# taz.de -- Internationales Staubarchiv: „Staub ist der totale Gleichmacher“
> Der Kölner Künstler Wolfgang Stöcker sammelt Staub von Orten, die ihm
> bedeutsam erscheinen. Staub sei so ästhetisch wie anarchisch, findet er.
(IMG) Bild: Wolfgang Stöcker auf seinem Balkon
taz: Herr Stöcker, warum sammeln Sie Staub? Um der eigenen Vergänglichkeit
zu trotzen?
Wolfgang Stöcker: Wer weiß … die eigene Vergänglichkeit ist ja etwas, womit
man sich künstlerisch ohnehin beschäftigt. Und wenn ich mich mit Staub
befasse, dann sehe ich: Ich bin noch nicht Staub. Ich bin noch da. Das
freut mich natürlich. Auf der anderen Seite stellt sich beim Umgang mit
Staub ganz allgemein die Frage nach der Vergänglichkeit. Ich sammle Staub
von Orten, die eine historische kulturelle Bedeutung haben und die immer
wieder gereinigt werden. Dass man da trotzdem Staub findet, bedeutet: Wir
müssen uns Mühe geben, sonst verstauben diese Orte. Diese Fallhöhe zwischen
der großen Bedeutung – etwa eines Doms – und dem zunächst mal lästigen
Staub, der alle Bedeutung zerflust, finde ich spannend.
taz: Wie hat dieses Kunstprojekt angefangen?
Stöcker: Gesammelt wurde in unserer Familie schon immer. Mein Bruder
sammelte als Kind Bierdeckel, ich selbst Briefmarken und Steine. Und die
wunderbare Postkartensammlung meiner Großmutter habe ich heute noch. Sie
hat auch Würfelzucker gesammelt. Ich habe Hunderte davon. Außerdem hortete
sie – warum auch immer – Kefir-Becher, mit denen ich als Kind spielte.
Später habe ich Geschichte studiert. Das hat auch etwas Sammelndes, denn es
hat mit Archivarbeit und dem Speichern von Dingen zu tun.
taz: Das genügte Ihnen nicht?
Stöcker: Nein. Mein zweites Studienfach war Kunst, und irgendwann dachte
ich: Wie kann ich historische Bauwerke sammeln? Natürlich kann ich sie
fotografieren oder Postkarten kaufen. Aber da entsteht eine andere,
künstliche Realität. Wie kann ich ein Bauwerk wirklich mitnehmen? Da ist
der Staub naheliegend. Den will keiner haben, den kann ich überall
entnehmen. 2004 habe ich damit angefangen und das erst mal als Gag gesehen:
Was passiert, wenn ich sage: Ich habe das – wie es damals noch hieß –
„Deutsche Staubarchiv“, so wie „Deutsche Bank“ oder „Deutsche Post“?
taz: Woher kamen die ersten Stäube?
Stöcker: Angefangen habe ich mit Kirchen. Kirche, Reliquie, Staub – das
passt gut zusammen, auch Staub hat ja etwas Morbides. Außerdem sind Kirchen
in unserem Kulturkreis die Bauwerke, die am längsten bestehen. Die die
längste kontinuierliche, zugleich spirituelle Nutzung haben. Das lagert
sich ab, auch im Staub.
taz: Wo haben Sie konkret angefragt?
Stöcker: Als Erstes habe ich die Verwaltung des Aachener Doms schriftlich
um Staub gebeten. Er ist im Rheinland eins der ältesten Bauwerke nördlich
der Alpen. Ich habe neunmal hingeschrieben. Irgendwann kam die Antwort:
„Wir haben Ihre Briefe alle erhalten, aber was machen Sie eigentlich
genau?“ So bin ich in eine Erklärungsverpflichtung gekommen und habe mich
stärker mit Staub beschäftigt – mit seinem Symbolwert, aber auch
naturwissenschaftlich. In diesem Lernprozess habe ich meine eigene Arbeit
besser kennengelernt und ausgeweitet.
taz: Wie viele Staubproben haben Sie inzwischen?
Stöcker: Ich weiß nicht genau, wie viele Plastiktütchen mit Staubproben ich
inzwischen in meinen Aktenordnern habe. Es mögen um die 700 Proben sein.
