# taz.de -- Antisemitismus im Pop: Gute-Laune-Beats gegen Juden
> Musiker:innen nutzen ihre Reichweite und Bühnen, um politische
> Botschaften zu verbreiten. Dabei wird immer öfter auch antisemitisches
> Geraune normalisiert.
(IMG) Bild: Kufija, Wassermelone und ein ungeteiltes Palästina: Protest bei Ed-Sheeran-Konzert im September
Mal wieder eine Absage, mal wieder die Verweigerung, eine Debatte zu
führen, die dringend notwendig wäre: über den Umgang mit der
Radikalisierung, die sich in Teilen der Popwelt im Zusammenhang mit
Antisemitismus vollzogen hat. Dieses Mal geht es um [1][die Ausladung des
US-amerikanischen Rappers Macklemore als Support Act von Ed Sheeran]. Ein
Ereignis, das sich einreiht in eine Vielzahl von Vorfällen in der Popkultur
seit dem 7. Oktober 2023.
Denken wir an Pop, wird einigen Progressivität und Emanzipation in den Sinn
kommen. Spätestens seit dem Massaker der Hamas auf Israel muss man sich
jedoch die Frage stellen, ob der progressive Anspruch nicht immer mehr in
einen autoritären Positionierungsdruck kippt, der vor allem in sozialen
Medien und auf Bühnen ausgetragen wird. Die Boykottkampagne BDS braucht es
schon lang nicht mehr, Drohungen, Hetze und Konzertabsagen gegen jüdische
und israelische Künstler:innen und Bands oder solche, die sich kein
einseitiges Statement abpressen lassen, gehen mittlerweile von
Veranstaltern, Künstler:innen und vom Publikum selbst aus.
[2][Der israelische Dirigent Lahav Shani etwa wurde im vergangenen Jahr vom
Flandern-Festival ausgeladen], weil er sich nicht deutlich genug von der
israelischen Regierung distanzierte. Both sides? Der Hinweis auf das Leid
auf beiden Seiten, einerseits der katastrophalen Zustände im Gazastreifen,
andererseits die Opfer und Geiseln des 7. Oktobers – das scheint kaum noch
möglich zu sein.
## Antisemitische Narrative oder Terrorverharmlosung
Bei den letzten drei Austragungen des Eurovision Song Contest nahm der
bisweilen antisemitische Protest zu: Die Sänger:innen, die für den
israelischen Rundfunksender Kan ins Rennen geschickt worden waren, wurden
bedroht und ausgepfiffen, Eden Golan erhielt 2024 sogar Morddrohungen und
konnte ihr Hotelzimmer lediglich unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen
zu den Proben verlassen. Israel wurde so oft Manipulation des
Abstimmungssystems vorgeworfen, bis dies im Dezember 2025 geändert wurde.
Fünf Länder, darunter Spanien und die Niederlande, haben ihre Teilnahme bis
auf Weiteres zurückgezogen.
Es gibt Musiker:innen, die unter dem Deckmantel der Palästina-Solidarität
immer wieder durch antisemitische Narrative oder Terrorverharmlosung
auffallen. Musikgrößen wie [3][der ehemalige Pink Floyd-Bassist Roger
Waters, der gern mal einen Schweine-Luftballon mit Davidstern auf seinen
Konzerten steigen lässt] und die Menge auffordert, diesen Ballon zu
zerstören; nach dem 7. Oktober zweifelte er das Ausmaß des Massakers an und
behauptete, Israel stecke selbst hinter dem Angriff.
Im November 2024 hielt ein Mitglied der irischen Band Kneecap bei einem
Konzert eine Flagge der Terrororganisation Hisbollah in der Hand. Aus den
Lautsprechern tönte: „Free Palestine, up Hamas, up Hisbollah“. Dann wären
da noch Bob Vylan, die auf einer der größten Festivalbühnen „Death to the
IDF“ skandierten oder Massive Attack, die auch mal den Sohn von Marwan
Barghouti auf die Bühne holen. Marwan Barghouti zählt zu den Anführern der
zweiten Intifada und verbüßt eine lebenslange Haftstrafe.
## Fast schon radikales Engagement für Palästina
Nun also der Rausschmiss Macklemores von Ed Sheerans Stadiontour. In
Deutschland erhitzte die Debatte zusätzlich die Gemüter, da etwa zeitgleich
Alphaville vom „Glücksgefühle“-Festival ausgeladen wurde. Der Veranstalter
befürchtete politische Aussagen, Alphaville positioniert sich regelmäßig
klar gegen die AfD. So entsteht der Eindruck, als würde Politik immer mehr
von Bühnen verbannt und würden Künstler:innen in ihrer Meinungsfreiheit
eingeschränkt.
Dass es bei Macklemore mitnichten darum ging, sein Engagement für Palästina
zu canceln, sondern die fast schon radikale Art und Weise zu kritisieren,
wie es der Rapper seit inzwischen drei Jahren tut, scheint dabei
zweitrangig. Macklemore ist kein Einzelfall in der immer autoritärer
werdenden Popwelt. Er ist allerdings einer derjenigen, deren Einsatz für
Freiheit und Gerechtigkeit unter anderem mit antisemitischen
Verschwörungsnarrativen und shoarelativierenden Aussagen verbunden wird.
Der Sänger, bürgerlich Ben Haggerty, wurde Anfang der 2010er Jahre mit den
Partyhits „Thrift Shop“ und „Can’t Hold Us“ bekannt. Er war jedoch nie nur
Gute-Laune-Rapper. Mit seinem Song „Same Love“ zum Beispiel gab er vielen
queeren Menschen eine Stimme und Sichtbarkeit. 2013 wurde er zum
UN-Botschafter einer Kampagne ernannt, die sich für Gleichberechtigung und
LQBTIQA+-Rechte einsetzte.
