# taz.de -- Tagebuch aus der Ukraine: Wir waren doch eine ganz normale Familie
       
       > Der lange Krieg belastet den Alltag der Menschen in der Ukraine sehr.
       > Viele Ehen wurden geschieden. Erst in jüngster Zeit wird wieder mehr
       > geheiratet.
       
 (IMG) Bild: Hochzeit in Kyjiw imJahr 2025. Im Hintergrund die Wand der Erinnerung an diejenigen, die für die Ukraine gestorben sind
       
       Der Krieg in der Ukraine wirkt tief in die [1][Leben der Menschen] hinein.
       Er hat eine massive Krise der Familien bewirkt, und diese Krise wird durch
       die erzwungene Trennung verschärft: Millionen Frauen sind mit ihren Kindern
       ins Ausland gegangen, während die Männer aufgrund des Kriegsrechts und der
       Mobilmachung im Land geblieben sind. In der Ukraine wird dieses Phänomen
       als „Scheidung auf Distanz“ bezeichnet.
       
       Dabei hat der Krieg keineswegs nur neue [2][Probleme] geschaffen, sondern
       er hat auch als [3][Katalysator] gewirkt: Verborgene Risse in Ehen wurden
       offengelegt und deren Zerbrechen beschleunigt.
       
       „Wir waren eine ganz normale Familie“, erzählt Aljona, Mutter von zwei
       minderjährigen Kindern aus Charkiw. „Besondere Probleme hatten wir nicht.
       Es war wie bei allen anderen auch: Kleinere Meinungsverschiedenheiten, die
       wir im Großen und Ganzen gut lösen konnten.“
       
       ## Wie sich Aljonas Leben veränderte
       
       Als der Krieg begann, reiste Aljona mit den Kindern aus der Ukraine aus.
       Ihr Mann blieb zurück, weil er im wehrpflichtigen Alter war. Beide seien
       zunächst davon ausgegangen, dass die Trennung nur von kurzer Dauer sein
       würde. „Wir dachten, der Krieg würde ein paar Monate dauern und wir würden
       nach Hause zurückkehren.“
       
       Doch aus einigen Monaten wurde mehr als ein Jahr. Aljona besuchte ihren
       Mann immer wieder in Charkiw und bemerkte dabei, wie sich ihre Beziehung
       veränderte. „Jedes Mal hatte ich das Gefühl, dass wir uns immer weiter
       voneinander entfernen“, sagt sie. Am Ende zerbrach die Ehe. Das Paar ließ
       sich scheiden. Erst später, erzählt Aljona, habe sie erfahren, dass ihr
       Mann eine Affäre mit einer Kollegin begonnen hatte.
       
       Heute lebt Aljona in Norwegen. Ein halbes Jahr nach der Scheidung habe sie
       einen neuen Mann kennengelernt, erzählt sie. Inzwischen denken die beiden
       darüber nach, eine Familie zu gründen. Sie arbeitet in einer
       Fischverarbeitungsfabrik, ihre Kinder besuchen eine örtliche Schule. „Ich
       möchte in Norwegen bleiben“, sagt Aljona.
       
       ## Wie Alexander sich fühlt
       
       Alexander aus Dnipro erzählt, seine Frau sei kurz nach Kriegsbeginn nach
       Polen gegangen. Anfangs hielten sie engen Kontakt, doch später habe sie
       einen anderen Mann kennengelernt und die Scheidung eingereicht. „Gerade
       damals wollte ich zum Militär gehen und hätte ihre Unterstützung
       gebraucht“, sagt er.
       
       Auch Marjana aus Odessa begann im Ausland ein neues Leben. Seit drei Jahren
       lebt sie in Deutschland, heiratete einen Berliner und bekam ein Kind. „Mir
       gefällt das Leben hier einfach besser“, sagt sie. Die Scheidung von ihrem
       früheren Mann habe keinen konkreten Anlass gehabt. Sie habe sich für ein
       Leben in Deutschland entschieden und bereue diese Entscheidung nicht.
       
       Die Auswirkungen des Krieges auf Familien sind widersprüchlich. Auch die
       Statistik zu Eheschließungen und Scheidungen in der Ukraine gleicht in den
       vergangenen fünf Jahren einer Achterbahnfahrt. Die erste Reaktion auf den
       Krieg war eine starke Annäherung: 2022 heirateten Paare massenhaft in
       Luftschutzbunkern, an der Front oder online. Zugleich kamen
       Scheidungsverfahren aufgrund der ständigen [4][Luftalarme] weitgehend zum
       Erliegen. In diesem Jahr wurden 222.900 Ehen geschlossen und lediglich
       17.900 Scheidungen registriert.
       
       2023 sank die Zahl der Eheschließungen auf 186.100, während die Zahl der
       Scheidungen auf 24.100 stieg. Danach änderte sich die Entwicklung deutlich:
       Lange Trennungen, enormer Stress, posttraumatische Belastungen und
       finanzielle Schwierigkeiten setzten immer mehr Beziehungen unter Druck.
       2024 wurden 150.200 Ehen geschlossen. Gleichzeitig stieg die Gesamtzahl der
       Scheidungen auf rund 141.800 und erreichte damit nahezu das Niveau der
       Eheschließungen.
       
       ## Der Trend kehrt sich um
       
       Erst 2025 begann sich das Verhältnis wieder zu verändern: Auf 10 neu
       geschlossene Ehen kamen [5][7 Scheidungen]. Im laufenden Jahr zeigt sich
       ein ähnliches Bild. Die klassischen Scheidungsgründe sind nicht
       verschwunden: Untreue, Alkohol, Konflikte im Alltag oder die Einmischung
       von Angehörigen. Doch der Krieg hat neue Belastungen hinzugebracht –
       psychische Erschöpfung, posttraumatische Belastungsstörungen und die
       Schwierigkeit, nach einer langen Trennung wieder zueinanderzufinden.
       
       Das betrifft etwa Familien, in denen Frauen mit ihren Kindern ins Ausland
       geflohen sind und über lange Zeit getrennt von ihren Partnern leben. Aber
       auch die Rückkehr eines Ehepartners von der Front kann eine Beziehung vor
       völlig neue Herausforderungen stellen.
       
       [6][Oksana Puhachova] wurde im ukrainischen Charkiw geboren. Seit Beginn
       des russisch-ukrainischen Krieges lebt sie mit ihrer Familie in Lettland.
       Sie arbeitet für lettische Medien wie lsm.lv und chayka.lv sowie für
       estnische Medien, etwa Estonian Radio 4. Sie hat sich auf soziale Themen
       vor dem Hintergrund der Kriegshandlungen in der Ukraine spezialisiert. Sie
       ist Teilnehmerin eines [7][Osteuropaworkshops] für Journalist:innen der
       taz panterstiftung. 
       
       Aus dem Russischen von [8][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch Spenden an die [9][taz panterstiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       18 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Oksana Puhachova
       
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