# taz.de -- US-Philosophin über Midterms: „Immer mehr Leute fühlen sich von Trump verraten“
       
       > Im Wirbel der multiplen Krisen schwinde die Macht der MAGA-Bewegung, sagt
       > die US-Philosophin Nancy Fraser – das sei eine Chance für eine neue
       > Linke.
       
 (IMG) Bild: Nancy Fraser: Die Philosophin ist eine der bekanntesten US-amerikanischen Feministinnen
       
       taz: Nancy Fraser, in den USA explodieren die Lebenshaltungskosten. Wie
       bewerten Sie als Philosophin das? 
       
       Nancy Fraser: Wir stecken in einer Erschwinglichkeitskrise. Viele Menschen
       erleben, dass sich ihre Lebensumstände drastisch verschlechtern. Aber das
       liegt längst nicht nur an der Inflation. [1][Die US-Regierung hat alle
       möglichen Sozialausgaben gekürzt], die Finanzierung vieler öffentlicher
       Dienstleistungen eingestellt und stattdessen die Militärausgaben erhöht.
       Unsere Schulen sind in einem katastrophalen Zustand, schlimmer noch als die
       in Frankreich, wo es gerade Massenproteste gibt. Hinzu kommt eine Krise der
       Löhne und Gehälter.
       
       taz: Das heißt? 
       
       Fraser: Der Arbeitsmarkt in den USA ist sehr prekär, da niedrig entlohnte
       Dienstleistungsarbeit in den vergangenen Jahrzehnten sichere und besser
       bezahlte Fertigungsarbeit ersetzt hat. Viele Arbeiter*innen müssen
       heute länger, teils in mehreren Jobs arbeiten, um sich finanziell über
       Wasser zu halten. Daraus folgt eine weitere Krise, die der Zeit. Es ist
       unglaublich zeitaufwendig, neben Lohn- und Sorgearbeit noch in Supermärkten
       die Preise zu vergleichen. Oder sich ohne Auto fortzubewegen, [2][weil man
       sich den Sprit kaum mehr leisten kann.]
       
       taz: Und jetzt naht auch noch der Winter, also die Heizsaison. 
       
       Fraser: Das ist die ökologische Dimension. Mancherorts bedeutet die
       ökologische Krise Waldbrände oder Überschwemmungen. Im Nordosten rechnen
       die Menschen mit einem extrem harten Winter und sorgen sich vor den
       Brennstoffkosten. Viele heizen immer noch mit Öl. All diese Krisen –
       Erschwinglichkeit, öffentliche Dienstleistungen, Löhne, Zeit, Ökologie –
       sind miteinander verbunden. Und gerade verdichten sie sich zu einem Sturm,
       der die Leute zum Nachdenken bringt.
       
       taz: Donald Trumps MAGA-Regime droht bei den Zwischenwahlen Anfang November
       eine herbe Schlappe. Die Republikaner könnten die Mehrheiten im Senat und
       im Repräsentantenhaus verlieren. Die Democratic Socialists hingegen – eine
       Graswurzelbewegung, die jene demokratische Kandidat*innen im Wahlkampf
       unterstützt, die sich ihr anschließen – könnten weiter erstarken. 
       
       Fraser: Immer mehr Leute fühlen sich von Donald Trump, den Republikanern,
       der MAGA-Bewegung verraten. Sie merken, dass sie nicht das bekommen, wofür
       sie gestimmt hatten. Manche sind entmutigt, andere wütend. All das spiegelt
       sich in den Umfragen zu den Zwischenwahlen wider. Der Rechtspopulismus
       scheint zu zerfallen, während sich zum ersten Mal seit geraumer Zeit eine
       wirkliche [3][neue Linke in den USA] entwickelt.
       
       taz: Auch in Deutschland macht sich das Gefühl breit, es gehe nur noch
       bergab. [4][Das konnte zuletzt aber vor allem die rechtsextreme AfD für
       sich nutzen.] 
       
       Fraser: Womöglich sind wir einen Schritt voraus. Wir haben MAGA 2016 zum
       ersten Mal an die Macht gebracht, 2024 erneut. Unsere Bevölkerung hatte
       Zeit zu erleben, was es bedeutet, unter einer derart rechtsgerichteten
       Regierung zu leben.
       
       taz: Dass MAGA sich offenbar entzaubert, ist überraschend, haben sie doch
       durch Fox News, Truth Social, X und weitere Medien eine immense
       Deutungsmacht in den USA. 
       
