# taz.de -- Filmfestival San Sebastián: Sie müssen arbeiten und füreinander sorgen
       
       > Mike Leighs „Tender Loving Care“ gewinnt in San Sebastián die Goldene
       > Muschel. Viele der Filme dieses Jahr erzählen, wie Menschen ein Leben
       > aufbauen und was es kostet, daran festzuhalten.
       
 (IMG) Bild: Eine Geschichte über Altern und Abschied: „Tender Loving Care“ von Mike Leigh
       
       „Wie lautet Ihre Adresse?“, fragt Rosie. Der alte Mann nennt eine Zahl. Sie
       fragt noch einmal, freundlich und geduldig, doch mehr erfährt sie nicht.
       Rosie ist Sozialarbeiterin und will ihm helfen. Dafür müsste sie zunächst
       wissen, wo er wohnt. Mike Leigh lässt diese kleine Begegnung am Anfang von
       „Tender Loving Care“ stehen, mitsamt ihrem leisen Witz und dem Unbehagen
       darüber, dass gute Absichten hier nicht weiterhelfen.
       
       Beim 74. Filmfestival von San Sebastián erhielt „Tender Loving Care“ die
       Goldene Muschel. Leigh gewann auch den Drehbuchpreis; Kate O’Flynn teilt
       sich den Preis für die beste Hauptrolle mit Asta Kamma August aus „Growth
       of the Soil“. Rosie und Amy, gespielt von Alice Bailey Johnson und O’Flynn,
       arbeiten beide im sozialen Bereich. Nachdem Amys Beziehung gescheitert ist,
       zieht sie vorübergehend wieder bei ihrer Freundin ein. Sie trinken Wein,
       singen miteinander, albern herum.
       
       Amy verschweigt ihren Eltern zunächst die Trennung; die beiden hängen an
       ihrem bisherigen Bild von der Zukunft ihrer Tochter. Ihr Vater Geoff wirkt
       manchmal abwesend, und ihre Mutter Birdie überspielt ihre wachsende Sorge
       um ihn. Rosie gehört für sie längst zur Familie. Leigh erzählt von
       Verwandtschaft, Freundschaft und beruflicher Fürsorge, ohne diese
       Beziehungen zu einem einzigen Ideal von Nähe zu verschmelzen.
       
       Die Arbeit der Freundinnen führt aus der Wohnung in andere
       Lebensverhältnisse. Sie begegnen Jugendlichen und älteren Menschen, die
       Unterstützung brauchen, deren Misstrauen aber Gründe hat. Eine überforderte
       Mutter fürchtet etwa, alles, was sie Rosie erzählt, könnte später vor
       Gericht gegen sie verwendet werden. Ihre Abwehr lässt sich nicht mit mehr
       Geduld wegreden. Leigh zeigt, wie sehr Hilfe davon abhängt, wer über Akten,
       Entscheidungen und Folgen verfügt. Zugleich gesteht er den
       Sozialarbeiterinnen Erschöpfung, Ungeschick und ein Privatleben zu.
       
       ## Ohne großen Gefühlsausbruch
       
       Leigh hört seinen Figuren genau zu. Sie kommen vom Thema ab, wiederholen
       sich oder greifen nach einem schiefen Vergleich. Gerade dabei verraten sie,
       was sie umtreibt. Birdie und Geoff singen alte Lieder; Amy und Rosie haben
       ihre eigenen albernen Rituale. Die Vertrautheit dieser Szenen macht die
       Veränderungen, die sich bereits ankündigen, schwerer zu ertragen. Leigh
       drängt sie nicht zum großen Gefühlsausbruch.
       
       Der 83-jährige Leigh war aus gesundheitlichen Gründen nicht in San
       Sebastián. In einer Videoschalte sagte er, „Tender Loving Care“ sei
       vermutlich sein letzter Film. Das gibt der Geschichte über Altern und
       Abschied zusätzliches Gewicht. Doch seine Figuren müssen weiterleben,
       arbeiten und füreinander sorgen. Die Goldene Muschel würdigt damit ohnehin
       mehr als Leighs lange Karriere. Es war der herausragende Film dieses
       Festivals.
       
