# taz.de -- Die Staatsräson und die Linke: Beschuss aus den eigenen Reihen
> Einschlägige Gruppierungen innerhalb der Linken verwenden den Begriff der
> Staatsräson, um den eigenen Antisemitismus zu verharmlosen. Selbstkritik?
> Fehlanzeige.
(IMG) Bild: Protest in Berlin vom 10. Oktober: „United4Palestine“
Die Linke wird die Geister nicht mehr los, die sie rief. Nach dem
Wahlerfolg strauchelt sie über ihr ungeklärtes Verhältnis zum
Antisemitismus. Von der Euphorie des Gewinns in Berlin scheint wenig übrig.
Attacken von rechts nutzen die offene Flanke, um ihre eigene Agenda
durchzusetzen: ein Linksbündnis in Berlin zu verhindern und damit die
Vergesellschaftung von Wohneigentum.
Anstatt selbstbewusst die politische Programmatik in die
Koalitionsverhandlungen tragen zu können, muss die Linkspartei den
potenziellen Partner:innen fortwährend beweisen, dass sie überhaupt
gesprächsfähig ist. Denn die vorgeblich propalästinensische Szene, die
zuvor in den sozialen Medien und auf Demonstrationen für die Linkspartei
mobilisiert hatte, verweigert sich der Mäßigung.
Missmutig kommentiert sie jede Konzession der Partei und trommelt zur
Rebellion gegen Anpassung und Establishment. Wie auch immer die
Koalitionsverhandlungen ausgehen werden, die Gespräche zur Vorsondierung
zeigen, was die Szene von ihrer Partei erwartet: Der Fetisch
Staatsräsonkritik soll Revolutionsromantik und Parlamentarismus
vereinbaren. Er verschleiert die Anpassung der Bewegungslinken.
Mittlerweile ist der Begriff der Staatsräson eine verselbstständigte
Chiffre der Abwehr von Antisemitismuskritik geworden. Anhand der aktuellen
Debatte kann man studieren, was für ein Eigenleben der von Angela Merkel
eingeführte Ausspruch mittlerweile angenommen hat. Merkel bezeichnete 2008
in ihrer Rede vor der Knesset die Sicherheit Israels als Teil der deutschen
Staatsräson. Es war ihre Antwort auf die Vernichtungsabsichten des
iranischen Regimes. Dieser recht minimalistische Ausspruch ist mittlerweile
ein Fixpunkt der Antisemitismusverharmlosung von links geworden.
## Beschuss aus den eigenen Reihen
Im Zuge der Sondierungsgespräche in Berlin gerät die Spitze der
Landespartei der Linken immer wieder unter Beschuss aus den eigenen Reihen.
Die innerparteiliche Kritik wirft ihrer Führung vor, die eigenen Prinzipien
aufgegeben zu haben und verdiente Genoss:innen dabei unter den Bus zu
werfen. Getragen sind diese Vorwürfe von der latenten Annahme, die Kritik
des (israelbezogenen) Antisemitismus werde der Partei allein von außen
oktroyiert.
Diese Abwehr verortet die Kritik an problematischen antizionistischen
Positionen und gewaltverherrlichenden Slogans systematisch rechts.
[1][Linke Antisemitismuskritik] wiederum wird auf Phrasen verkürzt: Man
fordert mehr Sichtbarkeit für „jüdisches Leben“, will Feiertage und
Institutionen fördern, Antisemitismus von rechts bekämpfen, aber nicht den
eigenen. Gehörte die Selbstkritik immer zu einem umfassenden
Antisemitismusbegriff der Linken, wird sie in dieser Abwehrstruktur
undenkbar.
Tatsächlich hat die Szene einigen Grund, sich an dem Sondierungspapier zu
stören, auf das sich Linke, Grüne und SPD Anfang Oktober einigten. Im
Gegensatz zum sogenannten 5-Punkte-Plan der Berliner Linkspartei ist die
Vereinbarung der potenziellen Koalitionäre an entscheidenden Stellen
konkret: Die BDS-Kampagne wird eindeutig abgelehnt und der Spruch „No
Zionists welcome“ als „inakzeptabel“ bezeichnet. Zusammenarbeit mit
Organisationen, „die Antisemitismus verbreiten, Gewalt verherrlichen oder
die Gewaltspirale weiter antreiben“, wird ausgeschlossen.
Zudem enthält die Vereinbarung einen Vorschlag, wie mit antisemitischen
Ausfällen von Abgeordneten umgegangen werden soll. Wie die Praxis dann
letztlich aussieht, ob etwa das vorgeschlagene Expert:innengremium
auch einen angemessenen Antisemitismusbegriff vertritt, bleibt abzuwarten.
Relativ sicher jedoch ist, dass die Linkspartei unter diesen Bedingungen
nicht weitermachen kann wie zuvor. Die antiisraelischen Kräfte innerhalb
der Linkspartei scheinen deshalb auch ziemlich außer sich zu sein.
Sekundiert wird ihnen dabei von 120 teils ziemlich etablierten Mitgliedern
der Linkspartei, die die Grundlage der Vereinbarung scharf angegriffen
haben: Sie behaupten, der dort formulierte Antisemitismusbegriff sei so
weit gedehnt, dass er „gegen jede Kritik an der israelischen
Besatzungspolitik ins Feld geführt“ werden könne – was sachlich falsch ist.
