# taz.de -- Eigentumsgeschichte von Kunstwerken: Das Erbe, das die AfD verdecken will
> Provenienzforschung befördere ein unangemessenes „Schuldgefühl“, findet
> die AfD. Also sollte niemand nach geraubtem Kulturgut fragen? Wie die
> Forschung dagegenhält.
(IMG) Bild: Magdeburg, 14. November 2023: das Kruzifix aus Bronze gehörte dem jüdischen Unternehmer Ottmar Strauss
Petra Koch hat etwas mitgebracht. Die Leiterin des Salzland-Museums im
sachsen-anhaltischen Schönebeck packt einen aus silberfarbenem Zinn
gefertigten Teller aus. Darauf sind zwei hebräische Buchstaben zu erkennen.
Koch wünscht sich eine Antwort auf ihre Frage, ob das Objekt Raubkunst der
Nazis aus jüdischen Besitz sein könnte.
Anne Paschen kennt den Teller, denn sie und ihre Kollegin sind gerade
[1][in ähnlicher Mission unterwegs]. Nur geht es dabei nicht um einen
Museumsbestand, sondern um gleich 22. Die 43-jährige Kunsthistorikerin ist
damit beauftragt, einem Verdacht nachzugehen. Bei allen diesen 22 Museen in
Sachsen-Anhalt besteht die begründete Vermutung, dass sich in den Beständen
von den Nazis geraubte Objekte befinden – seien es nun klassische Judaica
wie ein Chanukkaleuchter, Alltagsgegenstände wie ein Taschenkalender oder
ein hölzerner Kleiderbügel mit aufgedruckter Werbung für ein jüdisches
Geschäft. „Es geht um 208 Objekte“, sagt Paschen auf einer Tagung zur
Provenienzforschung in Halberstadt, wenige Tage vor der Landtagswahl in
Sachsen-Anhalt.
Ginge es nach der AfD, dann könnten sich die Mitarbeitenden des Museums
Tagungen wie diese sparen. Ja, die ganze Forschung nach unter den Nazis
gestohlener Kunst würde in Sachsen-Anhalt eingestellt. „Kein Geld mehr für
sogenannte Provenienzforschung!“ ist ein Kapitel des Wahlprogramms der
Partei überschrieben. Die Summe, um die es konkret geht, beträgt zwar erst
einmal nur 73.500 Euro und ist damit eher symbolisch. Doch das Thema liegt
der Partei offenbar ganz besonders am Herzen.
Im Fokus des Angriffs [2][steht das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste mit
Hauptsitz] in Magdeburg. Die 2013 gegründete Stiftung von Bund, Ländern und
Kommunen ist in Deutschland der zentrale Ansprechpartner bei der Suche nach
unrechtmäßig entzogenem Kulturgut, sei es während der Naziherrschaft, in
den deutschen Kolonien vor 1918 oder in der DDR. Die Kunsthistorikerin
Meike Hopp, die der Stiftung vorsteht, sieht sich und ihre 42 Mitarbeiter
unter Generalverdacht. „Das Ziel der AfD ist der Versuch, das Bild
deutscher Kultur und deutscher Geschichte zu verklären und zu verzerren. Da
passt der Holocaust nicht hinein, genauso wenig wie die Aufarbeitung
kolonialer Gewalt“, sagt die 44-Jährige.
## Es geht um Becher, Lampe, Kaffeemühle
In einer musealen Eingangsliste von 1941 hat Anne Paschen einen ganz
besonderen Einlieferer gefunden. Es handelt sich um die Gestapo. Die von
den Staatsterroristen eingelieferten Gegenstände stammen wahrscheinlich aus
der von den Nazis zerstörten Synagoge der Kleinstadt Köthen, sagt Paschen.
Heute zählen sie zum Bestand eines Museums in Gröbzig in einem früheren
jüdischen Gotteshaus. Ein selten klarer Fall. [3][Es sind eben nicht die
Picassos und Renoirs, um die es in den meisten deutschen Museen geht.
Sondern um Becher.] Eine Lampe. Eine Kaffeemühle.
Die Tagung in Halberstadt hat nichts mit dem drohenden AfD-Wahlsieg zu tun.