       Eine ganz andere Welt erschließt [1][Hans Petter Molands] „Growth of the
       Soil“, Norwegens Oscar-Beitrag nach Knut Hamsuns 1917 erschienenem Roman
       „Segen der Erde“. Anfangs sucht Isak in einer Felsspalte Schutz vor Wind
       und Kälte. Dann kommt Inger zu ihm; gemeinsam roden sie Bäume, bewegen
       Steine und bauen erst eine Hütte, später einen Hof für ihre Familie.
       
       Oskar Dahlsbakkens preisgekrönte Bilder verfolgen diese Arbeit durch die
       Jahreszeiten. Das enge 4:3-Format hält die Menschen dicht bei der
       Landschaft, statt sie zum Panorama zu verklären. Mit dem Hof wachsen die
       Ansprüche von außen: Besitz muss eingetragen, Steuern müssen bezahlt
       werden; Inger entdeckt Möglichkeiten jenseits des Lebens, das Isak mit ihr
       aufgebaut hat.
       
       ## Körperlich fordernde Arbeit auf dünnem Eis
       
       Während Isak und Inger in den norwegischen Bergen Ende des 19. Jahrhunderts
       eine Existenz aus dem Nichts aufbauen, kämpft die junge Ejva in Amanda
       Kernells „Brace Your Heart“ in der schwedischen Gegenwart darum, das Erbe
       ihres Vaters zu bewahren. In einem abgelegenen Sámi-Dorf übernimmt sie
       seine Rentierherde. Kernell, selbst Sámi, zeigt das Hüten als körperlich
       fordernde Arbeit auf dünnem Eis, im Schnee und in einer Gemeinschaft, in
       der alle einander kennen.
       
       Ihre Kamera bleibt nah bei Ejva, gesprochen wird Nordsamisch; viele der
       Darsteller*innen stammen aus Familien, die selbst Rentiere hüten. So
       wird Ejvas Konflikt zur Frage, wie sie Teil dieser Gemeinschaft bleiben und
       zugleich über ihr eigenes Leben bestimmen kann. Dafür erhielt Kernell den
       Regiepreis.
       
       Die stärkste formale Zumutung des Wettbewerbs kommt von Ah Biao. Sein Debüt
       „Border“, mit dem Spezialpreis der Jury bedacht, führt in eine entlegene
       Bergbaustadt an der chinesisch-mongolischen Grenze. Ein junger
       Minenarbeiter begegnet einer Frau, über die er fast nichts weiß. Dann
       schließt die Mine, und die wenigen Sicherheiten seines Alltags brechen weg.
       Ah Biao filmt leere Straßen, Beton und Schnee in langen, oft wortarmen
       Einstellungen. Seine Figuren bleiben einander ebenso rätselhaft wie dem
       Publikum, doch der Film entwickelt einen eigentümlichen Sog: In dieser
       Stadt ist schon der Versuch, jemandem näherzukommen, mit Abhängigkeit und
       Gefahr verbunden.
       
       ## Den Befehl zur Selbstvernichtung annehmen
       
       Auch Tony Vahls Regiedebüt „Krux“ führt an einen Ort, dessen
       Bewohner*innen kaum wissen, was außerhalb geschieht. In einem Dorf im
       Nordosten Deutschlands werden wenige Tage vor der Kapitulation Leichen aus
       dem Fluss geborgen, während in der Schule weiter unterrichtet wird. Die
       junge Greta, gespielt von Jella Haase, heiratet ihren gefallenen Verlobten;
       neben ihr steht nur sein Soldatenhelm.
       