Die Idee, eine Sammlung anzulegen, entstand aus einer Laune heraus, ich
habe mir nicht viel dabei gedacht. Als die ersten Antwortbriefe samt Proben
kamen, wurde mir klar: Jetzt muss ich es weiter betreiben, sonst war das
nur ein Strohfeuer. Ich habe es dann bald in „Internationales Staubarchiv“
umbenannt, weil es Proben aus aller Welt enthält und ich das „Deutschtum“
hierzulande nicht befördern wollte. Inzwischen mache ich es seit 20 Jahren.
taz: Archivieren Sie auch die Briefe?
Stöcker: Streng genommen sind die Briefwechsel das eigentliche Archiv und
der Staub per Definition eine Sammlung. Wobei die Texte natürlich
untrennbar zu diesem wachsenden sozialplastischen Kunstwerk gehören.
taz: Antworten alle Institutionen so zögerlich wie die Aachener?
Stöcker: Nein, denn das Projekt ist inzwischen bekannter und wird nicht
mehr so stark hinterfragt. Meist sind die Antworten kurz. „Hier ist er.“
Manchen ist es wohl etwas lästig. „Hier, wir hoffen, Sie sind zufrieden“
steht dann da. Manchmal gibt es auch sehr schöne Antworten. Ich hatte zum
Beispiel die zehn größten bundesdeutschen Städte angeschrieben und aus den
Rathäusern Staub erbeten.
taz: Die haben behauptet, es gäbe keinen?
Stöcker: Doch, sie haben alle geschickt. Die Dortmunder waren die Letzten
und haben geschrieben: „Sie wissen ja, als Westfalen überlegen wir alles
ganz gründlich. Deshalb haben wir abgewartet, bis unser neuer Haushalt
bewilligt ist. Denn wenn es da Probleme gegeben hätte, hätten wir nichts
mehr aus der Stadt verschenken können.“ Oder wenn ich mal vergesse, den
kleinen Klemmbeutel für den Staub mitzuschicken, schreiben manche, dass sie
darum nichts schicken können. Oder „Wir haben jetzt einen anderen Beutel
genommen.“
taz: Wer schickt nichts?
Stöcker: Von Schloss Bellevue, dem Wohnsitz des Bundespräsidenten, kam
bisher immer: „Nein,wir schicken keinen Staub, es gibt auch keinen. Es ist
immer total sauber.“ Was natürlich Humbug ist.
taz: Die fürchten wohl ums Image.
Stöcker: Ja. Ich habe noch nie von Politikern oberhalb der
Oberbürgermeister-Etage Staub bekommen. Staub hat ja auch was von „Oh, da
liegt Staub, die sind faul, die sind nachlässig…“ Einmal haben wir für eine
WDR-Sendung offiziell eine Staub-Entnahme im Düsseldorfer Landtag
angefragt. Da kam ein Brief zurück: Was wir uns überhaupt dächten. Es sei
eine ernsthafte Institution, da entnehme man keinen Staub …
taz: Haben Sie mal das Weiße Haus angefragt?
Stöcker: Ja, aber eine Antwort kam nie. Ich habe allerdings Staub aus der
Halle des Volkes in Peking. Den hat mir vor vielen Jahren jemand
mitgebracht. Wenn man sich heute bei einer Führung dort nach einer Fluse
bückte, käme vermutlich gleich die Security.
taz: Welche Sorten Staub sammeln Sie eigentlich?
Stöcker: Los ging es mit sakralem Staub aus Kirchen, Tempeln und anderen
Orten religiöser Verehrung. Dann gibt es den Kulturstaub, zum Beispiel aus
Museen. Musikalische Stäube stammen von Orgeln, aus Konzert- und
Opernhäusern. Es kann auch mal eine Fluse aus einer berühmten alten Geige
sein. Kulinarische Stäube stammen meist von Weinbergen oder aus
Weinkellern. Diese Orte haben ja auch mit Alter, Staub, Mineralität zu tun
… Weinbauern haben da einen sehr positiven Zugang. Aus einer Sterneküche
würde ich ja niemals Staub bekommen! Meine politischen Stäube wiederum
stammen aus Rathäusern, Parlamentsgebäuden, manchmal sogar aus verlassenen
Bunkern.
taz: Was interessiert Sie am Weinkeller-Staub?
