# taz.de -- Debatte um Dokumentarfilm „Naza“: Warum tut ihr das?
> Über den Dokumentarfilm „Naza“ von Yuval Abraham und Rachel Szor wurde
> schon vor seinem Start erbittert gestritten. Nun kommt er ins Kino.
(IMG) Bild: Der Regisseur Yuval Abraham und eine anonyme Quelle in „Naza“
Seit der Dokumentarfilm „Naza“ von Yuval Abraham und Rachel Szor bei den
83. Filmfestspielen von Venedig Premiere hatte, wurde viel über ihn gesagt
und geschrieben. Doch nur ein Bruchteil derjenigen, die sich seitdem zu
Wort gemeldet haben, dürften ihn selbst gesehen haben.
In Deutschland beschränkt sich dieser Kreis vornehmlich auf die Besucher
der [1][Filmfestspiele auf dem Lido]. Pressevorführungen sind erst für die
Startwoche angekündigt, Vorab-Streams für Journalisten, wie bei vielen
Filmen üblich, gibt es offiziell keine. Der Umgang mit dem Film im Vorfeld
deutet auf Nervosität hin.
Was bei dem Inhalt des Films nicht überrascht. Denn „Naza“ nimmt sich ein
Thema vor, das seit fast drei Jahren die öffentliche Debatte bestimmt: der
Krieg in Gaza. Genauer geht es um das militärische Vorgehen der
Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) im Kampf gegen die Hamas im
Gazastreifen.
Das Wort „Naza“ steht für die in Kauf genommenen „Kollateralschäden“, für
die Zahl der zivilen Opfer, die bei gezielten Schlägen gegen Hamas-Kämpfer
zu erwarten sind.
## Yuval Abraham, Gesicht des Films
Abraham und Szor führten nach dem 7. Oktober 2023 drei Jahre lang
Interviews mit insgesamt 24 Personen, sowohl Angehörige des Militärs als
auch des Geheimdiensts kommen zu Wort. Gefilmt haben sie nachts auf
Hochhausdächern in Tel Aviv. Bei jedem der Interviews sieht man Yuval
Abraham mit einem seiner Gesprächspartner.
Während Abrahams Gesicht im Bild zu erkennen ist, zeigen die Aufnahmen von
seinem Gegenüber lediglich die Silhouette. Die Stimmen wurden elektronisch
verfremdet, auch das Erscheinungsbild der Interviewpartner sei digital
verändert worden, heißt es, um die Quelle zu schützen. Wenn jemand vor
laufender Kamera eine Zeichnung anfertigt, um das Dargestellte zu
verdeutlichen, ist die Handschrift ebenfalls unkenntlich gemacht.
Die einzigen sonstigen Bilder im Film zeigen Hochhausfassaden in Tel Aviv.
Dabei fällt der Blick aus einigem Abstand in erleuchtete Räume mit Menschen
in der Küche, auf dem Sofa, oft vor dem Fernseher sitzend. Währenddessen
sprechen die anonymen Personen aus dem Off darüber, wie sie, unterstützt
von einer „Naza-App“, Gebäude für einen Angriff auswählen. Denn es geht
stets um Schläge, die aus der Ferne geführt werden, oft ist die Rede von
bewaffneten Drohnen, die zum Einsatz kommen.
Einige der Militärangehörigen schildern ausführlich, wie sie durch
Überwachung der Smartphones der einzelnen Familienmitglieder von
Hamas-Kämpfern ein genaues Bild davon bekommen, wie viele Personen sich
aktuell in der Wohnung aufhalten, was sie tun, worüber sie sprechen, ob sie
gerade fernsehen. Wenn sie sich die Fotos auf den Telefonen anschauen,
bekommen sie zudem einen Überblick über das Innere der Wohnung. Die
Kontrolle, die dadurch möglich ist, scheint umfassend.
## Der Guardian als Produzent
Ein Teil der Angaben im Film wurden, so die Regisseure in ihrem
Pressestatement zum Film, in den Monaten nach den Angriffen vom 7. Oktober
2023 vom Guardian in Zusammenarbeit mit den Online-Publikationen +972
Magazine und Local Call veröffentlicht. Der Guardian ist einer der
Produzenten von „Naza“, ebenso wie der [2][Regisseur Jonathan Glazer („The
Zone of Interest“)].
Die Aussagen im Film erschrecken. Etwa wenn ein Militär ein Gebäude
skizziert und dazu trocken aufzählt, wie viele Menschen bei einem Schlag
gegen einen Hamas-Kämpfer per Knopfdruck im Zweifel zusätzlich getötet
werden. Oder wenn ein anderer erwähnt, dass es bei einigen Attacken mehrere
hundert „Naza“ gab.
Die geschäftsmäßig vorgetragenen technischen Vorbereitungen für solche
Waffeneinsätze und die Beiläufigkeit, mit der einige der Befragten dies als
ihren Alltag schildern, macht den Umstand, dass über zivile Opfer
gesprochen wird, umso schwerer auszuhalten.
Eine andere Frage ist, wie man die im Film gemachten Angaben bewerten soll.
