# taz.de -- Legendäres Punkkonzert im Berliner SO 36: Sie sind unruhig, besessen und kennen keine Grenzen
> Die Punkband the Sods gastierte 1981 im SO 36. Weil sie alte Songs nicht
> mehr spielen wollte, kam es zu Tumulten. Späte Bilanz eines folgenreichen
> Abends.
(IMG) Bild: Kunstsinnige Punks: die Sods 1980 in Kopenhagen. V.l.n.r.: Tomas Ortved, Knud Odde, Steen Jørgensen und Peter Peter
Überall wird 2026 das 50-jährige Jubiläum von Punk gefeiert mit Bezug vor
allem auf den großen Knall 1976 in Großbritannien und den berühmten
britischen Bands wie Sex Pistols, the Damned und The Clash. Punk ist aber
die Geschichte einer Bewegung, die zugleich international und doch sehr
lokal war. Jede Szene hatte mindestens eine eigene Version von Punk. So kam
es auch in der Subkultur zum Austausch über Ländergrenzen hinweg.
Beispielsweise damals, als die dänische Punkband Sods im Kreuzberger Club
SO36 auf der Bühne attackiert wurde – und das Ganze ziemlich cool nahm,
weil: Westberlin eben.
[1][Die Sods, die sich später in Sort Sol (zu Deutsch: Schwarze Sonne)
umbenannten, waren die erste und bekannteste dänische Punkband]. 1977 in
Kopenhagen gegründet, bestand die ursprüngliche Besetzung aus Steen
Jørgensen (Gesang), Gitarrist Peter Schneidermann (alias „Peter Peter“),
Knud Odde am Bass und Schlagzeuger Tomas Ortved. Die Band veröffentlichte
auch ihr eigenes Fanzine The Latest Crap from the Sods, trieb damit die
dänische Punkszene an und arbeitete eng mit der punk-affinen Poesie- und
Kunstszene in Kopenhagen zusammen. „Es waren eher die Bilder, die
Ikonografie des Punk, die mich anzogen“, wie Knud Odde später betonte.
Heute werden seine herausragenden grafischen Arbeiten häufig in Museen
ausgestellt.
Die Sods waren musikalisch experimentierfreudig; ihre Songs reichten von
energiegeladenen, provokativen Stücken wie „R.A.F.“ über die
Rote-Armee-Fraktion („They fight the whole society /It’s like watching a
piece of poetry!“), bis hin zur Postpunk Melancholie eines Stückes wie
„Marble Station“. In Westberlin waren die Sods gar nicht mal unbekannt,
ihre Platten wurden unter anderem im Kreuzberger Plattenladen „Scheißladen“
in der Großbeerenstraße verkauft. Ihr punky Reggaesong „Copenhagen“ lief
auch in den Kneipen. Bevor sie selbst in der Mauerstadt gastierten, waren
die Musiker der Sods bereits bei Konzertbesuchen im SO 36 gewesen, wo sie
Pere Ubu aus Cleveland und die Hamburger Palais Schaumburg als Vorgruppe
gesehen hatten.
## Horror im Schatten der Mauer
„Ein Teil der Berliner Szene bestand aus sehr experimenteller Neuer
Deutscher Welle, was mir sehr gefiel, und dann gab es auch eine ganze Menge
Straßenpunks. Ich erinnere mich an Berlin als graue [2][Stadt mit viel
Regen und einem Sexmonster in jeder Wohnung] – oder war das Zulawskis Film
‚Possession‘“, so Peter Peter, in Anlehnung an das Psycho-Horror-Drama im
Schatten der Mauer von 1981. Vielleicht nicht zufällig, dass Peter Peter
hier zur Filmreferenz greift, arbeitete er doch in den letzten Jahren sehr
häufig mit Filmmusik, u. a. für Nicolas Winding Refn (etwa für die
„Pusher“-Trilogie). Das wohl bekannteste Lied von Sort Sol, „Let Your
Fingers Do the Walking“ (1993) lief in Ole Bornedals Film „Nattevagten“
(Nachtwache, 1994) – und war auch mein erster Zugang zur Band als
Teenagerin.
Die Sods hatten in Westberlin eine „kleine Fangemeinde“ – vor allem,
nachdem [3][The Clash in der Punkszene als Sellout] betrachtet wurden,
durch ihren Vertrag beim Major-Label CBS – so Knud Odde. Die Dänen dagegen
konnten (noch) als Untergrund gelten und die Konzertorganisation war
dementsprechend bescheiden. „Wir saßen lange Zeit an der Zonengrenze zur
DDR fest, und da unser Budget knapp war, fuhren wir noch am selben Abend
wieder zurück.“
Organisiert wurde das Sods Konzert vom KZ36, einem Veranstaltungsort und
-kollektiv. KZ36 stand für „Kommunikations-Zentrum“ und dem Kreuzberger
Postcode 36; dass der Name zugleich ungemein provozierte, war
einkalkuliert: „Für den einen oder anderen linken Spießer war das schon ein
Problem. [4][Guter Name!“, wie Andreas Heske von Beton Combo], der mit zu
den Initiatoren gehörte, bemerkt. Neben Konzerten in den eigenen
Hinterhofräumen in der Waldemarstraße, veranstaltete das Kollektiv außerdem
ausgelagerte Konzerte im größeren SO36.