Stöcker: Zunächst mal trinke ich selber gern Wein. Und dann ist eine
Freundin von uns Wein-Akademikerin. Sie hat Staub-Proben aus namhaften
Weinkellern und Weingütern in aller Welt mitgebracht. Das ist faszinierend.
Die Herstellung und Lagerung von Wein ist ja eine der wenigen menschlichen
Tätigkeiten, wo Spinnweben und Verstaubung positiv gesehen werden. Sie
würden ja nie eine Schnitzel-Werbung mit Staub finden! Aber in Kochbüchern
der 1970er Jahre finden Sie durchaus mal eine hochwertige verstaubte,
verwitterte Weinflasche mit Kerze in einem Keller.
taz: Dagegen sind Naturraum-Stäube unspektakulär, oder?
Stöcker: Im Gegenteil. Diese Stäube von Stränden, Bergen oder aus
Naturschutzgebieten sind inzwischen fast meine Lieblingsstäube. Ich
erinnere mich an einen Platz im Oderbruch. In der Natur gibt es ja nicht
die klassische Wollmaus. Die existiert nur in Bauwerken, wo es weder
natürliche Abbauprozesse gibt noch Wind, um den Staub wegzutragen. Ich war
also im Oderbruch und sah, mitten in die Natur hinein gebaut, eine Brücke
über einem Kanal. An deren Betonkanten lagen Staubpartikel. Ich habe welche
entnommen und dann den Beton und die „Wildnis“ fotografiert. Bei meinen
Vorträgen zeige ich so etwas immer gern.
taz: Warum?
Stöcker: Um zu verdeutlichen, wie der Blick sich ändern kann: Auf der einen
Seite diese architektonische Ordnung, die gerade Linie, der rechte Winkel,
die glatte Fläche, wo Partikel wegwehen und irgendwo liegen bleiben. Auf
der anderen Seite die amorphe Natur, in der alles ständig transformiert
wird und wo Staub gar nicht auffällt, weil er schnell verschwunden oder
umgewandelt ist.
taz: Wovon kann Staub erzählen?
Stöcker: Zum Beispiel von der Geschichte solcher Naturplätze. Ich habe
Stäube von abbrechenden Küstenverläufen, anhand derer man über die Folgen
des Klimawandels reflektieren kann: Das Meer holt sich das Land zurück. Das
alles war mal Meer, weil sich alles hebt und senkt. All diese geologischen
Prozesse, die Staub entstehen lassen – auch vulkanische Orte, die riesige
Staubwolken erzeugen, die sich wieder setzen und über Jahrmillionen zu
Stein werden: Das sind gewaltige Zeitskalen, die man in so einem kleinen
Bröckchen findet.
taz: Ab wann gilt ein Partikel überhaupt als Staub?
Stöcker: Ich habe da einen sehr weiten Ansatz. Aber Geologen würden erst ab
einer Größe weit unter einem Millimeter von Staub reden. Alles andere
nennen sie Gestein. So gesehen hätte ich kein Staub-, sondern ein
Gesteinsarchiv. Oder ein Textilarchiv, denn in einer Wollmaus finden sich
Hautpartikel, Wolle, Haare, Müll – ich könnte es also auch Müllarchiv
nennen. Ich habe auch Stäube, die Fetzen, kleine Zweige oder Spinnweben
enthalten. Eigentlich müsste man auch unterscheiden zwischen organischem
und anorganischem Material. Wenn er hauptsächlich Müll oder Plastikteile
enthält, ist es eigentlich kein Staub mehr, sondern es sind allgemein
Relikte.
taz: Wie stehen Sie privat zum Staub?
Stöcker: Ich finde ihn hoch lästig. Hier zu Hause habe ich es gern sauber,
aber wenn man genauer in die Ritzen guckt, findet man immer etwas. Staub
hat viele negative Eigenschaften, das spüre ich als Heuschnupfen-Geplagter
deutlich. Andererseits ist zum Beispiel der Sahara-Staub, der durch die
Lande geweht wird, wichtig für die Düngung der Meere. Und die
Sonnenuntergänge mit diesen schönen Farben entstehen nur, weil
Staubpartikel das Licht brechen. Wiederum: Wenn Bauern bei Hitze pflügen
und es auf dem Feld staubt: Dann ist das Erosion, bei der gute Erde
weggetragen wird. Staub ist eine sehr ambivalente Angelegenheit.
taz: Er steht für Vergänglichkeit, währt aber selbst ewig.