       Fraser: Es gibt ein berühmtes Sprichwort von Abraham Lincoln: „Man kann
       alle Menschen eine Zeit lang täuschen, und einige Menschen die ganze Zeit,
       aber man kann nicht alle Menschen die ganze Zeit lang täuschen.“ Ab einem
       bestimmten Punkt kommt Propaganda gegen die Alltagserfahrungen der Menschen
       nicht mehr an. In den USA scheint dieser Punkt erreicht.
       
       taz: Meist werden autoritäre Regime repressiver, wenn Ihnen die Kontrolle
       entgleitet. Könnte das nicht auch in den USA drohen? 
       
       Fraser: Einige sehr düstere Kräfte innerhalb der MAGA-Bewegung wünschen
       sich das sicherlich. Das ist momentan aber eine sehr kleine Minderheit.
       Außerdem kritisieren mittlerweile längst nicht mehr nur Linke Trump
       öffentlich, sondern auch wichtige rechte Medienpersönlichkeiten mit großen
       Anhängerschaften wie Tucker Carlson oder Marjorie Taylor Greene.
       
       taz: Seine Tech-Bros halten Trump bislang noch die Stange. Könnten auch
       Musk und Co. sich von Trump abwenden? 
       
       Fraser: Das werden sie, sobald es nötig ist. Die Tech-Oligarchen sind
       komplette Opportunisten. Leute wie Musk sind fundamental vom Staat,
       besonders von staatlichen Aufträgen abhängig. Im ganzen Hype um den freien
       Markt wird das meist ignoriert.
       
       taz: Das Silicon Valley würde sich also auch wieder mit einer
       demokratischen Regierung arrangieren? 
       
       Fraser: Wenn diese von den Zentristen dominiert wäre, ja. Das Silicon
       Valley hat – wie auch die Wall Street – sehr gut mit Bill Clinton und
       Barack Obama zusammengearbeitet. Ob sie auch mit einer linken US-Regierung
       kooperieren würden, ist eine andere Frage. Der Blick auf die Oligarchen,
       also die Milliardäre, ist aber viel weniger spannend als der auf die
       Arbeiter*innen im Tech-Sektor und in anderen symbolträchtigen Branchen.
       
       taz: Sie meinen, inwiefern sie sich der Linken zuwenden könnten? 
       
       Fraser: Ja. Viele Menschen, die sichere und gut bezahlte Karrieren im
       Journalismus, in der Wissenschaft, der Verwaltung, den Künsten oder der IT
       erwartet hatten, arbeiten heute als Uber-Fahrer oder in anderen prekären
       Jobs. Unsere politische Ökonomie verwehrt ihnen das Leben, das sie sich
       erhofft hatten. Für sie gibt es plötzlich ein Klassenproblem. Diese Leute,
       das hochgebildete Prekariat, sind ein bedeutender Teil der Basis der
       Democratic Socialists.
       
       taz: Warum? 
       
       Fraser: Sie sind gut ausgebildet, haben viele Fähigkeiten, können sehr gut
       kommunizieren. Und sie wollen sich die ihnen verwehrten Träume jetzt
       politisch erkämpfen. In New York gelang es der Zohran-Mamdani-Koalition im
       vergangenen Jahr, sie mit anderen Teilen der Arbeiter*innenschaft, der
       riesigen Einwandererbevölkerung in Queens sowie den Latinos und
       Afroamerikaner*innen zu vereinen. So muss die Linke weiter vorgehen:
       Verschiedene gesellschaftliche Gruppen zusammenbringen – und eine
       Gegenhegemonie aufbauen.
       
       taz: Gegenhegemonie, davon ist derzeit oft die Rede. Was genau meinen Sie
       damit? 
       
