# taz.de -- Tagebuch aus der Ukraine: Geschichten von der Rettung der Fledermäuse
       
       > Zu den Kriegsfolgen in der Ukraine gehört, dass sich Tausende Fledermäuse
       > in leerstehenden Gebäuden einnisten. Etliche Gruppen kümmern sich um sie.
       
 (IMG) Bild: Kleine Mausohrfledermäuse rasten in einer Höhle auf der Krim, Juli 2009
       
       Es gibt Menschen, für die wäre das ein Grund zur Panik: Jüngst hatte eine
       Frau, die nach längerer Abwesenheit nach Kyjiw zurückkehrte, in ihrer
       Wohnung 381 Fledermäuse entdeckt. Sie hatte die Fenster offen gelassen, und
       die Tiere waren so in ihre Wohnung gelangt. Tierschützer:innen wurden
       sofort aktiv. 347 noch lebende Fledermäuse sammelten sie in der Wohnung
       ein, 9 weitere Tiere fanden sie tot auf.
       
       In einer anderen Wohnung in Charkiw, deren Bewohner:innen wegen des
       Krieges die Stadt verlassen hatten, wurden 120 Fledermäuse entdeckt. Dort
       waren 46 bereits verendet, die übrigen konnten gerettet werden.
       
       In Charkiw ist das kein neues Phänomen. Schon im März 2026 hatten Fachleute
       in einem Haus mehr als 900 Fledermäuse gefunden, die den Hohlraum hinter
       der Balkonverkleidung mehrere Jahre lang als Winterquartier genutzt hatten.
       
       Umweltschützer weisen darauf hin, dass Urbanisierung und die Zerstörung
       natürlicher Lebensräume Fledermäuse dazu zwingen, sich in die Nähe von
       Menschen zu begeben und sich ihnen anzupassen. Verschärft wird die
       Situation [1][durch den Krieg]: Häuser, die wegen Beschuss oder
       Evakuierungen leer stehen, werden zu idealen Ersatzhöhlen für
       Fledermauskolonien, die Dunkelheit, Ruhe und Schutz vor Kälte suchen.
       
       ## In der Ukraine gibt es 28 Fledermausarten
       
       Alle 28 in der Ukraine vorkommenden Fledermausarten stehen unter Schutz und
       sind im Roten Buch der Ukraine verzeichnet. Dabei leisten diese kleinen
       nachtaktiven Säugetiere eine enorme Arbeit, die wir kaum wahrnehmen: Sie
       vernichten Insekten und tragen dazu bei, das natürliche Gleichgewicht zu
       erhalten.
       
       Für ihre Rettung ist das Ukrainische Zentrum für die Rehabilitation von
       Fledermäusen, Bats Ukraine, zuständig. Das Zentrum arbeitet seit 2013 und
       hat seither in 218 Orten des Landes bereits mehr als 34.000 Fledermäuse
       gerettet.
       
       Meldungen über gefundene Tiere erreichen das Zentrum über soziale
       Netzwerke, über freiwillige Helfer:innen oder über eine spezielle
       Hotline. Jede Fledermaus wird untersucht, Art, Geschlecht und Alter werden
       bestimmt, und das Tier wird gewogen. Bei Bedarf erhält es Wasser und
       Futter.
       
       ## Ein Fest zu Befreiung der Fledermäuse in Odessa
       
       In meiner Heimatstadt [2][Odessa] nahm eine Mitarbeiterin des Zentrums im
       vergangenen Winter 28 Fledermäuse, die Bewohner in Hauseingängen und
       Wohnungen gefunden hatten, vorübergehend bei sich auf. Im Frühjahr 2026
       wurden in einem Park in Odessa 27 gesund gepflegte Tiere wieder in die
       Freiheit entlassen.
       
       Zu dem Ereignis der Freilassung kamen mehrere Hundert Menschen. Zunächst
       hält man eine Fledermaus vorsichtig in den Händen. Sie ist klein, leicht
       und hat überhaupt nichts mit dem furchteinflößenden Wesen gemein, das die
       menschliche Fantasie aus ihr gemacht hat. Dann kommt der Moment, in dem
       sich die Hände öffnen. Und sie fliegt davon. Eine nach der anderen. In den
       Abendhimmel über Odessa.
       
       Vielleicht liegt genau darin das große [3][Paradox]: Der Krieg zwingt
       Menschen, ihre Häuser zu verlassen – während andere Lebewesen gerade in
       diesen verlassenen Häusern Zuflucht finden.
       
       [4][Tatjana Milimko] ist Chefredakteurin des ukrainischen
       Onlinenachrichtenportals [5][USI.online] und Alumna der taz panterstiftung
       ([6][Workshops für Journalist:innen aus Osteuropa])
       
       Aus dem Russischen von [7][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch Spenden an die [8][taz panterstiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       25 Sep 2026
       
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