# taz.de -- Flüchtlingsrat rechnet mit Senat ab: „Der SPD fehlte oft das Rückgrat“
> Mehr Großunterkünfte und Flüchtlingsschulen, keine freiwillige Aufnahme,
> keine Wohnungen: Emily Barnickel vom Flüchtlingsrat lässt am alten Senat
> kein gutes Haar.
(IMG) Bild: Die Containerunterkunft auf dem Tempelhofer Feld: Im Vergleich mit der Situation in den Hangars lebt es sich dort fast schon gut
taz: Frau Barnickel, im Berliner Wahlkampf ist das Thema Flüchtlinge
überhaupt kein Thema. Warum eigentlich?
Emily Barnickel: Ich denke, die progressiven Parteien haben Angst vor dem
Thema Migration und Flucht. Sie haben Angst, Stimmen zu verlieren, wenn sie
vor allem unter menschenrechtlichen Aspekten darüber sprechen. Die
konservativen Parteien bedienen das Thema ja schon, natürlich mit ihrem
Fokus auf ordnungsrechtliche und Kontroll-Aspekte. Aber es stimmt, im
Berliner Wahlkampf spielt das eher eine untergeordnete Rolle.
taz: Es kommen ja tatsächlich immer weniger neue Flüchtlinge in Berlin an.
Funktioniert also die Strategie der EU und der Bundesregierung, mit
Abschottung das Thema Flucht „abzuräumen“?
Barnickel: Wenn man unter „funktionieren“ verstehen will, dass immer mehr
Menschen entrechtet an den Außengrenzen stranden, dann vielleicht schon.
Aber es gibt jetzt natürlich nicht weniger geflüchtete Menschen. Das
Einzige, was passiert, ist, dass es eine „unsichtbare Flucht“ gibt, dass
Menschen irgendwo ferngehalten werden, wie beispielsweise in Ägypten, der
Türkei, Libyen etc. Besonders traurig ist, dass Berlin sich in dieser
Legislaturperiode entschieden hat, den legalen Zuzug von
Familienangehörigen nicht weiter zu verfolgen.
taz: Sie meinen die freiwilligen Aufnahmeprogramme, vor allem für Syrer und
Afghanen?
Barnickel: Ja. Berlin hat diese Programme gestoppt, Hand in Hand mit der
Bundesregierung. Dadurch ist ziemliche Verzweiflung ausgebrochen für viele
Menschen in Berlin, die Familie in Kriegs- oder Krisengebieten haben und
gehofft hatten, sie auf eigene Kosten hierher holen zu können. Das ist
ziemlich dramatisch im Moment.
taz: Wie viele Menschen in Berlin betrifft das ungefähr?
Barnickel: Genaue Angaben zu Zahlen kann ich nicht machen, da das
Landeseinwanderungsamt und die Botschaften schon Ende 2024 aufgehört haben,
berechtigte Anträge zu bearbeiten. Aber wir bekommen quasi täglich Anfragen
von Menschen aus Palästina, Sudan, Iran, Afghanistan, die nach Wegen
suchen, legal nach Deutschland zu kommen. Weil sie sich in ihren
Herkunftsländern in so furchtbaren, teils lebensbedrohlichen Situationen
befinden. Deutschland und Berlin haben diese Menschen einfach im Stich
gelassen.
taz: Reden wir von den Menschen, die es noch hierher schaffen. Wie ist
deren Lage?
Barnickel: Ja, in diesem Punkt war die Legislatur interessant. Einerseits
war sie von dem zumindest wörtlich kundgetanen und in Einzelfall auch
glaubhaftem Bemühen seitens der SPD-geführten Sozialverwaltung geprägt, das
Bestmögliche rauszuholen beim Koalitionspartner CDU. Andererseits ist die
SPD oft sehr stark von ihren Werten und Standards abgewichen und hat ihrem
Koalitionspartner nachgegeben. So war es in der Großunterkunft Tegel, die
die SPD schnell schließen wollte, die aber lange offen blieb trotz der
unterirdischen Bedingungen dort. So war es auch bei der sogenannten
Bezahlkarte, die Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe nicht wollte, aber dann
doch ihre [1][Einführung] mittrug. Und so war es bei den
Landesaufnahmeprogrammen.
taz: Und bei der Unterbringung?
Barnickel: Hier hieß es auch immer von Seiten der SPD, man wolle dezentrale
Unterbringung. Aber dann hat die CDU verkündet, es kämen ja nur noch wenig
neue Geflüchtete, daher würden [2][alle Bauprojekte für kleinere Heime
gestoppt]. Kurz: Die SPD wollte viel, hat aber fast nichts erreicht. Aus
unserer Sicht hat ihr oft das Rückgrat gefehlt, ihre Anliegen
durchzubringen.
taz: Bei den Flüchtlingsschulen ja auch.
