# taz.de -- Russisches Haus in Berlin: Unheimliche Leere
       
       > Wie eine riesige Festung steht es in der Berliner Friedrichstraße: das
       > Russische Haus, das größte weltweit. Was wird fehlen, nun, da es
       > geschlossen wird?
       
 (IMG) Bild: Kombination von Massivität mit geometrischer Form: das Russische Haus in Berlin
       
       „Das Russische Haus in Berlin war immer menschenleer“, erinnert sich
       Arkadi. Als sogenannter Spätaussiedler kam er 1994 mit seiner Mutter nach
       Baden-Württemberg. Neun Jahre später begann er in Berlin Osteuropastudien
       zu studieren und entdeckte das Haus zufällig beim Schlendern über die
       Friedrichstraße.
       
       Es sieht aus wie eine riesige Festung, erstreckt sich das Gebäude doch über
       einen ganzen Block. Gleichzeitig erscheint es zwischen den filigranen
       Altbauten und den Glasfassaden der Neubauten wie ein irgendwie falsch
       gelandetes gigantisches Raumschiff. Die sehr strenge Fassadengliederung,
       ausgeführt in Beton und mit großflächigen Platten verkleidet, geben ihm ein
       wuchtiges, abwehrendes Antlitz.
       
       Der DDR-Architekt Karl-Ernst Swora, einige Jahre vorher stellvertretender
       Chefarchitekt beim Projekt „Palast der Republik“, sollte sich bei der
       Konzeption des „Hauses der sowjetischen Wissenschaft und Kultur“ Ende der
       1970er Jahre an der damals in der UdSSR vorherrschenden Architektursprache
       orientieren: die Kombination von Massivität mit geometrischer Form.
       
       Mit 29.000 qm ist das Russische Haus in Berlin größer als alle anderen
       Russischen Häuser, die es in über 70 Ländern gibt. Arkadi reagierte als
       junger Student auf die Architektursprache. So wirkte das Gebäude nicht
       besonders einladend auf ihn, und er blieb ihm erst mal fern. Als er sich
       das erste Mal hineinwagte, war er negativ überrascht von der
       Sicherheitskontrolle am Eingang, die er in Deutschland so nur in Flughäfen
       und Regierungsgebäuden kannte.
       
       ## Im Buchladen gab es zeitgenössische russische Literatur
       
       Arkadi hatte von dem russischen Buchladen gehört, den es dort gab. Und da
       das Angebot an zeitgenössischer russischer Literatur gut war, kam er einige
       Jahre lang regelmäßig ins Russische Haus, um sich mit Büchern einzudecken.
       Als er einmal das weitläufige Gebäude erkundete, entdeckte er eine
       „kitschige“ Kunstausstellung. Sonst Leere.
       
       „Die Veranstaltungen, die angekündigt wurden, sprachen mich nicht an“,
       beschreibt er seine Eindrücke. „Nicht vom Inhalt und nicht vom Design. Das
       wirkte alles altbacken und erinnerte mich an meine sowjetische Schule. Das
       Russische Haus hatte dieselbe Atmosphäre wie ein Kulturhaus irgendwo in
       Russland.“ Es war sichtbar, dass man sich nicht bemühte, die lokale
       Bevölkerung geschweige denn Touristen anzusprechen. Man war sich selbst
       genug.
       
       Während seines Studiums besuchte Arkadi mit seinen KommilitonInnen oft
       Veranstaltungen mit Bezug zur Region. „Aber niemand von uns kam auf die
       Idee, dafür ins Russische Haus zu gehen.“ Dass der FSB (russischer
       Geheimdienst) den Gebäudekomplex, der auch über Wohnungen verfügte,
       mitnutzte, um seine Auslandsagenten unterzubringen, „war in meinem Umfeld
       schon lange klar und nicht nur dort. Die Schließung scheint mir eine
       verspätete, aber logische Reaktion zu sein“, erläutert er seine Position in
       Bezug auf die Ankündigung der Bundesregierung, das Russische Haus zum
       nächstmöglichen Zeitpunkt, im Juni 2027, dichtzumachen.
       
       Igor Tschaika, Chef der Betreiberagentur Rostrudnitschestwo kündigt
       währenddessen die Eröffnung von 11 weiteren Russischen Häusern an: 8 in
       Afrika, 2 in Armenien und eines in Thailand. Maria Sacharowa, die
       Sprecherin des russischen Außenministeriums, kommentiert die angekündigte
       Schließung mit dem denkwürdigen Satz: „Es entbehrt jeglicher Logik,
       Russland der Sünden zu beschuldigen, derer es sich nicht schuldig gemacht
       hat, und auf der anderen Seite jeden gottverdammten Tag zu unseren
       Russischkursen zu kommen.“
       
       ## Neueröffnung gewünscht
       
       Am vergangenen Freitag haben vorm Russischen Haus Menschen für und gegen
       die Schließung demonstriert. Darunter die Initiative Vesna (deutsch:
       Frühling) von RussInnen im Exil. Für sie trägt der Begriff „Russisches
       Haus“ in sich den imperialen Gedanken. Sie macht sich für eine Neueröffnung
       stark als „Haus der Völker Russlands“, in dem neben der russischen Sprache
       auch alle anderen Sprachen, die in Russland gesprochen werden, Raum
       bekommen.
       
       Der Fokus müsse weg von der staatlichen Ebene hin zu den
       zivilgesellschaftlichen Gruppen der RussInnen im deutschen Exil, ist ihre
       Überzeugung. „Geben wir diesem Gebäude ein neues Leben!“, schreibt die
       Initiative enthusiastisch. Mit Bildung, Kunst und politischem Engagement
       von unten. Die Immobilie bleibt aber auch nach der Schließung des
       Russischen Hauses in russischem Staatsbesitz.
       
       Grundlage ist ein bilaterales Abkommen von 2013, das eine Laufzeit von 99
       Jahren hat. Wird es also ab nächsten Sommer ein gigantisches Geisterhaus im
       Herzen Berlins geben? Oder kommen irgendwann große tektonische
       Veränderungen in der russischen politischen Gemengelage, die die utopischen
       Gedanken der Initiative Vesna aufgreifen? Arkadi war vor Jahren das letzte
       Mal im Russischen Haus. Da musste er zur Dolmetscherin. Im Gedächtnis
       behalten hat er die unheimliche Leere, die das Gebäude umfing.
       
       9 Sep 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katja Kollmann
       
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