       Fraser: Der Begriff stammt von Antonio Gramsci …
       
       taz: … ein italienischer Marxist, der im Kampf gegen den Faschismus von
       Mussolinis Truppen verhaftet wurde … 
       
       Fraser: … genau. Die Idee der Hegemonie ist einfach: In einer Gesellschaft
       wie unserer, die auf Klassenherrschaft basiert, dominiert eine Schicht
       wohlhabender und mächtiger Individuen, Investoren, Unternehmens-CEOs die
       Regierungspolitik – zu ihrem eigenen Vorteil. Und zum Nachteil des
       Großteils der Bevölkerung. Wie? Eben nicht autoritär von oben nach unten,
       sondern demokratisch legitimiert durch die Einwilligung der Massen. Möglich
       macht diese Minderheitenherrschaft ein ihr zuträglicher Common Sense.
       
       taz: Dass freie Märkte allgemeinen Wohlstand förderten, zum Beispiel. 
       
       Fraser: Oder, dass jede*r immer die Chance habe, reich zu werden. Und dass
       die Reichen sich ihre Vermögen selbst verdient hätten, durch harte Arbeit
       allein.
       
       taz: Jede*r ist seines eigenen Glückes Schmied. 
       
       Fraser: Das ist der prokapitalistische Common Sense, der in den USA lange
       und auch parteiübergreifend – von Reagan über Romney, Clinton zu Obama –
       sehr effektiv gewirkt hat. Die Linke stand also vor der Herausforderung,
       eine Gegenhegemonie zu schaffen, einen alternativen Common Sense. Das
       gelang der MAGA-Bewegung allerdings zuerst. Sie hat die alte Hegemonie
       radikal zerstört.
       
       taz: Und jetzt verliert sie selbst an Glaubwürdigkeit. 
       
       Fraser: Das ist eine Öffnung für die Linke, eine echte Chance. Die
       zentristischen Demokraten sind diskreditiert, MAGA so langsam auch. Was als
       Nächstes kommt, ist offen.
       
       taz: [5][Mit der Forderung nach einem bezahlbaren Leben für alle sind Linke
       in den USA, und zuletzt auch in Berlin erfolgreich gewesen.] Trägt das denn
       als zentrale Erzählung für eine linke Gegenhegemonie? 
       
       Fraser: Es ist ein wichtiger Ausgangspunkt. Die Frage nach einem
       erschwinglichen Leben ist sehr eingänglich. Und sie ermöglicht es, weiter
       zu fragen, Probleme zu thematisieren, die über die Preise von Waren im
       Supermarkt hinausgehen. Warum sind die Löhne so niedrig? Warum nehmen die
       Mittel zu Befriedigung von Grundbedürfnissen – Wohnraum,
       Gesundheitsleistungen und so weiter – die Form von Waren an, statt die
       öffentlicher Güter? Und wenn der Staat sich diese oder jene Sozialausgabe
       nicht leisten kann, warum werden dann nicht die Kapitalertragssteuern
       erhöht? All diese Fragen müssen aber auch folgen.
       
       taz: Weshalb? 
       
       Fraser: Weil sonst verborgen bleibt, warum so viele Menschen immer mehr
       arbeiten und sich trotzdem immer weniger leisten können. Also die
       systemischen Ursachen für die Krisen, denen wir ausgesetzt sind.
       
       taz: [6][In Ihrem Buch] „Der Allesfresser – Wie der Kapitalismus seine
       eigenen Grundlagen verschlingt“ schreiben Sie, eine erfolgreiche
       Gegenhegemonie brauche eine breite politische Allianz, die sie erstreitet.
       Die zentristischen, neoliberalen Demokraten werden sich wohl kaum auf eine
       kapitalismuskritische Agenda einlassen. 
       
       Fraser: Die Democratic Socialists müssen die Demokratische Partei nach
       links drängen. Eine erste kleine Spaltung innerhalb des zentristischen
       Flügels gibt es schon. Die Linke muss also weiter selbstbewusst vorangehen
       und eine starke Massenbewegung aufbauen. Irgendwann stehen die Zentristen
       womöglich vor der Wahl: Kooperieren oder ersetzt werden.
       
       taz: Innerhalb der Linken gibt es Konfliktlinien, die breite Allianzen in
       den vergangenen Jahren erschwert haben – etwa die zwischen Identitäts- und
       Klassenpolitik. Zu ersterer haben auch Sie sich häufiger kritisch geäußert.
       Dabei haben Bewegungen, die um die Anerkennung marginalisierter Gruppen
       gekämpft haben, sehr viele Menschen politisiert, die heute noch aktiv sind.
       Black Lives Matter zum Beispiel. 
       