Ein Jahr später geriet er in die Kritik, weil er bei einem Konzert als
antisemitische Karikatur verkleidet die Bühne betrat. Kurz darauf
entschuldigte er sich und sagte, dass er für alle Menschen einstehe, egal
welche Religion, Hautfarbe oder Sexualität sie hätten. Im Laufe der Jahre
wurde es ruhiger um ihn, an die Erfolge von „Thrift Shop“ oder „Can’t Hold
Us“ konnte er nicht wieder anknüpfen.
## Sehr einseitig und lückenhaft
Dies änderte sich nach dem Massaker der Hamas in Israel. Es kursieren
Videoaufnahmen von antiisraelischen Demonstrationen, an denen er teilnahm
oder auf der Bühne stand. Auf seinen Konzerten äußerte er sich nun
ebenfalls, wie etwa im Juni 2024 in Mönchengladbach. Kurz zuvor, im Mai
2024, veröffentlichte er seinen ersten Protestsong „Hind’s Hall“, den er
den teils antisemitischen Campus-Protesten an der Columbia University
widmete, gefolgt von „Hind’s Hall 2“ im September desselben Jahres und
schließlich „Fucked up“ im Februar 2025.
Schaut man sich die Bühnenperformances und die drei Songs genauer an, darf
angezweifelt werden, dass es noch darum geht, auf das Leid der
palästinensischen Zivilbevölkerung aufmerksam zu machen oder Kritik an der
israelischen Regierung zu üben. Nicht nur ist sein Engagement sehr
einseitig und lückenhaft – die vielen Toten des Hamas-Massakers, auch die
Geiseln werden ausgeblendet wie die Terrororganisation als
Mitverantwortliche für die Situation –, sondern er bedient sich auch immer
wieder antisemitischer Narrative.
In „Hind’s Hall 2“ ist etwa die Parole „From the river to the sea“ zu
hören, in dem Musikvideo zu „Fucked up“ setzt er auf historisch fragwürdige
Weise ein Bild eines Kindes aus Gaza neben ein Kind aus dem Warschauer
Ghetto. Eine Bildsprache, die suggeriert, Israel würde NS-Methoden
anwenden.
## Schicksalsfrage der Menschheit
Für Macklemore scheint der palästinensische Befreiungskampf die
Schicksalsfrage der Menschheit darzustellen. In Gladbach sagt er in einem
Statement, gegen Israel und für Palästina einzustehen sei die einzige Lehre
aus der Shoah. Und: Die Menschheit sei erst dann frei, wenn Palästina frei
sei. Man kann sich die Frage stellen, ob man einer kleinen
Bevölkerungsgruppe damit nicht auch ein ziemlich großes Stück Verantwortung
überhilft.
Im Song „Fucked up“ wird er noch deutlicher. Verschwörungsnarrative, die
erzählen, dass eine kleine Elite die Welt regiert. „How you think Israel
gets money for the best tanks? […] And they controllin’ your feed, the
information that they censor.“ Die Medien werden kontrolliert und
Informationen zensiert, ein Deutungsmuster, das an klassische
„Lügenpresse“-Fantasien erinnert. Im selben Song behauptet er im
Zusammenhang mit den Waldbränden in Kalifornien, dass die Wasservorräte
kontrolliert würden. Der zugehörige Clip zeigt auch, wer: die Resnicks, ein
jüdisches Ehepaar.
Erneut die Verschwörungserzählung von einer durch Juden gelenkten Welt.
Neben der Erzählung, wer alles was kontrolliert, ist im Video ein
Dollarschein mit einem Davidstern darauf (angelehnt an die israelische
Flagge) zu sehen. Auch hier bedient sich Macklemore der uralten
antisemitischen Erzählung, dass Jüdinnen und Juden geldgierig seien und im
Hintergrund die Welt regieren.
## Unterkomplexe Narrative durch Songs verbreiten
Sänger wie Macklemore, aber auch Künstler, die sich unkritisch mit ihm
solidarisieren, etwa die Sängerin Zara Larsson oder [4][der Musiker
Finneas, Bruder von Billie Eilish], tragen dazu bei, dass verkürzte,
enthistorisierte und unterkomplexe Narrative durch Songs, Statements und
offene Briefe in sozialen Netzwerken rasant verbreitet werden und Wirkung
entfalten. Auf diese Weise wird antisemitisches Geraune normalisiert und
teils sogar in eingängige Gute-Laune-Beats übersetzt.
Musiker:innen nutzen ihre Reichweite und ihre Bühnen, um ihre
politischen Botschaften zu verbreiten – häufig verbunden mit dem Anspruch,
für universelle Menschenrechte einzutreten. Gleichzeitig werden jüdische
Menschen als Teil dieser vermeintlich universellen Gemeinschaft teils
ausgeblendet, ausgeschlossen oder sogar explizit angegriffen.
Das zeigt der Umgang mit dem Statement der jüdischen Sängerin P!nk, die
sich zu Macklemore und seiner Radikalisierung äußerte. Ihr wurde das als
Propaganda ausgelegt. Am Ende kann man festhalten, dass jüdische und
israelische Künstler:innen massiv unter Druck geraten, während das
Verbreiten antisemitischer Narrative Karrieren keinen Abbruch tut. So kann
Macklemore unbesorgt auf seine frisch angekündigte „Free-Palestine“-Tour
gehen.
2 Oct 2026
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## AUTOREN
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