Stöcker: Ja. Die Zersetzungsprozesse führen dazu, das er zu Erde wird, und
daraus entsteht wieder etwas. Es ist eine ständige Transformation: Etwas
verliert seine Form, erodiert, verwest, verfällt – um irgendwann eine neue
Form anzunehmen.
taz: Aber das Material ist noch da.
Stöcker: Ja. Es hat sich pulverisiert und verteilt. Und dann bringt man es
wieder in Form. An Bauwerken bringen wir alles ständig wieder in Ordnung,
machen es wieder rechtwinklig, verputzen. Dann kommen Regen, Frost, Hitze,
Kälte. Alles platzt wieder ab, und aus dem rechtwinkligen Block wird ein
kleines, ungeometrisches Steinchen. Ich laufe es platt, und irgendwann weht
es weg. Dann haben beispielsweise die Romanik, die Gotik ihre Form nicht
mehr. Staub ist die totale Negierung unserer Zusammensetzungsorganisation.
Wir Menschen haben eine Ordnung im Kopf, und der Staub sagt: Du kannst
Ordnung schaffen, soviel du willst: Ich zersetze, ich komme wieder, ich
bringe alles durcheinander. Der Staub ist ein Chaot. Und darin vielleicht
auch ein Demokrat.
taz: Wobei das Zerbröseln der natürliche Lauf der Dinge ist.
Stöcker: Ja. Aber dann hat man Ikonen wie gotische Dome, da hält man dieser
Zusammensetzung der Formen fest, an der Generationen gearbeitet haben. Man
entscheidet sich immer wieder, es nicht verfallen zu lassen. Zivilisation
bedeutet das Aufhalten von Verfall.
taz: Und warum empfinden Sie Staub als Demokraten?
Stöcker: Weil er überall ist. Er legt sich in die dickste Villa genauso wie
in die ärmste Hütte. Er ist der totale Gleichmacher. Jede Oberfläche ist
ihm lieb. Er nimmt einem nichts krumm, er kommt immer wieder. Er ist
anhänglich und geduldig. Und ich finde ihn beruhigend.
taz: Warum?
Stöcker: Dieses Seinlassen, das Loslassen und Liegenbleiben hat etwas
Beruhigendes. Manchmal betritt man einen Ort und merkt: Da war mal was, und
jetzt liegt seit Jahren das Leben still, da steht noch die Kaffeetasse …
Das hat etwas Unheimliches, kann aber auch beruhigend sein nach dem Motto:
Es hat keiner weggeräumt. Das durfte bleiben. Es hat die Jahrhunderte
überdauert, konnte sich setzen und ist eine unendliche Ruhe. Eine sich
selbst genügende Ewigkeit.
taz: So gesehen wäre Staubwischen übergriffig.
Stöcker: Ja. Denn eine schön verstaubte Fläche hat auch etwas Poetisches.
Wie ein Fell oder ein haariges Etwas.
taz: Finden Sie Staub eigentlich ästhetisch?
Stöcker: Manchmal schon. Um den Kölner Dom herum gibt es zum Beispiel
Baustellen mit dreckigen, lärmigen, übel riechenden Ecken. Aber wenn ich es
schaffe, rein die Optik wahrzunehmen, sind mache Formen des Verfalls hoch
abstrakte Farberlebnisse.
taz: Wie vergänglich ist Ihre eigene Sammlung?
Stöcker: Ich bin jetzt 57 und stelle mir langsam die Frage: Was bleibt von
dem ganzen Kram – vom Archiv, den Zeichnungen, Gemälden und Wachsskulpturen
mit Staub innen drin. Einige sind in privaten Sammlungen und Museen, aber
selbst das garantiert nicht das Überdauern. Vielleicht muss auch gar nichts
übrig bleiben. Vielleicht vererbe ich es meinen Kindern, und die sagen: Was
der Vater da gemacht hat, war alles Quatsch.
13 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Petra Schellen
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