Barnickel: Ja, das hat die Sozialsenatorin auch erst abgelehnt, aber die
CDU-Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch hat sich durchgesetzt.
[3][Jetzt ist das eigentlich Standard bei allen Großunterkünften]:
Landsberger Allee, Tempelhof, in der Hasenheide soll es auch so werden, und
auch die Schule von Tegel am Saatwinkler Damm ist noch in Betrieb. All das
bei teilweise leeren Wartelisten für Willkommensplätze auf den „normalen“
Schulen.
taz: Immerhin ist die riesige Zeltstadt in Tegel, die manche Deutschlands
schlechteste Flüchtlingseinrichtung nannten, inzwischen zu. Jetzt ist der
Ex-Flughafen Tempelhof Berlins größte Einrichtung mit insgesamt 2.500
Plätzen. Wie ist die Lage dort?
Barnickel: Es sind ja drei Unterkünfte. Die älteste ist das Containerdorf
auf dem Vorfeld, dazu kommen die beiden Notunterkünfte in den Hangars und
in Containern auf den Parkplätzen vor dem Gebäude. Die Zustände sind sehr
unterschiedlich. Die Menschen auf den Parkplätzen haben es sehr schwer, sie
müssen etwa über den Parkplätze zum Duschen und zur Toilette laufen – auch
im Winter! In den Hangars gibt es das Problem der unglaublichen
Lärmbelästigung, des mangelnden Platzes und der mangelnden Privatsphäre –
kein Wunder bei Hunderten Menschen in einer Halle.
taz: Ja, in diesen riesigen Hangars hallt es total!
Barnickel: Außerdem sind geflüchtete Menschen ja nicht auf einer Kreuzfahrt
zusammen unterwegs, sondern sind wahllos zusammengesperrt, quer durch
Essensgewohnheiten, Tagesstruktur und Abhängigkeiten. Und das geht
natürlich nicht gut auf Dauer. Kein Wunder, dass es immer wieder Berichte
gibt über Gewalt und Drogenmissbrauch, die von den rechten Medien
ausgeschlachtet werden – viele Menschen dort sind einfach verzweifelt und
werden von der Verwaltung und Politik im Stich gelassen.
taz: Nun gibt es seit Juli das [4][„Gemeinsame Europäische Asylsystem“
Geas]. Hat das schon spürbare Konsequenzen in Berlin?
Barnickel: Ja. Früher gab es zum Beispiel einen Verteilungsstopp für
Transpersonen. Die blieben in Berlin, weil man gesagt hat, Berlin hat als
eines der wenigen Bundesländer ein Netzwerk von Vereinen, Beratungsstellen
und Einrichtungen für „besonders schutzbedürftige Menschen“, wie es amtlich
heißt. Mit Geas kam nun die Vorschrift, dass jede neu ankommende Person ein
„Vulnerabilitäts-Screening“ durchlaufen soll, dass also immer geschaut
werden muss, ob die Person „besonders schutzbedürftig“ ist – denn dann
gelten für sie besondere Rechte, etwa in puncto Unterbringung oder
Asylverfahren.
taz: Aber das ist doch gut!
Barnickel: Ja, aber es funktioniert nicht. Das Berliner Landesamt für
Flüchtlinge und Unterbringung sagt nun, Transpersonen können umverteilt
werden, weil ja beispielsweise auch Brandenburg dieses Screening machen
muss. Aber wenn die Menschen dann nach Brandenburg kommen, stellt die
Bundespolizei dort fast immer fest, dass diese Menschen nicht
schutzbedürftig sind. Wir haben schon einige Fälle erlebt von
Transpersonen, queeren Menschen, alleinreisenden Frauen, von Opfern
geschlechtsspezifischer Gewalt, die in Brandenburg nicht als „besonders
schutzbedürftig“ eingestuft wurden. Sprich: Berlin ruht sich auf Geas aus
und möchte so viel Verantwortung wie möglich abgeben – dabei hatten wir
gehofft, dass es in diesem Punkt mit Geas besser wird.
taz: Was ist mit Kindern und Jugendlichen? Für die sollte Geas auch
Verbesserungen bringen.
Barnickel: Ja, aber da merken wir noch gar keine Veränderungen. Die Reform
bedeutet zum Beispiel, dass diese angeblichen Schulen in
Flüchtlingsunterkünfte geschlossen werden müssten. Die darf es gar nicht
mehr geben, laut Geas müssen alle Kinder binnen drei Monaten in
Regelschulen gehen. Aber da hat sich die Bildungsverwaltung bis jetzt auf
den Standpunkt gestellt, dass sie dazu nicht verpflichtet sei und die
Flüchtlingslagerschulen nicht schließen will. Eine weitere Auswirkung von
Geas ist bisher noch nicht klar.
taz: Welche denn?
