# taz.de -- Antifaschistische Wirtschaftspolitik: Wenn der Staat Hand anlegt
> Immer wieder haben Regierungen Märkte gesteuert, wenn sie
> gesellschaftliche und politische Krisen verschärften. Drei Beispiele, aus
> denen wir lernen können.
## USA: Arbeitslosigkeit bekämpfen
Anfang der 1930er Jahre lag die US-Wirtschaft am Boden. Der Börsencrash
1929 hatte eine Spirale des Niedergangs ausgelöst: Kaum jemand wollte mehr
etwas kaufen. Unternehmen mussten ihre Preise senken, konnten deshalb
Kredite nicht mehr bedienen und gingen bankrott. Immer mehr Menschen
verloren ihre Arbeit und damit ihr Gehalt, der Konsum ging noch weiter
zurück. Die Silver Legion gewann mit einer ausdrücklich am
Nationalsozialismus orientierten Ideologie Tausende Mitglieder, der
antisemitische Radiopriester Charles Coughlin erreichte Millionen.
Der 1928 gewählte US-Präsident Herbert Hoover tat nichts, um die Krise zu
beenden, ganz im Gegenteil: Weil die Steuereinnahmen sanken, erhöhte er die
Steuern und würgte so die Wirtschaft noch weiter ab. 1932 wurde er
abgewählt. Sein Nachfolger, Franklin D. Roosevelt, verfolgte eine gänzlich
andere Politik: Er wollte zeigen, dass der Staat im Interesse seiner
Bürger*innen handeln kann. Roosevelt setzte ein riesiges
Investitionsprogramm auf, in dessen Mittelpunkt die Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit stand. Die Public Works Administration (WPA) baute Dämme,
Straßen, Krankenhäuser und Schulen und belebte so den Bausektor wieder. Das
[1][Civilian Conservation Corps] (CCC) stellte Arbeitslose zwischen 18 und
25 an und bekämpfte die verheerende Bodenerosion in der sogenannten „Dust
Bowl“, legte Wanderwege und Campingplätze in Nationalparks an und baute
Feuerwachtürme, um Waldbrände zu verhindern.
So wie der Großteil von Roosevelts Politik waren auch WPA und CCC von
Rassismus geprägt. Der Präsident brauchte die Unterstützung der
Südstaaten-Demokraten, die seit dem späten 19. Jahrhundert Schwarze
Menschen im Süden systematisch unterdrückten. Im CCC zum Beispiel lebten
und arbeiteten Weiße und Schwarze Menschen in getrennten Camps.
Die Menschen, die dank WPA und CCC Arbeit hatten, gaben ihren Lohn aus oder
schickten ihn an ihre Familien. So stieg der Konsum wieder und die
US-Wirtschaft erholte sich in den 1930er Jahren langsam. Roosevelt wurde
1936 mit 60 Prozent der Stimmen wiedergewählt.
## Frankreich: Investitionen planen
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs stand Frankreich vor einer Entscheidung:
„Modernisierung oder Dekadenz“. Das glaubte zumindest Jean Monnet, der 1946
im gerade befreiten Land eine Planungskommission gründete und dem ersten
Plan genau diesen Slogan gab. Von 1940 bis 1945 war Frankreich von
NS-Deutschland besetzt gewesen. Und während viele Franzos*innen
Widerstand leisteten, kollaborierte eine große Zahl von
Demokratiegegner*innen mit der Besatzungsmacht. Um die fragile neue
Republik nicht zu gefährden, musste die Wirtschaft wieder aufgebaut werden,
das wusste Monnet.
Dafür sollte eine Wirtschaftspolitik sorgen, die in Schlüsselsektoren wie
Stahlproduktion, Gütertransport und Stromversorgung Wachstumsziele
festlegt. Die staatliche Planungskommission arbeitete mit Unternehmern und
Gewerkschaften zusammen, die für die einzelnen Sektoren die Details
ausarbeiteten. So sollte sichergestellt werden, dass der Plan tatsächlich
umsetzbar war. Wie, wo und wann genau der Staat eingriff, entschied er je
nach den gegebenen Umständen, [2][wie der Ökonom Charles Kindleberger
schreibt]. Ein Fokus auf Modernisierung und Effizienz zog sich aber durch
das ganze Programm.
Geholfen haben dabei zwei Dinge: dass der französische Staat die meisten
Banken und Versicherer kontrollierte und so Investitionen gut steuern
konnte. Und die Drohung, Unternehmen zu verstaatlichen – was laut
Kindleberger meist effektiver war, als die Unternehmen tatsächlich zu
verstaatlichen.
