# taz.de -- Punkbands Deutsche Laichen und Screamer: Sie haben Spaß, Wut und Hoffnung gegen Hass
> Punk wird immer beben, auch wenn alles andere längst erstarrt ist: Das
> stellen zwei krasse Alben von Deutsche Laichen aus Göttingen und Screamer
> aus Hamburg klar.
(IMG) Bild: Ob in der Stadt oder auf dem Land: Punk! Hier mit Deutsche Laichen
Ein halbes Jahrhundert Punk, und irgendwie will sein von energetischem
Dilettantismus und schlichter Wut angetriebener Motor einfach nicht
kaputtgehen. Was auch daran liegen muss, dass „Punk“, schwer genug zu
definieren, immer wieder neue künstlerische Ausdrücke für sich erfunden
hat. Nur in seiner erstarrten musikalischen Formensprache, wenn Punk zu
Punkrock wird, kommt es zu einer Verbierzeltung, die der Musik alles
Schillernde und Interessante austreibt. Zu hören auf der ersten
Abschiedstournee der Toten Hosen, deren Rockmusik, bei allen Verdiensten,
von einer wirklich betäubenden Langeweile ist.
Gibt es so etwas wie einen Kern von Punk, der alles, was daran geil war und
ist – von den Anfängen über die Experimente des Postpunk –, miteinander
verbindet? Und der dem, was an Punk scheiße ist, widerspricht?
Wahrscheinlich nicht. Man soll an Pop ja nicht mit essenzialistischen Ideen
rangehen. Anhand von zwei kürzlich erschienenen Alben kann man das, was
Punk war und ist, skizzieren.
Vorher aber kurz nachlesen: [1][Greil Marcus beginnt eines der sieben
besten Bücher über Punk, „Lipstick Traces“], mit einer Beschreibung der
Zahnweh-Stimme von Sex-Pistols-Sänger John Lydon: „Ein Organ, das sämtliche
gesellschaftlichen Fakten leugnete und dadurch beteuert, dass alles möglich
war“. Eine Stimme außerdem, die „für jeden verfügbar zu sein schien, der
sich traute, sie benutzen“. „Fakten leugnen“ war bei im Urtext, den die
[2][Sex-Pistols-Debütsingle „Anarchy in the U.K.“ (1976) darstellt],
allerdings nicht eskapistisch gedacht, sondern im Wissen um die Zwänge, die
den jungen Menschen umfangen und erwarten, in die Welt geschrien.
## Einfach was anderes machen
Damit ist schon einiges, was Punk war und ist, benannt: Leugnen, wie man
Dinge gemeinhin zu lösen hat, und einfach was anderes machen. Was dann eine
Öffnung zur Folge hatte: jede/r, der/die wollte, konnte Punk. Diesen Impuls
beschreibt Marcus als Geste eines radikalen Nein, das er in „Lipstick
Traces“ mit anderen künstlerischen Avantgarden in Verbindung bringt, mit
Dada und dem Situationismus vor allem.
Aber das führt hier zu weit. Am besten direkt bei der Musik nachfragen.
Eine der besten jüngeren Punkbands hierzulande sind Deutsche Laichen und
kommt aus Göttingen. Ihr zweites Album heißt „Punk ist scheiße, Punk ist
geil“, und die dem Genre eigene Dringlichkeit transportiert sich auch hier
über die Stimme, die der schlechten Normalität schreiend Gewalt androht:
„Ein Riss kommt selten allein / Alles, was steht / Reißen wir ein“. Wut
kann man unterschiedlich klingen lassen, autodestruktiv, frustriert (dann
klingt es schnell depressiv) oder geradeaus hasserfüllt.
Die Wut von Deutsche Laichen ist queerfeministisch unterfüttert,
ultraenergisch, und Sängerin Krätze zuzuhören bringt Spaß. Der Song
„Zelle“, so erzählt die Band im taz-Interview, „ist zum Beispiel ein
Liebeslied an friendships und unsere community, deswegen wollten wir dem
Sound bewusst einen sehr positiven musikalischen Vibe geben. „Wir brauchen
Hopecore, um dem Hass etwas entgegenzusetzen.“
## Liebe ist politisch
Das Politische an der Musik der Göttinger hat nichts Parolenhaftes, sondern
ist von der eigenen Situation aus gedacht und erzählt. „Aus
queerfeministischer Perspektive steht beides in einer klaren Relation, das
Private ist ja immer politisch“, sagt die Band. „Liebeslieder sind
politisch, weil Liebe politisch ist.“
Der Musik hört man das Autodidaktische an. Der Punk von Deutsche Laichen
hat nichts Defizitäres, sondern führt oft zu einer eigenen Klangsignatur.
„Unser Sound ist nicht von oben heraus gedacht, sondern über die Jahre
organisch gewachsen. Wir kennen uns und zum Beispiel auch unsere jeweilige
Musiksozialisierung sehr gut, deshalb hat unser neues Album auch so viele
genreübergreifenden Referenzen.“
Die Gitarren von Deutsche Laichen klingen manchmal nach Sonic Youth, und
gehört haben die MusikerInnen in der Jugend nicht zuerst deutschen
Politpunk, Rollenmodelle waren Courtney Love, Brody Dalle und [3][Sängerin
Poly Styrene von der britischen Band X-Ray Spex].