       Fraser: Proteste gegen rassistische Polizeigewalt sind nicht wirklich
       Identitätspolitik. Es geht kaum materieller. Ich mag das Wort
       Identitätspolitik aber auch an sich nicht, weil jede Politik die
       Mobilisierung von Identität beinhaltet. Die große Frage ist: Macht man die
       Identität zum Hauptthema oder wird sie von dem getragen, was man tut? Wenn
       man sich nur auf Fragen von Repräsentation fokussiert, dann ist Identität
       der Zweck und nicht das Mittel.
       
       taz: Zohran Mamdani hat sich als New Yorker Bürgermeister mit einem Schwur
       auf den Koran vereidigen lassen. War das nicht auch ein vor allem
       repräsentativer Move? 
       
       Fraser: Nein. Mamdani ist klassenbewusst. Bei ihm ist Repräsentation in die
       Agenda für ein erschwingliches Leben für alle integriert. Die neue Art von
       Klassenpolitik, die sich jetzt entwickelt, hat die Einsichten der
       feministischen und antirassistischen Bewegungen der vergangenen Jahre in
       sich aufgenommen. Hier geht es nicht mehr um Haupt- und Nebenwidersprüche.
       
       taz: Welche Rolle spielen die Gewerkschaften für eine Gegenhegemonie? 
       
       Fraser: Sie sind sehr wichtig. Wenn das Leben bezahlbarer werden soll,
       müssen nicht nur die Preise runter, sondern auch die Löhne rauf. Über die
       Gewerkschaften können auch feministische oder antirassistische Kämpfe gegen
       Diskriminierung oder sexualisierte Belästigung arbeitsrechtlich, also
       materiell durchgesetzt werden.
       
       taz: Leider stehen die Gewerkschaften in den USA aber nicht sonderlich gut
       da. 
       
       Fraser: Unsere Industriegewerkschaften befinden sich im freien Fall.
       Wirklichen Arbeitskampf machen in den USA vor allem Krankenschwestern und
       Lehrer*innen im öffentlichen Dienst und Arbeiter*innen im
       Dienstleistungssektor, besonders in großen Firmen wie Amazon. Zuletzt sogar
       manchmal erfolgreich. Aber klar, eine soziale Macht wie in Deutschland oder
       Frankreich sind diese Gewerkschaften lange nicht. Die Linke sollte sie also
       unterstützen, ihnen helfen, sich zu organisieren und stärker zu werden.
       
       taz: Stellen wir uns vor, die Demokraten gewinnen die
       Präsidentschaftswahlen 2028, vielleicht sogar angeführt von einer linken
       Kandidatin [7][wie Alexandria Ocasio-Cortez]. Würde Trump das Weiße Haus
       räumen? 
       
       Fraser: Womöglich wird er sagen, die Wahl war gestohlen. Aber Trump
       interessiert sich eigentlich nicht mehr für Politik. Er wird 2028 kein
       Faktor mehr sein, sondern mit all dem Geld, das er jetzt als Präsident
       macht, in den Sonnenuntergang ziehen. Er weiß, dass seine Zeit vorbei ist,
       will nicht mehr arbeiten, ist jetzt schon völlig unfokussiert.
       
       taz: Die US-Demokratie könnte MAGA und Trump also tatsächlich überleben? 
       
       Fraser: Nicht unbeschadet. Aber ja, das wird sie.
       
       taz: Die Krisen unserer Zeit sind ein globales Phänomen, auch der
       erstarkende Rechtsextremismus. Braucht es neben den lokalen Kämpfen in
       Kommunen, Städten, Nationen auch eine internationale Bewegung dagegen? 
       
       Fraser: Ja. Es ist Zeit, zu versuchen, eine neue Demokratische
       Sozialistische Internationale zu gründen. Nicht im Sinne einer Partei,
       sondern als Plattform für mehr Austausch, Vernetzung, gegenseitige
       Unterstützung und Solidarität. Und auch, um gemeinsame Politik
       anzuschieben. Wenn wir die Krisen lösen wollen, denen wir ausgesetzt sind,
       müssen wir die globale Finanzarchitektur verändern. Wir brauchen eine
       globale CO2-Steuer, [8][eine globale Tobin-Steuer]. Und auch eine neue
       globale Verfassung, die Arbeitsrechte und ökologische Nachhaltigkeit über
       Profit und den sogenannten Freihandel stellt.
       
       25 Oct 2026
       
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