# taz.de -- Kästners „Fabian“ in der Vagantenbühne: Es ist Zeit, für Männerbordelle zu plädieren
       
       > Die Berliner Vagantenbühne zeigt Erich Kästners „Fabian“. Der ist etwas
       > quirlig von Lily Kuhlmann inszeniert, doch die Dialoge sind bedrückend
       > zeitgemäß.
       
 (IMG) Bild: Viele Projektionen: Szene aus „Fabian. Der Gang vor die Hunde“ in der Vagantenbühne Berlin
       
       Ein gellender Schrei ertönt von der Bühne, umschlossen von einem
       aufgerissenen Haifischgebiss aus Pappzähnen. Ein Vorhang öffnet sich und
       gibt den Blick frei auf eine filmisch übertragene Szene mit Figuren des
       Stücks. Diese befinden sich vor der Berliner Vagantenbühne, rauschen kurz
       darauf, begleitet von der Kamera, in den Saal hinein und auf die Bühne. Es
       ist ein Abend kurz nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt.
       
       Was hier aufgeführt wird, ist eine Bühnenfassung [1][von Erich Kästners]
       Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ (1931), in der Regie von
       Lily Kuhlmann. Fabian (Philipp Lehfeldt), Germanist und tagsüber
       Werbetexter, und sein Freund Stephan Labude (Paul Trempnau) taumeln in das
       Berliner Nachtleben der Weimarer Republik, das sich in den Exzess stürzt,
       während der Nationalsozialismus ihm bereits die Schlinge um den Hals legt.
       Dabei treffen sie auf Frauen wie die Nymphomanin Irene Moll (in wechselnden
       Rollen: Victoria Findlay), auf sich prügelnde Kommunisten und
       Nationalsozialisten.
       
       Von Beginn an setzt die Inszenierung auf Publikumsnähe. Ein rauchender
       Fabian im langen beigefarbenen Mantel fragt einen Gast in der ersten Reihe
       nach der Uhrzeit, immer wieder. Später sollen Zuschauer:innen in den
       vorderen Reihen eine nackte Figur auf der Bühne zeichnen. Dazu kommt ein
       ständiges Hin und Her zwischen Bühne, Saal und Außenraum. Fast durchgehend
       läuft auch Musik, mal leiser, mal lauter. Dieses quirlige Hin und Her
       beschert einen kurzweiligen Abend, lenkt aber manchmal vom Wesentlichen ab:
       den Dialogen. Denn die größte Stärke des Abends liegt genau dort.
       
       Kästner selbst deutete seine Zeit nicht nur als eine des politischen,
       sondern auch des moralischen Verfalls. Der Untergang der Weimarer Republik
       kam für ihn offenbar nicht unerwartet. So lässt er Fabian auch fragen:
       „Wann gibt es wieder Krieg? Wann ist es endlich wieder so weit?“, der
       darauf feststellt: „Darüber, dass es in Deutschland so nicht weitergeht,
       sind wir uns einig.“ Der Saal schweigt.
       
       ## Zeitgemäß mit Claire Waldoff
       
       Überraschend zeitgemäß sind auch manche dieser Dialoge, etwa wenn sich die
       Nymphomanin Irene Moll ans Publikum wendet und für Männerbordelle plädiert:
       „Wer dafür ist, hebe die Hand.“ Im Saal wird gekichert, es erklingt der
       [2][ikonische Liedtext von Claire Waldof]f: „Raus mit den Männern aus’m
       Reichstag.“
       
       Auf dem Höhepunkt seines Glücks verliert Fabian nach und nach alles: seine
       Arbeit, seine Liebe Cornelia Battenberg, die sich für ihre Karriere einem
       anderen zuwendet, und schließlich Labude, der wegen seiner vermeintlich
       abgelehnten Dissertation Suizid begeht.
       
       „Dass man lebt, ist Zufall. Dass man stirbt, ist gewiss“, sagt Fabian, die
       Nase blutverschmiert von einer Schlägerei. Spätestens jetzt wird klar:
       Nicht nur die Gesellschaft um Fabian herum, auch die Figur selbst nähert
       sich dem Abgrund. Als er erfährt, dass Labudes Suizid auf einem
       Missverständnis beruht, ist er vollkommen aufgelöst: „Es sterben und leben
       die Verkehrten.“ Als schließlich auch Cornelia, mittlerweile seine Ex, eine
       Filmvorführung eröffnet, stürzt er davon. Wie ein aufziehendes Ungewitter,
       das sich nun nicht mehr ignorieren lässt, geht Ulrich, eine Figur in
       NS-Uniform, gegen Ende Reihe für Reihe durchs Publikum, schüttelt Hände,
       grüßt mit „Heil Hitler“.
       
       Es ist ein düsterer Abend, der einen mit Blick auf manche Wahlergebnisse in
       Deutschland nicht mehr loslässt. Einige von Kästners letzten Sätzen in
       diesem Stück lassen sich als eindringliche Warnung lesen: „Man darf nicht
       warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den
       rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht
       erst, wenn sie alles unter sich begraben hat.“
       
       9 Sep 2026
       
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