## Hamburger Keimzelle
Zurück zu den Anfängen. Auf dem verdienstvollen Label Sterbt Alle Records
sind die Proberaumaufnahmen der Hamburger Ur-Punkzelle Screamer erschienen.
Schlagzeuger und Sänger Stephan Mahler und der Gitarrist [4][Christian
Mevs] spielten später bei Slime, und einige der bereits um 1979 und 1980
entstandenen Screamer-Songs auf der Compilation „Das verschollene Tape“
tauchten danach auch in neuen Fassungen als Songs der ersten drei
[5][Slime-Alben] auf.
Das große Nein, das Greil Marcus als einen Kern von Punk beschreibt, zeigt
sich hier in einem politisierten Vokabular. Die Musik auf „Das verschollene
Tape“ erstrahlt in schönstem Proberaum-Noise, transportiert viel
überschüssige Energie und Unmittelbarkeit. [6][Slime hatten das später
auch.] Aber Slime waren als Band sehr schnell sehr geübt, und weil man bei
Screamer die Texte in dem ganzen Lärm kaum versteht, hat Greil Marcus’ Nein
auch hier wieder etwas unterschwellig Grundlegendes und Umfassendes.
Der Sound von Screamer, fabriziert von jungen Menschen, die damals gerade
mit der Schule fertig waren, schießt noch in alle Richtungen. Der Impuls,
sich, wie Mevs erzählt, für sechs Bandproben die Woche im Keller
einzuschließen, war ein wenig breiter und nicht nur „politisch“: „Es ging
vor allen Dingen um Energie, um Widerstand, darum, anders zu sein. Das war
relativ einfach nachzuvollziehen und auch selbstwirksam. Dadurch habe ich
mich sofort aufgehoben gefühlt, weil ich nicht alleine war.“ Stephan Mahler
ergänzt: „Man hört unsere ganze jugendliche Energie. Und erstaunlicherweise
klingt es auch ziemlich gut. Diese Tapes lagen ja irgendwo noch rum. Das
ist glaubhaft und völlig unverstellt.“
## Ausscheren ins Offene
„Glaubhaft und völlig unverstellt“ bedeutet im Punk-Kontext nun gerade
nicht „Authentizität“ (die gehört als Suggestion und als Versprechen eher
zum Rock oder zum Punkrock), sondern Eigensinn. Musikalisch zum Beispiel im
Spiel von Mahler, der das Schlagzeug eher wie eine Gitarre spielt („Ich
habe zwar hinten gesessen, aber ich habe mich als gleichwertigen Teil der
Instrumentalisierung gesehen“) und nach Slime – wie auch Christian Mevs –
musikalisch ins Offene ausgeschert ist und mit sehr vielen Projekten sehr
unterschiedliche Musik macht. „Punk, unsere Sozialisation, unsere
Persönlichkeit, das wird auch nie irgendwie rausgehen.“
Wenn man Punk nicht mehr als „Drei Akkorde, zackig gespielt, und vorne
schreit einer“ definiert, sondern als bestimmte Haltung, die sich auch aus
den von Greil Marcus skizzierten Punkten zusammensetzt, dann kann man Punk
auch in den späteren, experimentelleren Projekten von Mahler und Mevs
hören: Belgrad, Mahler/Fondermann, Rossburger Report, Mastino. Und in der
klassischen Form in den späteren Bands des 2025 verstorbenen
Screamer-Gitarristen Martin Witte, der, wie Stephan Mahler, in gefühlt
jeder zweiten Hamburger Punkband gespielt hat. Zum Beispiel bei Napalm,
Punkenstein, Razors, Torpedo Moskau und Noise Annoys.
Ändern tut das alles nichts, also zumindest, so erklärt Greil Marcus,
gemessen „an den absoluten Ansprüchen, die von den Sex Pistols für so kurze
Zeit erzeugt wurden“ (die lebensrettenden Potenziale, die Punk für viele
individuell hatte, kann man gar nicht überschätzen). Marcus weiter: „Die
Musik strebt danach, das Leben zu verändern; das Leben geht weiter, die
Musik bleibt zurück; nur darüber lässt sich noch reden.“
## Tradierte Cleverness
Es gibt so eine Art tradierte Punk-Cleverness, eine bestenfalls strahlende
Intelligenz, die man in urbanen wie provinziellen Punk-Kreisen lernen
konnte. Eine Mischung aus Direktheit, ausgeprägter Renitenz,
Fuck-you-Attitüde und Witz. Punk war last but not least das Versprechen,
dem „Das Leben ist halt so“ zu entkommen. Das Werk von Stephan Mahler und
Christian Mevs zeigt, dass das zumindest auf der musikalischen Ebene
klappen kann.
Man muss im Alter nicht so klingen wie die Toten Hosen und auch nicht wie
Kettcar. Entscheidend ist ein unkaputtbarer Eigensinn. Und die Songs von
Deutsche Laichen klingen ebenfalls so, als könnte man die Menschen, die
diese Musik spielen, so schnell nicht dumm machen.
24 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Benjamin Moldenhauer
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