Barnickel: Gerade wird ja in Tegel ein neues Ankunftszentrum errichtet, und
dazu gehört auch eine neue „Unterkunft“. Die soll für Menschen sein, die
nach dem „Screening“ direkt nach ihrer Ankunft eine „schlechte
Bleibeperspektive“ attestiert bekommen. Wir befürchten, dass diese
Einrichtung – je nach Mehrheitsverhältnissen im neuen Abgeordnetenhaus – in
eine Art Hafteinrichtung umgewandelt werden könnte. Das hat zwar weniger
mit Geas, aber viel mit der deutschen Interpretation davon und den
deutschen Zusatzgesetzen im Gefolge von Geas zu tun.
taz: Schauen wir also in die Zukunft: Was muss der nächste Senat aus Ihrer
Sicht dringend angehen?
Barnickel: Zuerst brauchen wir ein Wahlrecht für alle Menschen, die
dauerhaft in Berlin leben, mindestens auf kommunaler Ebene. Es gibt zu viel
Politik zulasten von Migrant*innen und geflüchteten Menschen, weil sie
kein Stimmrecht bei der Wahl haben. Ein Wahlrecht würde dieses
Demokratiedefizit ausgleichen – und vielleicht auch eine andere Politik
erzwingen, weil man auf diese doch recht große Gruppe eingehen müsste, wenn
sie Wähler*innen wären. In Berlin sind ja teilweise – je nach Bezirk –
[5][bis zu einem Viertel der Menschen, die dort leben, nicht
wahlberechtigt].
taz: Was brauchen wir noch?
Barnickel: Natürlich genauso wichtig ist sozialer Wohnungsbau. Es gibt rund
100.000 wohnungslose Menschen in Berlin, wenn wir die Menschen in den
Heimen und die Gruppe der Wohnungslosen zusammenzählen. Und auch wenn wir
absolut gegen segregierende Wohnformen sind, gab es mal eine gute Idee, die
das Land wieder mehr verfolgen sollte. [6][Die „Modulare Unterbringung für
Flüchtlinge“, die MUFs], die eine Weile forciert gebaut wurden, jetzt aber
nicht mehr, sind günstiger als sozialer Wohnungsbau, schnell hochgezogen.
Dafür gibt es Sonderbaurecht, und nach drei Jahren sollen die MUFs in den
regulären sozialen Wohnungsbau übergehen.
taz: Also fordern Sie MUFs für alle?
Barnickel: Warum nicht? Eigentlich haben die geflüchteten Menschen damit
auf unerwartete Weise Berlin ein wahnsinniges Geschenk gemacht! Nur
ihretwegen wurde diese Möglichkeit durch das Landesamt für
Flüchtlingsangelegenheiten genutzt, an anderen Stellen erleben wir immer
nur absolute Stagnation beim sozialen Wohnbau. Leider wurde der Bau von
MUFs eingestellt, auf Grund der rassistischen Diskurse vor allem von AfD
und CDU. Diesen Weg müsste man aber viel weiter gehen, um zu einem
niedrigschwelligen Wohnen für alle zu kommen.
17 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Berlin-SocialCard-fuer-Gefluechtete/!6204229
(DIR) [2] /Unterbringung-von-Gefluechteten/!6138601
(DIR) [3] /Schaerfere-Fluechtlingspolitik-in-Berlin/!6131074
(DIR) [4] /Neues-Europaeisches-Asylsystem-GEAS/!6184608
(DIR) [5] /Wahlen-in-Berlin/!6203114
(DIR) [6] /Fluechtlingsunterbringung/!5375455
## AUTOREN
(DIR) Susanne Memarnia
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
(DIR) Schwerpunkt Flucht
(DIR) Flüchtlingsrat
(DIR) Migration
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Willkommen in Kreuzberg: Lust machen auf Engagement
Neues Flüchtlingszentrum an der Hasenheide eröffnet am 1. Oktober.
Initiativen aus dem Graefekiez informieren über die Erstaufnahmeeinrichtung
und üben Kritik.
(DIR) 5 Jahre Taliban in Afghanistan: Enge Zusammenarbeit mit Islamisten
Seit Ende Juli schiebt Deutschland auch nicht straffällige Männer nach
Afghanistan ab. Die Behörden brauchen dafür die Erlaubnis von
Taliban-Vertretern.
(DIR) Geflüchtete Kinder in Berlin: In der Schule, aber nur unter sich
Obwohl aktuell kaum Kinder in Notunterkünften leben, will der Senat sie
weiter dort beschulen. An der Hasenheide entsteht sogar eine neue
Flüchtlingsschule.
(DIR) Neues Europäisches Asylsystem GEAS: Von der EU-Grenze nach Berlin-Tegel
Berlin will Europas neue Asylregeln möglichst „human“ umsetzen, sagt die
Integrationssenatorin. Flüchtlingsinitiativen und Grüne sind skeptisch.