# taz.de -- Tagebuch aus Kasachstan: Irgendein Job, irgendwas mit Töten
       
       > Etliche Männer aus Kasachstan berichten, Russland setze sie gegen ihren
       > Willen im Krieg ein. Nun versucht die Regierung, sie nach Hause zu holen.
       
 (IMG) Bild: Bahnt sich das Ende der Zusammenarbeit an? Wladimir Putin mit Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew
       
       Anfang Oktober kursierten in Kasachstan plötzlich Videos, die mehrere
       Männer in militärischen Uniformen zeigen, wie sie in einem Unterstand
       sitzen, mutmaßlich auf ukrainischem Gebiet. Sie richten einen Hilferuf an
       die kasachische Regierung. Die Männer berichten, sie seien nach Russland
       gereist, um dort zu arbeiten. An einem Kriegseinsatz hätten sie nie
       teilnehmen wollen.
       
       Arbeitsplätze bei Sicherheitsfirmen, in Fleischverarbeitungsbetrieben und
       Geflügelfabriken seien ihnen versprochen worden, berichten die Männer.
       Stattdessen seien sie unter Ausnutzung ihrer mangelnden Russischkenntnisse
       dazu gebracht worden, Militärverträge zu unterschreiben. Sie hätten nicht
       verstanden, wozu sie sich verpflichteten. Nun bitten sie die kasachischen
       Behörden, ihre Rückkehr zu ermöglichen. Sie hätten Angst, an der Front zu
       sterben.
       
       Nach Angaben der Männer bestand ihre Gruppe ursprünglich aus 15
       Kasachstanern. Zum Zeitpunkt der Videoaufnahme seien nur noch neun von
       ihnen als Gruppe zusammen gewesen. Die übrigen sechs seien bereits in
       Kampfgebiete geschickt worden. Später kamen Berichte über insgesamt 21
       kasachische Staatsbürger auf, die sich in einer vergleichbaren Lage
       befinden sollen. Unabhängig überprüfen lassen sich die Schilderungen der
       Betroffenen bislang nicht.
       
       Im fünften Jahr des russischen Großangriffs auf die Ukraine ist dies
       [1][nicht der erste Bericht] über Menschen aus Zentralasien, die
       ursprünglich für Jobs nach Russland gereist sein sollen und anschließend
       [2][im Krieg eingesetzt] wurden. Auch Staatsangehörige Kirgisistans,
       Tadschikistans und Usbekistans haben in der Vergangenheit entsprechende
       Vorwürfe erhoben. [3][Betroffene] berichteten von Täuschung, Drohungen und
       Gewalt. Zudem gaben einige an, Verträge auf Russisch unterschrieben zu
       haben, obwohl sie die Sprache nicht ausreichend beherrschten. In welchem
       Umfang solche Praktiken tatsächlich angewendet wurden, lässt sich nicht
       zuverlässig feststellen.
       
       ## Kasachstans Regierung bewegt sich
       
       Nach Schätzungen des ukrainischen Programms „[4][Ich will leben]“ haben
       bislang fast 13.000 Menschen aus zentralasiatischen Ländern auf russischer
       Seite am Krieg gegen die Ukraine teilgenommen oder nehmen weiterhin daran
       teil. Darunter sollen 2.389 kasachische Staatsbürger sein. Die Zahlen sind
       nicht nur nicht zu verifizieren, sie sagen zudem nichts darüber aus, wie
       viele der Betroffenen freiwillig in den Krieg zogen und wie viele
       möglicherweise unter Druck gesetzt oder getäuscht wurden.
       
       Bemerkenswert an dem aktuellen Fall ist nicht nur die Zahl der mutmaßlich
       Betroffenen, sondern auch die [5][Reaktion der kasachischen Behörden].
       Anders als bei [6][früheren Berichten] über die Beteiligung kasachischer
       Staatsbürger am Krieg schaltete sich diesmal das Außenministerium ein. Es
       kündigte an, die Vorwürfe zu prüfen, und nahm Gespräche mit der russischen
       Seite auf.
       
