# taz.de -- Strategien gegen die extreme Rechte: Die rechtsextreme Landnahme verhindern
> Betroffene schützen und Demokratie als soziale Praxis fördern: Eine
> Studie in Mecklenburg-Vorpommern formuliert Strategien gegen den
> Rechtsruck auf dem Land.
(IMG) Bild: Dorf in Mecklenburg, hier wird die politische Überzeugung plakativ aus dem Fenster gehängt
Delphine Wollenburg arbeitet in der Antidiskriminierungsarbeit in
Mecklenburg-Vorpommern. Obwohl sie, wie sie selbst betont, weiß ist und nur
aus dem EU-Ausland kommt, hat sie persönliche Erfahrungen mit der rechten
Diskursverschiebung gemacht. Sie lebe seit zehn Jahren in einem Dorf in
Vorpommern, ihre Familie nutze Französisch als Familiensprache: „Neulich
wurde mein Mann beim Abholen am Hort von einem siebenjährigen Kind gefragt,
warum er mit einer Französin verheiratet sei – die Ausländer brächten doch
die Krankheiten nach Deutschland.“
Es habe sich nicht um ein Kind eines rechtsextremen Kaders gehandelt,
betont Wollenburg. Jedoch sei es schon so weit gekommen, dass Kinder so
etwas aus den Gesprächen der Erwachsenen mitnähmen. Ihr mache das große
Sorgen: „Extrem rechte politische Akteure haben immer wieder die Grenzen
des Sagbaren verschoben. Das senkt die Hemmschwelle für diskriminierendes
Verhalten.“
Die AfD habe in ihrem Dorf bei der Landtagswahl rund 80 Prozent bekommen.
Wenn sie selbst schon Befürchtungen habe, auf dem Spielplatz mit ihren
Kindern Französisch zu sprechen, wie gehe es dann erst Geflüchteten oder
Kindern of Colour? Menschen litten unter Diskriminierungen, zögen sich
zurück, erkrankten, berichtet Wollenburg. Man müsse ihr Erleben in den
Mittelpunkt stellen und sich solidarisch zeigen.
Gemeinsam mit anderen Spezialist*innen aus der Wissenschaft und Praxis
hat Wollenburg an einem Buch mitgearbeitet, das den Titel [1][„Sozialraum,
Radikalisierung und Demokratiefeindlichkeit im Nordosten“] trägt und fragt,
wie sich gerade in ländlichen Räumen mit rechter Hegemonie die Demokratie
stärken lässt. Die Veröffentlichungen des „RAA (Regionale Arbeitsstellen)
Demokratie und Bildung in Mecklenburg-Vorpommern“ bieten Antworten und
Gegenstrategien. Zusammen gedampft: Betroffene schützen, Demokratie als
soziale Praxis stärken, möglichst frühe Demokratieförderung in vielen
gesellschaftlichen Bereichen.
## Vergiftete Dorfatmosphären
Es bietet aber auch Erklärungen, warum die AfD hier bei der Landtagswahl
auf 38 Prozent gekommen ist. „Die AfD kann zurückgreifen auf Strukturen,
die seit den 1990er Jahren gewachsen sind“, sagt etwa einer der Autoren,
Rechtsextremismus-Experte Daniel Trepsdorf, der auch Linken-Politiker ist.
„Die extreme Rechte hat hier im ländlichen Raum wie in einem Labor
Agitationsformen ausprobiert.“
Systematisch würde über lokale Anerkennungsstrukturen wie etwa Feuerwehren
„Radikalisierung über den Gartenzaun“ betrieben. Rechtsextremisten böten
zudem Sommercamps, Waldwanderungen und Kampfsport an, um Jugendliche zu
indoktrinieren. Ebenso gäbe es völkische Siedler, die regional als
„völkische Eliten“ aufträten, Dorfatmosphären vergifteten und hegemonial
würden. Solche Kreise dockten zunehmend bei der AfD an und fänden
Beschäftigungen in Parlamenten oder würden gar selbst Abgeordnete.
