# taz.de -- Tagebuch aus Georgien: Wo steht denn, dass Bilder immer schweigen müssen?
       
       > Im georgischen Zugdidi fordert der Aktivist und Künstler Rosto Zarandia
       > die Behörden heraus – mit Graffiti, Straßenkunst und sehr langem Atem.
       
 (IMG) Bild: Mit Kunst für ein besseres Georgien: Rosto Zarandia
       
       Manchmal beginnt politischer Protest nicht mit einem Mikrofon und nicht auf
       einer Rednertribüne, sondern mit einer Spraydose. Und manchmal kommt diese
       in einer kleinen georgischen Stadt zum Einsatz.
       
       In Zugdidi ist es schwer, anonym zu bleiben. Die kleine Stadt liegt rund
       320 Kilometer westlich von der georgischen Hauptstadt Tbilissi, nahe der
       Trennlinie zum besetzten Abchasien. Viele Menschen kennen einander
       persönlich oder zumindest über eine Ecke. Es ist eine überschaubare,
       konservative Welt, in der es nicht üblich ist, allzu sehr aufzufallen.
       
       Wie auf dem Rustaweli-Prospekt in Tbilissi, so finden auch hier seit etwa
       zwei Jahren [1][proeuropäische Proteste] statt. Doch in Zugdidi sind sie
       leiser, kleiner und persönlicher. Und gerade deshalb sind sie vielleicht
       sichtbarer.
       
       Jeden Tag fährt ein leuchtend gelbes Auto zum Treffpunkt der
       [2][Protestierenden]. Auf der Motorhaube und der Karosserie steht: „Finde
       dich nicht mit der Besatzung ab.“ Das Auto gehört längst zum Stadtbild. Und
       sein Besitzer, Rosto Zarandia, gehört zu den Menschen, die man in Zugdidi
       kaum übersehen kann.
       
       Der Mann ist über 40 Jahre alt und trägt einen langen Bart, in dem bereits
       graue Strähnen zu sehen sind. Aus dem Kofferraum holt er Plakate mit der
       Aufschrift „Freiheit für die [3][politischen Gefangenen]“. Dann hängt er
       sich ein Schild um, auf dem steht: „Du schweigst. Gefällt dir alles?“ Das
       ist seine tägliche Protestkleidung.
       
       ## Protest mit Plakat, Spraydose und Kunst
       
       Rosto ist Bürgeraktivist. Sein wichtigstes Werkzeug ist die Spraydose. Für
       ihn ist der öffentliche Raum eine Leinwand für politische Botschaften. Auf
       die Wände öffentlicher Toiletten malt er Richter, die seiner Ansicht nach
       von oben vorgegebene Urteile fällen. Er malt auch Porträts politischer
       Gefangener. So hinterlässt er Graffiti gegen die Besatzung, für einen
       proeuropäischen Kurs und mit Kritik an der Regierung.
       
       Fast jedes seiner Werke wird schon kurz darauf beseitigt. Nicht nur die
       Kommune, auch Anwohner übermalen seine Bilder und geben den Wänden ihr
       früheres, vermeintlich sicheres Aussehen zurück. Doch Rosto kommt wieder.
       In einer Stadt, die an bestimmte Grenzen des Erlaubten gewöhnt ist, lotet
       er immer wieder aus, wo genau diese Grenzen verlaufen.
       
       Rostos Protest beschränkt sich längst nicht mehr auf die Wände und Mauern
       der Stadt. Im November 2025 schuf er gemeinsam mit einem anderen Aktivisten
       die riesige Geoglyphe [4][„MEGOBARI Act“] – eine rund 380 Meter lange
       Inschrift auf einem freien Feld. Sie richtete sich an amerikanische
       Kongressabgeordnete und rief sie dazu auf, die demokratischen Bestrebungen
       in Georgien zu unterstützen.
       
       Für diese Aktion wurde Rosto sowohl von der Stadtverwaltung Zugdidi als
       auch vom Umweltministerium mit einer Geldstrafe belegt. Die Behörden warfen
       dem Aktivisten vor, gegen die Vorschriften zur Nutzung staatlichen
       Grundbesitzes verstoßen zu haben.
       
       ## Die Wand ist Teil der Botschaft
       
       Es war nicht sein erster juristischer Konflikt mit den [5][Behörden]. Ein
       örtliches Gericht hat Rosto bereits mehrfach wegen seiner Arbeiten mit
       Geldstrafen belegt – unter anderem, weil er ein Bild der Journalistin Mzia
       Amaglobeli auf das Gebäude der Bezirksstaatsanwaltschaft gemalt hatte.
       Amaglobeli war im Zusammenhang mit den proeuropäischen Protesten
       festgenommen worden.
       
       Für seine Arbeiten wählt Rosto bewusst Orte aus, die besondere öffentliche
       Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Eine Wand ist für ihn nicht einfach nur
       eine Fläche, auf der ein Bild entsteht. Sie ist Teil der Botschaft selbst.
       
       So hat sich seine Straßenkunst nach und nach zu einer dauerhaften
       Auseinandersetzung mit der Stadt entwickelt. Der Ablauf wirkt beinahe
       mechanisch: Rosto trägt die Farbe auf – die Stadt entfernt sie. Rosto
       bekommt eine Geldstrafe – er bezahlt sie aus Prinzip nicht. Rosto greift
       wieder zur Spraydose.
       
       Zu einer endgültigen Konfrontation kommt es nicht. Es gibt keinen Moment,
       in dem eine Seite die andere endgültig besiegt.
       
       Es gibt nur die nächste Wand. Und Rostos nächstes Bild.
       
       [6][Khatia Khasaia] ist Journalistin beim georgischen Dienst von Radio
       Liberty in Tbilissi. Zuvor arbeitete sie für die unabhängige
       Medienplattform [7][Sova]. Sie nahm am [8][Workshop für Journalistinnen aus
       Osteuropa] der taz panterstiftung teil. 
       
       Aus dem Russischen von [9][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch Spenden an die [10][taz panterstiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       9 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [4] https://oc-media.org/georgian-activist-fined-again-for-geoglyphing-megobari-act/
 (DIR) [5] /Tagebuch-aus-Georgien/!6097564
 (DIR) [6] https://about.rferl.org/people/khatia-khasaia-georgia/
 (DIR) [7] https://sovanews.tv/english/
 (DIR) [8] /Osteuropa-Workshops/!vn6047722/
 (DIR) [9] /Tigran-Petrosyan/!a22524/
 (DIR) [10] /Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
       
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