Die vereinbarten Maßnahmen bei Regelübertritten würden dazu führen, dass
„Disziplinierungs- und Spaltungsmechanismen von außen in die Partei“
hineingetragen würden, mit dem Ziel, die Linke zu schwächen.
## Einheit herstellen?
Einheit herstellen statt Antisemitismusproblem angehen lautet hier das
Motto – auch wenn es die Regierung kosten sollte. Dass es auch
Vertreter:innen der eigenen Partei geben könnte, die mit dem Inhalt des
Papiers einverstanden sind, taucht hier nicht einmal als Gedanke auf. Die
Kritik wird vollständig externalisiert.
„Innerparteiliche Verdrängungsversuche“ müssten sofort aufhören, heißt es
weiter: „Wir lassen uns auch in möglichen Koalitionen nicht von außen
vorschreiben, wie wir die innerparteiliche Meinungsbildung organisieren.“
Das Problem wird systematisch kleingeredet, Konsequenzen für unnötig
erachtet. Der „eigentliche politische Konflikt“ solle nicht aus dem Blick
geraten, nämlich „Antworten auf unbezahlbare Mieten“ zu finden. Dabei sind
es die Unterzeichner:innen selbst, die diesen eigentlichen Konflikt
ihrem Kernthema unterordnen. Gerechte Wohnpolitik ist ihnen kein
hinreichender Grund, eine Mäßigung des parteieigenen israelbezogenen
Antisemitismus in Kauf zu nehmen.
Zur Abwehr der Kritik setzt man auf den nunmehr bewährten, in der Szene
scheinbar evidenten Begriff der Staatsräson. Im Neuen Deutschland ist man
sich beispielsweise sicher, dass es im Sondierungspapier nicht um die
Bekämpfung von Antisemitismus gehe: Dem Papier sei „der autoritäre und
rassistische Status quo der sogenannten Staatsräson“ eingeschrieben.
„Gegner der Staatsräson“, heißt es weiter, „sind damit faktisch zum
Abschuss freigegeben.“
Auch die trotzkistische Organisation Klasse gegen Klasse sekundiert diesen
Unsinn. Bei ihnen gibt es nur noch einen „angeblichen 'Antisemitismus’“, in
Anführungszeichen. Auf Instagram kritisieren sie eine linke
Regierungsbeteiligung scharf, weil das angeblich nicht anderes wäre als
eine „Unterwerfung unter die Staatsräson sowie die Durchsetzung von
Autoritarismus und Kürzungen in Berlin“. Dagegen bezeichnete Vanessa Emde
auf Instagram ihre eigene Wahl in die Fraktion der Linkspartei als einen
Geländegewinn gegen die Staatsräson.
## Pose antinationaler Widerständigkeit
Der Staatsräsonbegriff hat die praktische Funktion, einen innerlinken
Widerspruch zu glätten: Während man sich in Parlamente wählen lässt, dort
Oppositionsarbeit macht oder sogar zur Regierungsbeteiligung strebt, kann
man über die Kritik der angeblichen Staatsräson an Staatskritik festhalten,
ohne sich selbst mitzumeinen. Die Kritik der deutsch-israelischen Beziehung
erlaubt die Pose antinationaler Widerständigkeit. Sozialdemokratische
Reformvorhaben und Revolutionspathos können miteinander versöhnt werden,
weil man sich gegen ein vermeintlich mächtiges nationales Diktat auflehnt.
Dass dieses Diktat wenig mehr beinhaltet, als dass Israel nicht zerstört
werden sollte, spielt dann auch wenig eine Rolle. Die Staatsräsonkritik ist
linke Staatskritik nach der Staatskritik. Sie ist ein Zerfallsprodukt
einstmaliger Grundlagen linker Theoriebildung.
Die Staatsräson wird immer dann am Werk gesehen, wenn einem der eigene
Antisemitismus vorgehalten wird. Dabei wird mit dem Begriff eine Einheit
von Israel-Solidarität und staatlicher Autorität suggeriert. Im Kurzschluss
ist Antisemitismuskritik gleich Staatsräson und damit rechts, ganz, als
hätte es eine israelsolidarische und antisemitismuskritische Linke nie
gegeben, als gäbe es sie nicht immer noch.
Eine solche Stimme ist etwa die LAG Shalom in der Linkspartei. Die schrieb
angesichts der Vereinbarung: „Die Erklärung beschreibt durchgängig
progressive, linke Positionen gegen Antisemitismus, für das Zusammenleben
in Berlin und gegen Antizionismus und Terrorverherrlichung in der
Palästinasolidarität. Wir sagen: Richtig so! Gut gemacht!“
Staatsräsonkritik wird der Bewegungslinken nur scheinbar helfen, ihre Rolle
im Staat zu finden. Sie ist nicht imstande, die Ambivalenzen oder
Widersprüche zu glätten, in die man sich im Falle einer
Regierungsbeteiligung begibt. Die proklamierte Radikalität mag sich
weiterhin an Israel austoben, macht dabei aber weder das Leben in Neukölln
noch anderswo besser. Letztlich verbaut die Kritik, ein selbstkritisches
Verständnis von Antisemitismus zu entwickeln, das die Ideologie in allen
ihren Erscheinungsformen ernst nimmt.
19 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Antisemitismus-Debatte-in-der-Linkspartei-Mehr-analytische-Schaerfe-gefragt/!6218978
## AUTOREN
(DIR) Nikolas Lelle
(DIR) Tom David Uhlig
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