# taz.de -- Tagebuch aus Litauen: Wo bleibt der Bus aus Belarus?
> Lettland und Litauen schränken Verkehrsverbindungen nach Belarus ein. Für
> Menschen im Exil eine Belastung. Wie halten sie Kontakt zu ihren
> Verwandten?
(IMG) Bild: Busbahnhof in Vilnius
„Mama, ich habe aufgeschrieben, was Oma für mich kochen soll“, sagt der
Sohn meiner Freundin. Auf einem großen Blatt Papier, das am Kühlschrank
hängt, stehen in Kinderschrift seine Lieblingsgerichte: Würstchen im
Teigmantel, Pizza, Kohlrouladen. Die soll seine Großmutter für ihn kochen.
Einmal im Jahr kommt die Oma [1][aus Belarus nach Litauen], um ihre Tochter
und ihren Enkel zu besuchen. Inzwischen fällt ihr das Reisen schwer. Sie
ist auf zwei Gehstöcke angewiesen. Solange es jedoch direkte
Busverbindungen gibt, kann sie den Weg noch auf sich nehmen.
Doch was passiert, wenn es diese Verbindungen zwischen Belarus und den
baltischen Staaten nicht mehr geben wird? Die Frage ist keineswegs
theoretisch. Ab dem kommenden Jahr stellt Lettland die entsprechenden
Verbindungen ein. Auch in Litauen werden ähnliche Maßnahmen diskutiert.
Begründet wird dies mit Russlands Krieg gegen die Ukraine, der
Unterstützung des Krieges durch die belarussischen Behörden und mit
Sicherheitsbedenken.
Die politische Logik dahinter ist verständlich. Doch es gibt noch eine
andere Perspektive: die der vielen Menschen aus Belarus, die vor
politischer Verfolgung und Gefängnis nach Litauen geflohen sind und nicht
in ihre Heimat zurückkehren können.
Einige konnten gemeinsam mit ihren Familien ausreisen. Viele andere mussten
Eltern, Großeltern oder weitere Angehörige in Belarus zurücklassen. Für sie
ist der [2][Bus] oft die einfachste, manchmal sogar die einzige
Möglichkeit, den Kontakt nicht nur telefonisch aufrechtzuerhalten, sondern
ihre Angehörigen tatsächlich zu treffen.
## Visa erteilen, aber Buslinien einstellen?
Darin liegt ein Widerspruch: Die baltischen Staaten stellen weiterhin Visa
für Angehörige politischer Emigranten und ehemaliger politischer Gefangener
aus, denn sie wollen nicht, dass Familien, die durch Repressionen und
erzwungene Ausreise ohnehin auseinandergerissen wurden, auch noch die
Chance verlieren, einander zu treffen. Doch was nützt ein Visum, wenn der
Weg über die Grenze kaum noch zu bewältigen ist? Ganz unmöglich wird eine
Reise ohne direkte Busverbindungen zwar nicht, aber sie wird komplizierter,
länger und vor allem teurer: über ein Drittland, mit Flügen, Umstiegen – da
entstehen erhebliche zusätzliche Kosten.
Für junge und gesunde Menschen mag das umständlich und anstrengend aber zu
bewältigen sein. Für eine ältere Frau, die auf zwei Gehstöcke angewiesen
ist und einmal im Jahr ihre Tochter und ihren Enkel besucht, kann ein
solcher Weg jedoch zu einer kaum überwindbaren Hürde werden.
## Soll das eigene Auto die einzige Möglichkeit werden?
Das Problem betrifft zudem nicht nur [3][belarussische Exilierte.] In
Belarus leben auch Angehörige von Menschen aus Litauen, Lettland und Polen.
Gerade in den Grenzregionen sind viele Familien über mehrere Länder
verteilt. Wie sollen sie künftig zueinanderkommen? Wie schafft man es
rechtzeitig zur [4][Beerdigung] eines nahestehenden Menschen? Wie besucht
man die Gräber der Eltern oder Großeltern?
Natürlich gibt es Alternativen: das eigene Auto, private Fahrer oder
Mitfahrgelegenheiten. Doch solche Fahrten sind erheblich teurer.Wo
bezahlbare Verkehrswege verschwinden, entsteht fast zwangsläufig ein Markt
für kostspielige Umwege. Was bisher eine Busfahrt war, kann für manche
Menschen zu einer Reise werden, die sie sich kaum noch leisten oder
körperlich nicht mehr bewältigen können.
Sollten die baltischen Staaten die Verkehrsverbindungen tatsächlich
einstellen, werden wir unseren Kindern noch mehr erklären müssen: warum wir
gezwungen waren, unser Land zu verlassen, warum wir nicht zurückkehren
können, warum die belarussischen Behörden ihre Eltern ins [5][Gefängnis]
bringen wollen – und was politische Repression bedeutet.
Und irgendwann vielleicht auch, warum Oma nicht mehr zu Besuch kommen kann.
Und warum wir nicht wissen, wann wir sie wiedersehen werden. Wenn
überhaupt.
[6][Glafira Zhuk] war Stipendiatin der [7][taz panterstiftung].
Aus dem Russischen von [8][Tigran Petrosyan].
Durch [9][Spenden an die taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
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16 Oct 2026
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## AUTOREN
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