Dagegen brauche es in Kommunalparlamenten konsequenten Zusammenhalt
demokratischer Akteure, die sich gegen die betriebene Diskursverschiebung
stellen müssten, so Trepsdorf. Zudem sei enorm wichtig, dass es
Begegnungsorte für Jugendliche gebe, wo Zugehörigkeit gelebt werden könne,
aber auch ein festes demokratisches Weltbild und Medienkompetenz vermittelt
werden könne.
## Demokratie stirbt leise
Robert Schiedewitz von Lobbi, einer Initiative, die sich seit dem Ende der
[2][sogenannten Baseballschlägerjahre] gründete und Betroffene rechter
Gewalt unterstützt, hält es für wahrscheinlich, dass mit dem AfD-Wahlerfolg
vermehrt rechte Gewalt einhergehen könne. Das zeigten jedenfalls die
Erfahrungen aus den Jahren 2024 und 2025. Infolgedessen mieden Betroffene
Orte, manche zögen weg, weil sie nicht weiß seien oder als queer
wahrgenommen würden. Und Engagierte überlegten sich, ob sie sich überhaupt
noch positionieren würden. „Das ist etwas, das leise passiert und ein
Prozess, der seit drei Jahrzehnten anhält – an vielen Stellen unbehelligt“,
so Schiedewitz. Das Wichtigste sei nun, Betroffene zu schützen. Dafür müsse
man Schutzstrukturen ausbauen, Begegnungsräume schaffen und die Vernetzung
vorantreiben.
An Schulen würden gegen Radikalisierungstendenzen vor allem Aufklärungen
und Zusammenarbeit mit dem Sozialraum helfen, wie Stefan Kollasch vom
Regionalzentrum für demokratische Kultur Westmecklenburg erklärte. Das
funktioniere vor allem dort, wo es ein partizipatives Konzept gebe und wo
in den Dialog mit Schülern und Eltern gegangen werde. Eine große Baustelle
bliebe der digitale Raum, in dem sich zuletzt auch junge rechtsextreme
Terrorgruppen wie die [3][„Letzte Verteidigungswelle“
turboradikalisierten].
Trepsdorf ergänzte, dass man schulformunabhängig vor allem dort Erfolg
gehabt habe, wo sich Schüler*innen eigene Regeln gaben, etwa über eine
Klassenverfassung diskutierten und sich Gedanken machten, wie man einen
Klassenchat organisieren müsse und wie man mit Diskriminierung in Chats
umgehen wolle. „Wo Schüler sich eigene Regeln geben, kontrollieren sie
diese Regeln, dann erziehen sie sich selbst“, so Trepsdorf. Dafür brauche
es allerdings Zeit und Kontinuität: „Demokratie ist die einzige
Gesellschaftsform, die man lernen muss.“
Einblicke im Bereich der sozialen Arbeit bietet wiederum Júlia Wéber,
Professorin für Demokratiepädagogik in Neubrandenburg. Sie hat für die
Studie empirisch untersucht, inwiefern die extreme Rechte versucht, die
soziale Arbeit zum Kampffeld zu machen. Fast 80 Prozent der befragten
Fachkräfte nähmen demnach in ihrer Region extrem rechte Aktivitäten wahr;
jede zweite befragte Person berichte von verbalen Anfeindungen oder
Bedrohungen. Rechte Akteur*innen versuchten Versorgungslücken zu
besetzen, Fachkräfte einzuschüchtern, demokratische Träger zu
delegitimieren und soziale Arbeit durch parlamentarische Anfragen unter
Druck zu setzen.
Wéber sagt: „Wir sehen, dass der vorpolitische Raum des Sozialwesens dafür
genutzt wird, um Ideologien der Ungleichheit voranzubringen.“ Dagegen
brauche es klare Leitbilder und Kodizes sowie die Sensibilisierung von
Fachkräften bereits während der Ausbildung – ebenso die langfristige
Förderung von Beratungsstellen, die bei Angriffen zur Seite stehen könnten.
22 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/psychologie-psychotherapie-beratung/arbeit-und-organisation/beratung-coaching-supervision/60306/sozialraum-radikalisierung-und-demokratiefeindlichkeit-im-nordosten
(DIR) [2] /Baseballschlaegerjahre-in-Ostdeutschland/!5642847
(DIR) [3] /Rechtsextreme-Jugendszene/!6076353
## AUTOREN
(DIR) Gareth Joswig
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