen es in bis vor ein paar Jahren noch etliche
       gab – als auch auf der Bühne fast schon ein sicheres Ticket in den Knast.
       Deshalb ist der größte Teil der türkischen Satiriker mittlerweile verstummt
       oder im Ausland. [4][Solange Erdoğan an der Macht ist, wird sich daran wohl
       auch nichts mehr ändern.]
       
       29 Sep 2026
       
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