# taz.de -- VW-Betriebsrätin über Anwerbeabkommen: „Wir haben geschafft, was die Politik nicht mal versucht hat“
       
       > Die IG Metall ist, was Migration angeht, so sehr verankert wie kaum eine
       > andere politische Organisation. Burcu Sicilia nennt den gemeinsamen Kampf
       > um Mitbestimmung als Hauptgrund.
       
 (IMG) Bild: Festnahme eines türkeistämmigen Arbeiters während des Streiks im Kölner Ford-Werk am 30. August 1973
       
       taz: Frau Sicilia, am Freitag vor 65 Jahren wurde das [1][Anwerbeabkommen
       zwischen Deutschland und der Türkei] unterzeichnet. Einer der Gründe für
       den Zuzug der ausländischen Arbeiter*innen war, dass man sie gegenüber
       ihren deutschen Kolleg*innen schlechter bezahlen konnte. Auf diese Weise
       sollte das Lohnniveau im Land niedrig gehalten werden. Was sagen Sie dazu
       als Gewerkschafterin? 
       
       Burcu Sicilia: Man hat ja die Menschen gegeneinander ausgespielt – die
       Gastarbeiter haben die niedrigsten Arbeiten verrichtet, die niedrigsten
       Löhne bekommen und konnten anfangs nicht im Betrieb teilhaben. Auch die
       Gewerkschaften sind damals der Illusion verfallen, dass die Menschen
       befristet hierherkommen. Wir mussten erkennen, dass man den Leuten damit
       nicht gerecht wurde. Auch die Gewerkschaften haben erst mit der Zeit
       gelernt, dass das der falsche Weg ist.
       
       taz: Jetzt scheint auch die CDU das Thema der ehemaligen
       Gastarbeiter*innen für sich entdeckt zu haben. Bundeskanzler Friedrich
       Merz hat bei einer Jubiläumsfeier zum Anwerbeabkommen gesprochen,
       NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst ist in die Türkei gereist, um die
       Leistungen der ersten Generation zu loben. Was sagen Sie dazu? 
       
       Sicilia: Ehrlich gesagt, fehlt mir bei der CDU die inhaltliche Stringenz
       bei dem Thema. Wenn wir darüber sprechen, wie ein Stadtbild für Herrn Merz
       auszusehen hat, stellen sich mir viele Fragen: Das Stadtbild ist nun mal
       auch von Menschen geprägt, die Nachfahren dieser ersten Generation von
       Arbeitern in Deutschland sind. Da fühle ich mich selbst angesprochen. Ich
       frage mich einfach, wo die CDU wirklich steht.
       
       taz: Bei der IG Metall konnten Ausländer*innen Anfang der 60er Jahre
       auch nicht Mitglied werden. Den Betriebsrat durften sie erst ab 1972
       wählen. 
       
       Sicilia: Es gibt aber auch positive Beispiele aus der Zeit: Bei Volkswagen
       setzte sich die IG Metall schon 1965 dafür ein, dass mit Lorenzo Annese ein
       ausländischer Betriebsrat gewählt werden konnte, obwohl es das
       Betriebsverfassungsgesetz damals nicht vorsah. Wir diskutieren bis heute
       sehr offensiv, wie Menschen mit Migrationsgeschichte in unserer
       Organisation vertreten sind. Dieser Prozess ist nicht zu Ende, auch wenn
       Menschen mit Migrationsgeschichte bei uns längst nicht mehr wegzudenken
       sind. Wenn ich mal Wolfsburg und Volkswagen als Beispiel nehme: Hier haben
       wir Daniela Cavallo als Betriebsratschefin, Tochter eines italienischen
       Gastarbeiters.
       
       taz: Bei ThyssenKrupp sitzt Tekin Nasikkol als IG-Metaller im Aufsichtsrat,
       bei Mercedes-Benz ist Ergün Lümali Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats. Bei
       beiden ist die Generation der Eltern als billige Arbeitskräfte nach
       Deutschland gekommen. Wenn man auf die letzten 65 Jahre zurückblickt,
       würden Sie sagen, dass das eine Erfolgsgeschichte ist? 
       
       Sicilia: Ich tue mich mit dem Wort schwer, weil das doch eigentlich eine
       Selbstverständlichkeit sein sollte. Aber für die erste Generation ist es
       ein Erfolg. Sie waren hier nur geduldete Menschen, die unter schwierigsten
       Bedingungen gelebt haben. Sie waren billige Arbeitskräfte – das war’s. Nun
       sehen sie, dass die Nachfolgegenerationen ein Teil der Entscheidungsgremien
       in den Betrieben sind. Heute blickt die erste Generation deshalb mit großem
       Stolz darauf zurück, welchen Grundstein sie hier unter den widrigsten
       Bedingungen gelegt hat.
       
       taz: [2][1973 kam es zu wilden Streiks bei Ford in Köln,] weil wegen der
       Konjunkturflaute türkische Arbeiter*innen aus vorgeschobenen Gründen
       entlassen werden sollten. Auch die IG Metall konnte den Arbeitskampf nicht
       kanalisieren. Spielen Geschichten wie diese für Sie heute noch eine Rolle? 
       
       Sicilia: Ich glaube, dass Vorfälle wie diese gezeigt haben, dass auch im
       Betriebsrat die Repräsentation dieser Menschen nicht da war. Sie hatten
       kaum Möglichkeiten, auf formalem Weg etwas voranzutreiben, und mussten
       eigenständig losgehen. Das war eine der Lehren, die wir für die
       Mitbestimmung ziehen mussten: In einem Gremium wie einem Betriebsrat muss
       man den Querschnitt der Gesellschaft abbilden, damit dort alle Belange
       vertreten sind.
       
       taz: Die IG Metall bildet heute mit einem Anteil von etwa 25 Prozent bei
       den Menschen mit Migrationshintergrund ziemlich genau den Querschnitt der
       deutschen Gesellschaft ab. Ihre Gewerkschaft ist damit wahrscheinlich die
       politische Organisation in Deutschland mit der besten Repräsentanz. Wie
       haben Sie das geschafft? 
       
       Sicilia: Was wir als Gewerkschaft geschafft haben, ist, den Leuten einen
       sicheren Ort zu bieten. Bei uns ist es nicht die Herkunft, die Menschen
       zusammenbringt, sondern die Solidarität und das Zugehörigkeitsgefühl. Auch
       in den Betrieben haben wir es als Organisation geschafft, dass sich die
       Menschen zugehörig gefühlt haben. Durch die Mitbestimmung gibt es ein
       Thema, für das man gemeinsam streitet. Und es gibt noch einen anderen
       großen Faktor.
       
       taz: Nämlich? 
       
       Sicilia: Wir haben es geschafft, Bildung zu bieten. Menschen, die
       beispielsweise in den 60er Jahren aus der Türkei gekommen sind und dort
       vielleicht gar nicht auf der Schule waren, konnten sich bei den
       Gewerkschaften sehr niedrigschwellig weiterbilden. Wir haben
       Vertrauensleute, die nur bis zur vierten Klasse zur Schule gegangen sind,
       die aber unsere Seminare besuchen, um sich auf einer anderen Ebene
       weiterzubilden. Wir haben geschafft, was die Politik an anderen Stellen
       nicht einmal versucht hat. Deshalb ist die Repräsentation bei uns so stark.
       Wir sind nicht fehlerfrei, wie gesagt, aber wir schaffen es, dass das Thema
       Herkunft in der Regel schlicht keine Rolle spielt.
       
       30 Oct 2026
       
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