Die Planer*innen konnten so knappe Maschinen und Rohstoffe den Sektoren
zukommen lassen, die für den Wiederaufbau des Landes am wichtigsten waren.
Die Vereinten Nationen stellten seinerzeit fest, dass die französische
Wirtschaft ihre Ressourcen effizienter als jedes andere westeuropäische
Land nutzte. Die 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelten in
Frankreich noch heute als „Les Trente Glorieuses“, die glorreichen 30.
## Mexiko: Lebensmittelpreise begrenzen
Kaum eine demokratisch gewählte Regierung hat die Inflation Anfang der
2020er Jahre überlebt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine schossen
die Preise für Öl, Benzin, Diesel und Gas in die Höhe, ebenso für Dünger.
Die Folge waren steigende Preise für Lebensmittel und jede Ware, die
transportiert werden muss – also so ziemlich alles. Für demokratisch
gewählte Regierungen bedeutete das meist die Abwahl. Sie fanden kein
Rezept, um die Inflation wirksam zu begrenzen. Konservative Regierungen wie
in Australien oder Großbritannien verloren die darauffolgenden Wahlen
genauso wie eher progressive in Deutschland oder den USA – wo der
Rechtsextreme Donald Trump Präsident wurde.
Nicht so in Mexiko. 2024 gewann die Regierungspartei der Linken Claudia
Sheinbaum die Wahlen dort deutlich. Sheinbaum ist die Nachfolgerin des
Linkspopulisten Andrés Manuel López Obrador, genannt Amlo. Amlo machte sich
zunutze, dass in Mexiko wie in vielen Ländern nur eine Handvoll Konzerne
den Lebensmittelhandel kontrollieren. Statt sie für Preiserhöhungen einfach
nur zu tadeln, wie es US-Präsident Joe Biden tat, [3][machte Amlo mit den
Unternehmen eine Vereinbarung aus]: 24 Produkte, darunter Lebensmittel und
Hygieneartikel, sollten insgesamt nicht mehr als 1.039 Peso, etwa 50 Euro,
kosten. Dieser Warenkorb war abgestimmt auf den wöchentlichen Bedarf einer
Familie. Die Konzerne, die sich beteiligten, erhielten im Gegenzug
Vergünstigungen wie billigere Schienenfrachtgebühren.
Die Preise des Warenkorbs bei den beteiligten Konzernen blieben laut dem
mexikanischen Finanzministerium stabil, während vergleichbare Produkte von
Unternehmen, die sich nicht an Amlos Vereinbarung beteiligten, um etwa 7
Prozent stiegen. Sheinbaum erhielt 35 Millionen Stimmen, wo Amlo 2018 noch
30 Millionen holte. Nach ihrer Wahl kündigte Sheinbaum an, das
Warenkorb-Programm noch auszuweiten.
10 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.britannica.com/topic/Civilian-Conservation-Corps
(DIR) [2] https://www.nber.org/system/files/chapters/c1426/c1426.pdf
(DIR) [3] https://mexiconewsdaily.com/news/amlo-agreement-private-sector-anti-inflation/
## AUTOREN
(DIR) Jonas Waack
## TAGS
(DIR) Zukunft
(DIR) Antifaschismus
(DIR) Wirtschaftspolitik
(DIR) Mexiko
(DIR) Soziale Marktwirtschaft
(DIR) Armutsbekämpfung
(DIR) Antifaschistische Wirtschaftspolitik
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Ökonomin über Faschismus und Wirtschaft: „Wir müssen den Nährboden der Frustration angehen“
Eine antifaschistische Wirtschaftspolitik sollte den Reichen ihr
Überlegenheitsgefühl nehmen, sagt Isabella Weber. Die Voraussetzung: ein
bezahlbares Leben für alle.
(DIR) VW-Vorstand droht mit Werksschließungen: Musterknabe der Unsozialen Marktwirtschaft
Der VW-Vorstand hat ein Paket des Grauens für seine Beschäftigten
geschnürt. Damit sollen Milliarden gespart werden – die erst kürzlich an
die Aktionäre ausgezahlt wurden.
(DIR) Forschung zu Gesellschaftssolidarität: Wer bekommt wie viel?
Der VWL-Professor Stefan Traub hat erforscht, wie das
Gerechtigkeitsempfinden bei Verteilungsfragen aussieht und eine
Bedarfs-Theorie entwickelt.