## Großes Aktionstanzen
So auch im März 1981, als das KZ36 im SO36 zum „großen Aktionstanzen“
einlud. Wie meistens bei den von KZ36 organisierten Konzerten, spielten
auch an diesem Abend drei Bands: die Neuköllner Punkband Ixtoc-1, the
Nicoteens aus Ingolstadt und eben die Kopenhagener Sods, die im Berliner
Stadtmagazin TIP als „Höhepunkt des Abends“ angekündigt wurden.
Dort klang auch an, was dann später zum Problem werden sollte: „Waren die
Sods auf ihrem ersten, 1979 erschienenen Album ‚Sods‘ noch sehr dem
Härte-Punk verfallen, so ist ihre neue LP ‚Under en Sort Sol‘ ein ungemein
spannender Schritt in Richtung psychedelischer Musik.“
Das Debütalbum hieß zwar nicht „Sods“, sondern „Minutes to go“ aber die
Beschreibung der Musik trifft zu: Die Sods waren 1981 bereits auf dem Weg
hin zu einem schwermütigen, sphärischen New-Wave-Sound mit langsamen,
düsteren Tönen. Die Band knüpfte an eine poetisch-avantgardistische
Tradition an, was auch an den Titeln ihrer Alben abzulesen ist: „Minutes to
Go“ referenzierte den gleichnamigen Gedichtband von William S. Burroughs
und Konsorten von 1960. Der Sods-Albumtitel „Dagger and Guitar“ (1983)
bezog sich wiederum auf das erste Buch des dänischen CoBrA-Künstlers Asger
Jorn von 1952.
## Unverständnis für Saxofon
Im SO36 herrschte an diesem Abend im März 1981 jedoch für solche
Avantgarde-Eskapaden Unverständnis. Peter Peter: „Das Kreuzberger Publikum
hatte sich darauf eingestellt, Songs von ‚Minutes to Go‘ zu hören, aber die
hatten wir schon aufgehört zu spielen, noch bevor die Platte veröffentlicht
war. Wir hatten eine zusätzliche Gitarre dabei und TS Høeg am Saxofon. Das
war wohl zu viel des Guten.“
Das Publikum reagierte aufgewühlt-aggressiv und fing an Bierdosen auf die
Bühne zu werfen. Eine davon verletzte Gitarrist Jan Ørslev; die Band musste
fluchtartig die Bühne verlassen. Die Sods waren von der angriffslustigen
Stimmung überrascht, doch die Neubauten-Musiker Blixa Bargeld und Alexander
von Borsig kamen hinter die Bühne, um den Sods dafür zu applaudieren, dass
sie beim Westberliner Publikum eine so drastische Reaktion hervorgerufen
hatten, wie Jan Poulsen in seiner Bandbiografie, „Under en Sort Sol“
beschreibt. Schließlich ging es im Punk genau darum, Leute wachzurütteln
und ihnen einzuheizen. Annäherung durch Anschubsen.
Ärger hatte es häufiger gegeben im SO36. Der Künstler Martin Kippenberger
beispielsweise hatte 1978–1979 den Club mit einer Mischung aus Ironie und
Arroganz geleitet und gezielt die Stammgäste mit erhöhten Bierpreisen (vom
Fass statt aus der Dose!) und „Luxus im SO36“-Plakaten provoziert. 1979
verwüstete eine Gruppe vermummter Punks das SO36, stahl die Kasse und
verteilte Flyer mit der Aufschrift: „Zerstört das SO36 – Punks gegen
Konsum-Scheiße!“ Nach einer Schlägerei mit der Punkerin „Ratten-Jenny“
verewigte Kippenberger sein verbeultes und bandagiertes Gesicht im Gemälde
mit dem Titel „Dialog mit der Jugend“ (1981).
## Intrinsisches Aufeinanderprallen
Möglicherweise hatte diese noch immer schwelende Auseinandersetzung und
ihre Folgewirkungen zur aufgehetzten Stimmung beim Konzert der Sods
beitragen. So oder so trug Punk als rebellische Subkultur einen Widerspruch
in sich. Genau das macht seinen Reiz auch aus: Die Bewegung war nicht aus
auf Konsens, sondern auf Streit ausgelegt; das Aufeinanderprallen und
gegenseitige Herumschubsen beim Pogotanzen – körperlich, mental – war
intrinsisch. Bloß nicht behäbig werden.
„Ich reiste damals mit den Sods nach Westberlin und sah ihr Konzert im
SO36, da gab es Ärger! Das war wahrscheinlich eines der extremsten
Erlebnisse, die ich je bei einem Konzert erlebt habe“, erzählt die dänische
Künstlerin Nina Sten-Knudsen.
In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren erstellte sie als Mitglied
der Künstlergruppe „King Kong“ Licht-, Dia- und Filminstallationen für
Rockkonzerte. Ihre Body Art Serien involvierten autoaggressive Verletzungen
und sie schuf Installationen, die an Partisanenkämpfe erinnern. Punk passte
dazu: „Als ich Sods zum ersten Mal spielen hörte, war ich völlig
überwältigt. Es hat mich sofort gepackt!“
Auch an diesem Abend in Kreuzberg war [5][Nina Sten-Knudsen] vor allem
fasziniert von der Energie und Leidenschaft der Menge: „Das waren die
wildesten Leute, so wütend! Da dachte ich mir: Hierhin sollte ich ziehen!“
Einige Jahre später tat sie das auch. So wurde das Konzert der Sods im SO36
zu einer Art internationaler subkultureller Völkerverständigung durch
Unruhe und Besessenheit.
28 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Marie Arleth Skov
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