# taz.de -- Sparmaßnahmen im Suchthilfesystem: Hamburg will zwei Drogenhilfe-Einrichtungen schließen
       
       > In Hamburg stehen zwei Einrichtungen der Drogenhilfe vor dem Aus. Die
       > Stadt will beide Projekte nicht mehr länger fördern, die Kritik daran ist
       > groß.
       
 (IMG) Bild: Hauptklientel der Palette: Crackabhängige
       
       Erst seit 20 Minuten hat die Palette geöffnet. Draußen regnet es,
       Passant*innen eilen am Donnerstagvormittag mit Regenschirmen in der Hand
       an dem unscheinbaren Eckhaus mit der offenen Glastür vorbei. Zwei Männer
       hingegen bleiben stehen und begrüßen eine Frau, die gerade noch eine
       Zigarette raucht. Nach einem kurzen Gespräch gehen sie hinein ins Trockene.
       
       Rund 20 Menschen sitzen dort drin schon an mehreren Tischen. Einige halten
       dampfende Teetassen in den Händen, andere greifen zu geschmierten
       Brötchenhälften, die auf dem Tisch vor ihnen liegen. Manche führen leise
       Gespräche.
       
       In Hamburg-Altona sollen in diesem Jahr gleich zwei Einrichtungen der
       Drogenhilfe schließen: So stellt die zuständige Sozialbehörde die Förderung
       für eine Unterkunft für obdachlose, drogenabhängige Männer im Stadtteil
       Bahrenfeld ein.
       
       Zudem wurde am Dienstagabend bekannt, dass die Sozialbehörde und der Bezirk
       Altona auch die Finanzierung für die Hilfseinrichtung Palette einstellt.
       Die Anlaufstelle für Drogenabhängige und Obdachlose war vor sechs Jahren
       geschaffen worden, [1][um eine niedrigschwellige Unterstützung an der
       S-Bahn-Haltestelle Holstenstraße zu bieten.]
       
       ## Sozialbehörde verteidigt Pläne
       
       Das Umfeld hatte sich in den Jahren zuvor zu einem Treffpunkt
       Drogenabhängiger entwickelt, teils aufgrund der Vertreibung von anderen
       Orten in Hamburg, berichteten Sozialarbeiter:innen. Vor allem die Hamburger
       Polizei und ihre [2][Taskforce Drogen] sind seit zehn Jahren in mehreren
       Stadtteilen auf Patrouille, um die dortigen Drogenszenen „einzudämmen“, wie
       es heißt.
       
       Als Reaktion auf diesen neuen Treffpunkt hatte der städtische Sozialträger
       Fördern & Wohnen gemeinsam mit dem Verein Palette die Einrichtung eröffnet.
       Der Verein bietet in Hamburg seit den 1980er Jahren an mehreren Standorten
       akzeptierende soziale Hilfen für Drogenabhängige an.
       
       Durchschnittlich 50 Klient:innen werden von den
       Sozialarbeiter:innen in Altona täglich betreut. „Allein diese Zahl
       zeigt schon, wie wichtig dieser Standort ist“, sagt
       Palette-Geschäftsführerin Mandy Dombeck-Herrmann. Viele der Klient:innen
       würden bei anderen Einrichtungen durchs Raster fallen: „Wir erreichen hier
       viele, die nirgendwo sonst angegliedert sind“, sagt sie.
       
       Seitdem die Sozialbehörde und das Bezirksamt am Dienstagabend im Altonaer
       Sozialausschuss das Ende der Finanzierung zum Jahresende bekanntgegeben
       haben, ist die Aufregung darüber groß.
       
       Die Grünen halten die Entscheidung für „unverantwortlich“. Die Drogenszene,
       die hier überwiegend aus Crackkonsumierenden besteht, habe das Hilfsangebot
       der Straßensozialarbeit sehr gut angenommen, sagt deren Bezirksabgeordnete
       Nadine Neumann. Die Einrichtung habe dazu beigetragen, „den sozialen
       Frieden vor Ort wiederherzustellen“.
       
       Auch die Linke in Altona fordert den Erhalt der [3][Palette]. „Im Blindflug
       nimmt die SPD-geführte Sozialbehörde damit den suchtkranken Menschen eine
       zentrale Anlaufstelle im Bezirk – ohne Ersatz im Stadtteil zu schaffen“,
       kritisiert deren Abgeordneter Ricardo Bolaños González.
       
       Wolfgang Arnhold, Sprecher der Sozialbehörde, betont, dass die Einrichtung
       ohnehin nur als temporäre Lösung gedacht gewesen sei. Im Frühjahr ist in
       der unmittelbaren Nähe eine neue Tagesaufenthaltsstätte eröffnet worden, in
       der bis zu 100 obdachlose Menschen sich gleichzeitig aufhalten und beraten
       lassen können. Die Behörde räumt jedoch ein, dass es dort kein
       niedrigschwelliges Suchthilfeangebot gebe, wie es in der Palette angeboten
       wird.
       
       „Insbesondere Crack konsumierende Menschen sollen stärker an die
       spezialisierten Suchthilfeangebote Stay Alive und Drob Inn herangeführt
       werden“, sagt Arnhold. Das Stay Alive befindet sich ebenfalls in Altona,
       das Drob Inn jenseits des Hauptbahnhofs. Dass diese beiden Hilfsangebote
       die Schließung der Palette auffangen können, bezweifeln Grüne wie Linke.
       Die Behörde betont, dass zusätzliche Stellen für
       Straßensozialarbeiter:innen in Altona geschaffen werden sollen.
       
       ## Spardruck trifft Schwache
       
       Doch die Behörde streicht auch noch an anderer Stelle: Schon im Oktober
       soll auch das Malteser Nordlicht im benachbarten Stadtteil Bahrenfeld
       schließen. Seit 30 Jahren gibt es dort Unterkünfte für 26 obdachlose,
       drogenabhängige oder substituierte Männer. Die Sozialbehörde beschloss, die
       Förderung für die Containerunterkunft einzustellen, die zuletzt bei etwas
       über einer Million Euro lag. Wie die Palette sieht sich auch das Nordlicht
       betroffen „von den Sparmaßnahmen im Suchthilfesystem“.
       
       Der Eindruck, dass der SPD-geführte Hamburger Senat zunehmend beim Sozialen
       spart, verstärkt sich seit einigen Monaten: Schon im noch laufenden
       Haushalt werde zu wenig Geld für die Offene Kinder- und Jugendarbeit
       bereitgestellt, was bereits [4][zur Schließung von Projekten geführt habe,
       klagten Vertreter:innen.]
       
       Und seit der Vorstellung des [5][kommenden Doppelhaushalts] im Juni weiten
       sich die Klagen aus, etwa [6][hinsichtlich der Schulbegleitung von
       Schüler:innen mit einer Behinderung,] die künftig weniger
       Schüler:innen gewährt wird. Auch bei Hilfen für Geflüchtete will Hamburg
       weniger Geld ausgeben.
       
       3 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Verdraengung-von-Wohnungslosen/!5782002
 (DIR) [2] /Zehn-Jahre-Taskforce-Drogen/!6205430
 (DIR) [3] https://www.palette-hamburg.de/
 (DIR) [4] /Angebote-fuer-Kinder-in-Hamburg-Horn/!6180574
 (DIR) [5] https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/finanzbehoerde/themen/haushalt/doppelhaushalt-2027-2028-1207756
 (DIR) [6] /Bildungspolitik-in-Hamburg/!6194699
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) André Zuschlag
 (DIR) Anouk Boelsen
       
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