       Etwa eine Woche später wurde bekannt, dass neun Kasachstaner unter
       Beteiligung des Außenministeriums aus dem Kampfgebiet gebracht worden sein
       sollen. Sie halten sich demnach inzwischen im russischen Woronesch auf.
       Wann sie nach Kasachstan zurückkehren können, ist unklar. Über das
       Schicksal der zwölf weiteren Männer liegen bislang keine gesicherten
       Informationen vor.
       
       ## In der Heimat warten Probleme
       
       Selbst eine Rückkehr in ihre Heimat würde für die Betroffenen nicht
       zwangsläufig das Ende ihrer [7][Probleme] bedeuten. In Kasachstan sind
       Söldnertätigkeit und die Teilnahme an Kampfhandlungen in anderen Staaten
       strafbar. In den vergangenen Jahren wurden kasachische Staatsbürger, die
       auf russischer Seite gekämpft hatten, nach ihrer Rückkehr wiederholt
       verurteilt, zu bis zu fünf Jahren Gefängnis.
       
       Die entscheidende Frage bleibt, ob Menschen, die nach Russland kamen, um
       ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ohne ihre informierte Zustimmung in
       einen Krieg geschickt wurden.
       
       [8][Nikita Danilin] , Jahrgang 1996, ist ein Journalist aus Almaty
       (Kasachstan). Er war Teilnehmer eines [9][Osteuropa-Workshops der taz
       panterstiftung]. 
       
       Aus dem Russischen von [10][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch [11][Spenden an die taz panterstiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       30 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Tagebuch-aus-Kasachstan/!6121939
 (DIR) [2] /Tagebuch-aus-Armenien/!6186747
 (DIR) [3] /Tagebuch-aus-Russland/!6186745
 (DIR) [4] /Meduza-Auswahl-21---27-August/!6109516
 (DIR) [5] /Tagebuch-aus-Kasachstan/!6205345
 (DIR) [6] /Tagebuch-aus-Kasachstan/!6169512
 (DIR) [7] /Tagebuch-aus-Kasachstan/!6142842
 (DIR) [8] /Nikita-Danilin/!a144060/
 (DIR) [9] /taz-Panter-Stiftung/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
 (DIR) [10] /Tigran-Petrosyan/!a22524/
 (DIR) [11] /Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nikita Danilin
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Kolumne Krieg und Frieden
 (DIR) taz Panter Stiftung
 (DIR) Kasachstan
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kolumne Krieg und Frieden
 (DIR) Kolumne Krieg und Frieden
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) +++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: USA genehmigen Verkauf von 500 Patriot-Raketen an Ukraine
       
       Die Ukraine soll Patriots für zwei Milliarden Dollar bekommen, bezahlt von
       Deutschland, Kanada, Norwegen und der EU. Aber es gibt noch keinen
       Liefertermin.
       
 (DIR) Tagebuch aus Litauen: Wo bleibt der Bus aus Belarus?
       
       Lettland und Litauen schränken Verkehrsverbindungen nach Belarus ein. Für
       Menschen im Exil eine Belastung. Wie halten sie Kontakt zu ihren
       Verwandten?
       
 (DIR) Tagebuch aus Georgien: Wo steht denn, dass Bilder immer schweigen müssen?
       
       Im georgischen Zugdidi fordert der Aktivist und Künstler Rosto Zarandia die
       Behörden heraus – mit Graffiti, Straßenkunst und sehr langem Atem.
       
 (DIR) Tagebuch aus Russland: Zur Wahl stand die Qual
       
       Anzukreuzbar ist nur, was das Leben verschlechtert und den Krieg
       verlängert. Die Duma-Wahlen beweisen: Demokratie ist für den Kreml bloße
       Attrappe.