Wonach soll das Publikum beurteilen, was es von den gesichtslosen Sprechern
erfährt? Jenseits dieser anonymen Quellen führt „Naza“ kein weiteres
Material an, das als Beleg dienen könnte. Auch kommen keine Stimmen von
außen zu Wort, um die Plausibilität der Angaben einzuschätzen.
## Kritik Tuvia Tenenboms
[3][Abraham und Szor arbeiteten zuvor zusammen für den Dokumentarfilm „No
Other Land“ (2024)] über den Alltag in palästinensischen Dörfern unter
israelischer Besatzung im Westjordanland. Diesen Film, der bei den Oscars
2025 als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, kritisierte vor kurzem
der Autor Tuvia Tenenbom in seinem Buch „Wie nennt ihr dieses Land hier?
Unter Siedlern“ (Suhrkamp 2026).
Seine Zusammenfassung des Films: „Von Anfang bis Ende tut kein
Palästinenser etwas Schlechtes und kein Jude etwas Gutes, mit Ausnahme
jener Juden, die nur Schlechtes in ihren Mitjuden sehen.“
Sein größter Vorwurf gegen „No Other Land“ lautet: „Das Hauptproblem mit
diesem Film auf sachlicher Ebene besteht darin, dass er nirgends erwähnt,
dass Palästinenser permanent Israelis erstechen, erschießen und mit Autos
rammen. Jene Taten sind weitaus grausamer, sinnloser, hasserfüllter,
mörderischer und zahlenmäßig weitaus häufiger als alles, was hier gezeigt
wird.“
Auch in anderer Hinsicht wirft er den Regisseuren vor, realitätsverzerrend
zu arbeiten. So habe er einzelne Häuser, die im Film angeblich abgerissen
wurden, bei seiner Recherchereise durchs Westjordanland unversehrt
vorgefunden.
## Verzerrte Darstellung?
Die Kritik Tenenboms an „No Other Land“ lässt sich nicht auf „Naza“
übertragen. Sie gibt jedoch Anlass zu Misstrauen gegenüber der Arbeitsweise
Abrahams und Szors. Scharfe Kritik an einzelnen Darstellungen in „Naza“ kam
etwa vom IDF. Das Militär kündigte an, juristische Schritte gegen die
Filmemacher zu prüfen, da im Film falsche Angaben gemacht würden.
Anders als von einer Quelle geäußert, habe es laut IDF keinen Einsatz mit
500 Toten gegeben. Auch stimme es nicht, dass militärische Ziele von
künstlicher Intelligenz ausgesucht wurden.
Der reduzierte Ansatz des Films offenbart in diesem Punkt einen inneren
Widerspruch: Alle der 24 Befragten sind als Whistleblower eingeführt. Da
sie zu ihrem Schutz anonym sprechen und es sich um mutmaßliche
Militärgeheimnisse handelt, lassen sich ihre Aussagen schwer überprüfen.
Dies gilt für sämtliche Aussagen im Film. Ob es sich bei den genannten
Militäreinsätzen um Kriegsverbrechen handelt oder nicht, lässt sich daher
nicht beurteilen.
In Zusammenhang mit dem Vorgehen des Militärs fällt an einer Stelle auch
das Wort „Genozid“. Dieses äußert der Befragte wohlgemerkt nicht direkt,
vielmehr bestätigt er diese Bewertung, nachdem ihm Abraham das Wort mit
seiner Frage in den Mund gelegt hat. Journalistisch gesehen ist das eine
Suggestivfrage.
Da der Film mit seinem einheitlichen Setting überdies den Eindruck der
Gleichzeitigkeit erweckt und keinen Hinweis darauf gibt, wann die einzelnen
Gespräche im Verlauf der drei Jahre geführt wurden, erscheinen seine
Informationen wie ein einziges Dokument der unvermindert massiven Gewalt,
die die IDF gegenüber der Bevölkerung im Gazastreifen ausüben. Dass es auch
hier eine Entwicklung gab, bei der die Schläge nach dem Waffenstillstand
von Oktober 2025 deutlich vermindert wurden, erwähnt der Film nicht.
## Statement der Regie
Abraham und Szor sagen in ihrem Regiestatement: „Wir haben diesen Film aus
dem Gefühl der Verpflichtung heraus gedreht, unsere Position als Israelis
zu nutzen, um die Systeme hinter der Massenvernichtung palästinensischer
Zivilisten zu untersuchen, für die unser Land verantwortlich ist.“
Dass sie damit wirksam gegen die von ihnen kritisierte Regierung von
Premier Benjamin Netanjahu vorgehen, wird unterdessen in der liberalen
israelischen Öffentlichkeit bezweifelt. [4][Die Whistleblower des Films
werden in Israel schon längst vereinnahmt für eine rechte
Verschwörungstheorie um den 7. Oktober 2023], laut der die Terrorangriffe
der Hamas durch Verrat unter Sicherheitsbeamten ermöglicht wurden.
Bei den Parlamentswahlen im Oktober könnte das Netanjahu helfen. Auch dies
ein Effekt, wenngleich ungewollt, des hermetischen Ansatzes von „Naza“. Der
Aufklärung ist so kaum gedient.
27 Sep 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Tim Caspar Boehme
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