       Der Bürgermeister schürt die Angst vor der anrückenden Roten Armee und gibt
       den Befehl weiter, dem Feind keinen lebenden Menschen zu überlassen. Vahls
       neblige Bilder und bedrohliche Tiermotive sind bisweilen überdeutlich.
       Beklemmender als diese Vorzeichen ist, wie bereitwillig das Dorf selbst den
       Befehl zur Selbstvernichtung annimmt.
       
       Den Preis der Sektion New Directors gewann „Body of Glass“, das
       Abschlussprojekt der dffb-Absolventin Naëmi Ada. Darin flieht eine Tänzerin
       vor ihrem kontrollierenden Partner und schleicht sich in den Freundeskreis
       eines verstorbenen jungen Mannes ein, den sie nie kannte. Aus ihrer
       Sehnsucht nach Zugehörigkeit entwickelt Ada einen psychologischen Thriller.
       Bei der Preisverleihung nutzte sie ihre Rede für eine politische
       Stellungnahme: Als deutsche Filmemacherin fühle sie sich verpflichtet, die
       „Mitschuld des deutschen Staates am Völkermord“ in Gaza anzuprangern.
       
       Diese Anklage stand nicht allein. Bei der Vergabe des Publikumspreises an
       den [2][Dokumentarfilm „Naza“] waren im Saal palästinensische Flaggen und
       zahlreiche Schilder mit der Aufschrift „We are Naza too“ zu sehen; auch das
       Moderationsduo hielt sie hoch. Die Geste machte noch einmal die Solidarität
       eines Teils des Festivalpublikums sichtbar. Über die Fragen, die der Film
       selbst aufwirft, sagte der nahezu geschlossene Beifall allerdings wenig
       aus.
       
       [3][Fatih Akins Melodram] „Geister“, in dem eine Jugendliebe über den Tod
       hinausreicht, hatte das Festival eröffnet. [4][Werner Herzog und Naomi
       Watts wurden mit Donostia-Preisen für ihre Karrieren geehrt]. Bei der
       Schlussgala galt der lange Applaus José Luis Rebordinos, der San Sebastián
       seit 2011 geleitet hat und nun abtritt. Maialen Beloki, seit zehn Jahren
       eine der beiden Stellvertreterinnen, übernimmt im Januar als erste Frau die
       Leitung. Sie verantwortet im kommenden Jahr das 75-jährige Jubiläum eines
       Festivals, dem besser als vielen anderen gelingt, etablierte Namen und
       eigenwillige neue Stimmen zusammenzubringen.
       
       27 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Romanverfilmung-Pferde-stehlen/!5640111
 (DIR) [2] /Debatte-um-Dokumentarfilm-Naza/!6211185
 (DIR) [3] /Fatih-Akins-neuer-Spielfilm-Amrum/!6114991
 (DIR) [4] /Regisseur-Werner-Herzog-im-Interview-Seht-zu-dass-ihr-euer-Denken-nicht-irgendwelchen-Algorithmen-ueberliefert/!6215547
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Abeltshauser
       
       ## TAGS
       
 (DIR) San Sebastián
 (DIR) Filmfestival
 (DIR) Abschied
 (DIR) Altern
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Debatte um Dokumentarfilm „Naza“: Warum tut ihr das?
       
       Über den Dokumentarfilm „Naza“ von Yuval Abraham und Rachel Szor wurde
       schon vor seinem Start erbittert gestritten. Nun kommt er ins Kino.
       
 (DIR) Regisseur Werner Herzog: „Die Welt eröffnet sich für die, die zu Fuß sind“
       
       Regisseur Werner Herzog wird beim Filmfestival von San Sebastián für sein
       Lebenswerk geehrt. Er spricht über seinen neuen Film „Bucking Fastard“ und
       KI.
       
 (DIR) Bericht vom Filmfestival San Sebastián: Vom Wunsch, Nonne zu werden, und andere Familiendramen
       
       San Sebastián hat den Ruf, das wichtigste Festival für spanischsprachiges
       Kino zu sein. Das hat sich dieses Jahr sehr eindrucksvoll bestätigt.