Und doch schwebt dieses Gespenst unsichtbar im Raum. Sie mache sich schon
Sorgen, wie es mit der Provenienzforschung weitergeht, sagt Paschen. Das
Zentrum Kulturgutverluste unterstützt ihre Recherchen finanziell. Angela
Kolb-Janssen, Direktorin der Moses-Mendelssohn-Akademie in Halberstadt, die
die Tagung organisiert hat, gibt sich kämpferisch: „Wir dürfen uns nicht
einschüchtern lassen. [4][Provenienzforschung ist eine der wichtigsten
Aufgaben für Museen]“, sagt sie.
Die Worte, mit denen die AfD ihre Ankündigung begründet, dem Zentrum
Kulturgutverluste den Geldhahn zuzudrehen, sind bemerkenswert offen. Die
Partei, die ansonsten streng darauf achten, einen gehörigen Abstand zum
Nationalsozialismus zu halten, spricht von der „Aufrechterhaltung eines
Schuldgefühls“, das die Institution befördere und das „wir endlich ablegen
sollten“. Besonders wurmt die AfD, dass das Magdeburger Zentrum
Kulturgutverluste „einen „anlasslosen Generalverdacht gegen alle
Museumsbestände“ hege.
## Wissen, das sich nicht mehr verdrängen lässt
„Die Behauptung, wir würden ohne Anlass in die Keller gehen und auf Teufel
komm raus nach Raubkunst suchen, ist falsch“, sagt Vorständin Hopp in
Berlin, wo das Zentrum Kulturgutverluste eine Außenstelle unterhält. „Wenn
wir wissen, dass sich in Museumsbeständen Raubgut befindet, dann können wir
doch nicht einfach darüber hinwegsehen.“
Die Förderung von Provenienzforschung geschehe schon gar nicht zufällig.
„Die Museen müssen bei uns fundierte Anträge stellen und dort transparent
darlegen, warum sie der Meinung sind, dass sich in ihren Beständen
Raubgüter befinden. Wir haben inzwischen so viel Wissen über die
Mechanismen des Kunst- und Kulturraubes im Nationalsozialismus, dass sich
das nicht mehr verdrängen lässt“, sagt Hopp. Es gebe genug „Belege und
handfeste Beweise“. Doch diese störten das „Bild von der heroischen
deutschen Kulturnation“, dem die AfD anhinge.
Die AfD erklärt in ihrem Wahlprogramm, man werde unter Bezug „auf die guten
Seiten der deutschen Geschichte“ eine „unverkrampfte und auf gesunde Weise
selbstbewusste deutsche Identität fördern“. Dazu passt, [5][was das
AfD-Wahlprogramm] gleich unterhalb des Stopps von Provenienzforschung
verlangt: die Einsetzung eines Landesbeauftragten für den Erhalt der
Kriegerdenkmäler und deren Restaurierung. Nicht nur die zu den Gefallenen
des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Sondern auch zu den deutschen Toten im
Deutsch-Französischen Krieg 1871 und der Schlacht von Königgrätz 1866.
Schon jetzt leiden die kleineren Museen des Landes an ihrer geringen
finanziellen und personellen Ausstattung. Da kann sich kaum einmal ein
Mitarbeiter intensiv um einen Raubkunstverdacht kümmern. Umso notwendiger
scheint die Arbeit der Kunsthistorikerin Anne Paschen. Die
Projekt-Koordinatorin Eva-Maria Thiele leistet ihre Arbeit auf einer
befristeten halben Stelle – finanziert vom Bundesland Sachsen-Anhalt.
## Noch gibt es keine Bedrohung, auch keine Solidarität
Meike Hopp vom Zentrum Kulturgutverluste wehrt sich gegen die Vorwürfe der
AfD. Sie gehört zusammen mit mehr als zwei Dutzend kulturellen
Institutionen des Bundeslands zu den Unterzeichnern einer Erklärung gegen
das AfD-Wahlprogramm. Noch gebe es keine Bedrohungslage gegen das Zentrum,
auch keine drohenden Anrufe. Auf der anderen Seite habe keine im Landtag
vertretene Partei ihre Solidarität mit der Stiftung erklärt.
