# taz.de -- Tagebuch aus Georgien: Das Kreuz und die Queeren
       
       > In Tbilisi gibt es weiterhin eine LGBTQ+-Community. Staat und orthodoxe
       > Kirche machen ihr das Leben schwer, und doch gibt es auch andere Signale.
       
 (IMG) Bild: Eingang zum Pride Festival in Tblisi im Juli 2022
       
       Nachts steht ein georgisch-orthodoxer Priester mitten auf einer der bei
       Queers beliebtesten Straßen Tbilisis. Lange schwarze Soutane, grauer Bart.
       Um ihn herum trinken und rauchen junge Menschen vor den Bars, tanzen,
       flirten und lachen. Hier, in der Waschlowani-Straße, befindet sich auch die
       Success Bar, die älteste Schwulenbar Georgiens. Seit 26 Jahren eine
       Institution.
       
       Der Priester beobachtet das Treiben gelassen. Menschen, die ihn hier
       häufiger sehen, erzählen, dass er manchmal selbst in eine der Bars geht, um
       etwas zu trinken.
       
       Für LGBTQ+-Menschen war [1][Tbilisi] nie ein Ort, der ihnen viel Sicherheit
       bot. Doch nachts wurde diese Straße zu einem der wenigen Orte, an denen
       queere Menschen zumindest für einige Stunden sie selbst sein konnten.
       
       Nur wenige Schritte entfernt, in der Achwlediani-Straße, befand sich das
       Büro von Tbilisi Pride. Am 5. Juli 2021 ereignete sich dort einer der
       symbolträchtigsten Momente in der Geschichte der georgischen
       Queer-Community.
       
       ## Marsch der Würde
       
       An diesem Tag sollte in Tbilisi der „Marsch der Würde“ stattfinden, die
       Abschlussveranstaltung der Tbilisi Pride Week. Doch rechtsradikale Gruppen
       stürmten das Büro von Tbilisi Pride, rissen die Regenbogenflagge herunter
       und verwüsteten die Räume. Unter den Teilnehmern der homophoben Proteste
       befanden sich auch Vertreter des Klerus.
       
       Am selben Tag wurde vor dem [2][Parlamentsgebäude] in der Rustaweli-Allee
       ein Metallkreuz aufgestellt. Es steht dort bis heute – wie ein im Zentrum
       der Stadt erstarrtes Zeichen dafür, wer und was hier seinen Platz haben
       soll.
       
       Zwei Jahre später, im Juli 2023, stürmten Gegner von LGBTQ+ eine nicht
       öffentliche Veranstaltung von Tbilisi Pride und brachten das Festival zum
       Abbruch. Danach wurde das öffentliche Leben der queeren Community noch
       zurückhaltender. 2024 verzichtete Tbilisi Pride wegen drohender Gewalt ganz
       auf öffentliche Veranstaltungen.
       
       Dann wurden die Einschränkungen auch gesetzlich verankert. Im September
       2024 verabschiedete das [3][Parlament] das Gesetz „Über Familienwerte und
       den Schutz Minderjähriger“. Es schränkte die Rechte von LGBTQ+-Menschen in
       zahlreichen Bereichen ein: von öffentlichen Versammlungen und Bildung bis
       hin zu medizinischen Maßnahmen im Zusammenhang mit einer
       Geschlechtsangleichung. Auch die Berichterstattung in Medien fiel unter die
       Beschränkungen.
       
       ## Orthodoxie und Identität
       
       Besonders wichtig in dieser Geschichte ist die orthodoxe Kirche. Für viele
       Georgier ist die Orthodoxie nicht nur eine Religion, sondern auch Teil
       ihrer nationalen Identität. Deshalb hat die kirchliche Rhetorik gegen
       LGBTQ+-Menschen hier ein deutlich größeres Gewicht als gewöhnliche
       politische Äußerungen.
       
       Und doch begegnet man nachts in der Waschlowani-Straße einem Priester in
       schwarzer Soutane. Er steht mitten unter jenen Menschen, die von der
       öffentlichen Rhetorik der Kirche seit Langem als „Fremde“ – im Unterschied
       zu den „Eigenen“ – markiert werden. Und darin liegt etwas sehr Georgisches.
       
       Denn die georgische Gesellschaft ist komplexer als die Parolen, mit denen
       man sie zu beschreiben versucht. Man kann von „traditionellen Werten“
       sprechen – und sich zugleich nachts auf einer Straße wiederfinden, die
       gerade deshalb existiert, weil Menschen hier einen Raum für Freiheit
       gefunden haben.
       
       Doch heute wirkt diese Ambivalenz nicht mehr harmlos. Der Staat versucht
       zunehmend, für die Gesellschaft zu entscheiden, wer sichtbar sein darf, wen
       man lieben darf, wo Menschen zusammenkommen dürfen – und was als normal zu
       gelten hat.
       
       Mit dem neuen Gesetz sind queere Menschen nicht verschwunden. Auch die Bars
       sind nicht verschwunden, ebenso wenig Liebe, Freundschaft oder Sex.
       Verschwunden ist etwas anderes: das Gefühl, ein Recht auf all das zu haben.
       
       Und der Widerstand dagegen sieht manchmal alles andere als heroisch aus.
       Wie eine Bar, die einfach weiter geöffnet bleibt. Wie ein Mensch, der
       nachts trotzdem in die Waschlowani-Straße kommt. Oder wie ein Priester, der
       hier in eine Bar geht, um etwas zu trinken.
       
       [4][Khatia Khasaia] ist Journalistin beim georgischen Dienst von Radio
       Liberty in Tbilisi. Zuvor arbeitete sie für die unabhängige Medienplattform
       [5][Sova]. Sie nahm am [6][Workshop für Journalistinnen aus Osteuropa] der
       taz panterstiftung teil.
       
       Aus dem Russischen [7][Tigran Petrosyan]. 
       
       Finanziert wird das Projekt von der [8][taz panterstiftung].
       
       3 Sep 2026
       
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