# taz.de -- Premiere am Wiener Volkstheater: Der Endgegner in Stratford
> Das Wiener Volkstheater folgt einem von Rieke Süßkow inszenierten
> „Macbeth“ bis in die Spielkonsole. Was bleibt außer Hauen und Stechen?
(IMG) Bild: „Hail Macbeth – the Game“ wollen sie spielen: Karoline Reinke, Thomas Halle, Carolin Wege, Nicolas Frederick Djuren in „Macbeth“
Sie haben sich verlaufen. Aus dem Morast des finsteren schottischen
Mittelalters hat es Herrn und Frau Macbeth je in ein gegenwärtiges
Kellerloch verschlagen. Links auf der Bühne des Wiener Volkstheaters die
Lady (Karoline Reinke) in Stiefeln und konturierter Uniformhose, Mikro und
Videospielcontroller, den Bildschirminhalt zeigt der Screen über ihr. Sie
trumpft auf in Gegenwartsprosa, um dann in den hehren Shakespeare-Ton zu
fallen. Ihr würde man glatt abnehmen, dass sie nicht nur herumdaddelt,
sondern irgendwo im Untergrund von [1][Charkiw] mit dem Joystick Drohnen
lenkt.
Auf der anderen Seite platziert die Inszenierung von [2][Rieke Süßkow] den
Helden als gelangweilten Nerd (Nicolas Frederick Djuren), der immer wieder
zerknülltes Papier in den Korb wirft, hinter ihm Filmplakate aus dem
Fantasy-Genre, die schon seit der Pubertät dort hängen. Er hat eine
Verabredung, sogar mit einer Frau. Als die Lady zum Videocall anklopft,
sucht Macbeth noch schnell nach einem sauberen Hoodie. „Hail Macbeth – the
Game“ wollen sie spielen, sie zumindest, und heizt dem Zaudernden mit
derben Sprüchen ein, das Feuer toxischer Männlichkeit in ihm zu entfachen.
Hexenwahn und Königsmord als krude Incel-Fantasie? Das Programm findet ein
wenig Unterstützung beim Shakespeare-Weisen Jan Kott, der am Mordwerk der
Macbeths ins Destruktive gewendete sexuelle Energien wahrnimmt. Der
Einstieg ins Spiel taucht das alles in die märchenhafte Unschuld
knopfäugiger Klappmaulfiguren in bunten Gewändern. Ineinandergeschachtelte
Leuchtrahmen markieren Bildschirmbegrenzung und unterschiedliche
Handlungsebenen auf der Bühne.
Das liebevoll gebaute, virtuos geführte Puppen- und Materialtheater von
Esther Falk erzählt das Hauen und Stechen im Sauseschritt. Mal wird im
Schattenriss gemordet, mal platzen Figuren unter Schlägen und blutrote
Seide quillt meterlang aus ihnen hervor. Dazwischen wird ordentlich
deklamiert, im Character Development ist Shakespeare kaum zu schlagen.
## Shakespeare gibt es nur im Nahkampf mit der Form
Puppentheater führte in der deutschsprachigen Tradition zumeist nur eine
randständige Existenz als Kinderkram, zu Unrecht. Der Niederschlag der
menschlichen Gestalt am unbelebten Material, das die Illusion dennoch
beleben kann, verschafft ihm eine unerwartete, bisweilen erschreckende
Aura. In Zeiten, in denen Menschen sich ihrer Reservate nicht mehr sicher
fühlen, [3][weil sie glauben, dass Maschinen bald das ersetzen], was ihnen
bislang unveräußerlich war, könnte das Theater der Puppen und der Dinge
neue Bedeutung gewinnen.
Diese eigene Virtualität kann es hier allerdings nicht ausspielen, sie ist
nur Metapher für eine andere, digitale Virtualität. Wer in den frühen
nuller Jahren seine ersten Rollenspiele übers Netz spielte, dem triggert
das Bühnen-Figuren-Game im Volkstheater zarte Kindheitserinnerungen, wie
sich die Figuren schnurgrade, aber ruckelnd fortbewegen, im Limbus vor dem
Spieleintritt sich schwebend auf und ab bewegen, bis man ihnen neue Waffen,
Eigenschaften oder Levels freischaltet.
Dann geht’s Schlag auf Schlag und gerät außer Kontrolle. Lady Macbeth wird
selbst ins Spiel eingesogen, den Königsmörder klauben zwei schwarze
Gestalten vom Gaming Chair. Der Endgegner (Aleksandra Ćorović) tritt in
Erscheinung: Macduff? Der große Andere? Der Mann aus Stratford gar selbst?
Ein schwerer Fall von Daddelpsychose, die nicht nur von falschen Drogen
ausgelöst werden kann.
Nach 80 Minuten ist alles vorbei, eine Stunde zuvor taucht die Frage auf,
was gewonnen ist, außer einer mechanischen Wiedergabe des Plots. Der Abend
wird zum Opfer eines verbreiteten Branchenirrtums im Theater über seine
Intermedialität, der „Content“ losgelöst von der Form verhandelt, den man
nur zeitgemäß übersetzen müsse, gleichsam als Stück-zum-Buch-zum-Film.
Der Himmel der Ideen ist leer, seine Geister sind Ausgeburten der mentalen
Prozesse menschlicher Körper, und [4][Shakespeare] gibt es nur im Nahkampf
mit der Form. Wie sonst sollte man jenseits gegenwärtiger Klischees etwas
erfahren von seinen Analysen der Macht, der Motive menschlichen Handelns,
von Shakespeares unbeirrtem Optimismus für die Gattung, der selbst im
düstersten seiner Stücke die Unmöglichkeit des perfekten Verbrechens
offenbart?
14 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Uwe Mattheiß
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