Die 73.500 Euro, mit der das Land Sachsen-Anhalt bisher die Arbeit des
Zentrums Kulturgutverluste fördert, entsprechen der Miete für das Haus in
Magdeburg, in dem die Stiftung untergebracht ist. Der gesamte Etat liegt
ungleich höher bei etwa 12 Millionen Euro und [6][kommt vor allem aus
Bundesmitteln]. Notfalls müsste die Miete aus Eigenmitteln finanziert
werden, sagt Hopp. „Wir wollen in Magdeburg bleiben, werden aber die
weitere Entwicklung sehr genau im Blick behalten.“
Für den Fall, dass die rechte Partei künftig an den Schaltern der Macht
steht, will sie sich wappnen. Wie genau, das möchte sie derzeit nicht
öffentlich machen. Aber schließlich könnte es sein, dass bald der
rechtsextreme Hans-Thomas Tillschneider im Stiftungsrat des Deutschen
Zentrums Kulturgutverluste sitzt. Tillschneider [7][gilt als Architekt der
kulturpolitischen Thesen der Landes-AfD].
Mit ihr gesprochen habe von der AfD niemand, sagt Hopp. Und auch mit der
taz mochte die Partei über ihren Feldzug gegen die Provenienzforschung
nicht reden. Eine Anfrage ließ die AfD unbeantwortet.
## Aufpolierende Fälschung
Petra Koch vom Salzland-Museum in Schönebeck hat dann doch noch eine
Antwort auf ihre Rätselfrage nach dem Zinnteller erhalten. Dinah
Ehrenfreund-Michler vom Jüdischen Museum Hohenems in Österreich hat sich
das Objekt mit den zwei Buchstaben genau angesehen. Der eine Buchstabe
könne für Milchiges, der andere für Fleischiges in der Küche stehen, meint
sie. Aber beides, das in der jüdischen Küche streng voneinander getrennt
wird, auf einen Teller zu schreiben, ergebe überhaupt keinen Sinn. Deshalb
vermutet Ehrenfreund-Michler eine ältere Fälschung. Schon Anfang des 20.
Jahrhunderts ließ sich der Wert solch profaner Gegenstände erhöhen, wenn
man sie auf Jüdisch aufpolierte.
3 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Provenienzforschung-in-Passau/!6108887
(DIR) [2] /BGH-staerkt-Datenbank-zu-NS-Raubkunst/!5948805
(DIR) [3] /Restitution-geraubter-Kulturgueter/!6131005
(DIR) [4] /Museen-stehen-aus-vielen-Gruenden-unter-Druck-Ein-Zustandsbericht/!6099900
(DIR) [5] /Einfluss-der-AfD-auf-die-Kultur/!6202665
(DIR) [6] /unterm-strich/!6152379
(DIR) [7] /Kulturpolitik-der-AfD/!6198974
## AUTOREN
(DIR) Klaus Hillenbrand
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Kulturpolitik
(DIR) Provenienz
(DIR) Restitution
(DIR) Rechtspopulismus
(DIR) Wahlen in Ostdeutschland
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Schwerpunkt AfD in Berlin
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Auktion
(DIR) Restitution
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kulturkampf in Sachsen-Anhalt: Drohung nach Orbáns Vorbild
Der Kulturkampf der AfD zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat
Modellcharakter. Aufgezogen ist er nach dem Vorbild Viktor Orbáns in
Ungarn.
(DIR) Protest gegen neues AfD-„Bürgerbüro“: Friseurin will sich nicht den Mund verbieten lassen
In Neukölln hat die AfD ein Bürgerbüro eröffnet. Die Nachbarin bezieht mit
Plakaten Stellung und bekommt dafür Probleme mit ihrem Vermieter.
(DIR) Kulturpolitik der AfD: Große patriotische Kulturrevolution
Mit einer seit 1990 in Deutschland nicht erlebten Konsequenz will die AfD
Sachsen-Anhalt die Kultur patriotisch gleichschalten. Wie wappnen sich die
Akteure?
(DIR) Vier Millionen für restituierte Figur: Teuer, wenn das Bild schillert
Der Tänzerinnen-Brunnen von Georg Kolbe wurde in Berlin für 4 Millionen
Euro versteigert. Da macht wohl die Objektgeschichte den Preis.
(DIR) Plan für Restitutionsgesetz: Steht alles still, wird es schwer mit der Gerechtigkeit
Kulturstaatsminister Weimer will ein Restitutionsgesetz. Damit könnte im
Fall von NS-Raubgut auch der Privatbesitz angetastet werden. Das ist so
heikel wie lähmend.