# taz.de -- Vier Millionen für restituierte Figur: Teuer, wenn das Bild schillert
       
       > Der Tänzerinnen-Brunnen von Georg Kolbe wurde in Berlin für 4 Millionen
       > Euro versteigert. Da macht wohl die Objektgeschichte den Preis.
       
 (IMG) Bild: Wechselt für eine Rekordsumme den Besitzer: Georg Kolbes Tänzerinnen-Brunnen
       
       Keine vier Minuten dauerte die Versteigerung von Georg Kolbes
       Tänzerinnen-Brunnen. Die ersten Gebote kamen zäh; war aber einmal die
       Eine-Million-Marke erreicht, sprangen die Zwei-, Drei-,
       Vier-Millionen-Summen nur so durch den Saal. Man war zur Sommerauktion in
       die Villa Grisebach nach Berlin-Charlottenburg gekommen. Kolbes bronzene
       Aktfigur von 1922, die scheinbar schwerelos mit ausgebreiteten Armen auf
       einem von Jünglingen getragenen Kalksteinsockel steht, war eines von 54 zum
       Verkauf stehenden Kunstwerken an diesem Abend.
       
       Viele von ihnen Klassiker der figurativen Moderne – Ewald Mataré, Ernst
       Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker, deren Selbstbildnis alle
       Erwartungen sprengte (der obere Schätzwert lag bei 35.000 Euro, verkauft
       wurde die Zeichnung für 503.100 Euro). Man setzt beim Kauf von Kunst gerade
       offenbar auf Bekanntes, medial Verbreitetes. Nicht nur bei der
       [1][„Selfie-Queen“ Modersohn-Becker, anlässlich deren 150. Geburtsjahrs]
       zuletzt viele Ausstellungen ausgerichtet wurden. Auch der gerade in
       Retrospektiven wiederentdeckte DDR-Künstler Hans Ticha wurde weit über
       Schätzwert veräußert, obgleich nur im fünfstelligen Bereich.
       
       Das große mediale Interesse am Tänzerinnen-Brunnen mag dazu beigetragen
       haben, dass er nun einen derartig hohen Preis erzielte. Für vier Millionen
       Euro, inklusive Aufgeld sogar 4.980.000 Euro, ist Georg Kolbes Figur an
       bislang namentlich unbekannte Bieter:innen versteigert worden. Ein
       Weltrekord für Kolbe – betont Auktionator Daniel Schacky. Geschätzt hatte
       man ihn auf bis zu 1,5 Millionen Euro.
       
       Die Kunst Georg Kolbes ist ohnehin ein Medienphänomen. Seine Figur „Morgen“
       ist seit ihrer Inszenierung in Ludwig Mies van der Rohes ikonischem
       Barcelona-Pavillon während der Weltausstellung 1929 zum Inbegriff der
       modernen Plastik geworden, viel fotografiert und unendlich viel publiziert.
       
       ## Die Ambivalenz der Kolbe-Figuren
       
       In der Weimarer Republik war Georg Kolbe mit seiner ins Abstrakte
       übergehenden Figuration ein berühmter Bildhauer. Auch nach 1933 ließen ihn
       [2][seine idealisierten Körperdarstellungen erfolgreich im Geschäft
       bleiben.] Selbst Hitler kaufte seine Plastiken, Albert Speer bezeichnete
       seine Kunst als „durch und durch deutsch“, dabei blieb sie immer
       ambivalent. NSDAP-Mitglied war Kolbe nicht. 1947 starb er im Alter von 70
       Jahren.
       
       Und nun der Tänzerinnen-Brunnen. Dieses schöne und schwierige Objekt. Die
       weibliche Aktfigur, das Ergebnis jahrzehntelanger bildhauerischer
       [3][Auseinandersetzung Kolbes mit dem Tanz], kommt so leichtfüßig daher.
       Die grob in den Kalkstein gehauenen, unterwürfig kauernden Atlanten im
       Sockel aber sind vielmehr Zeugen eines dunklen, rassistischen Zeitgeists.
       Ihr Vorbild soll der damals in Berlin lebende Mohammed Nur aus Somalia
       gewesen sein. Er war als Teil eines Völkerschau-Ensembles nach Deutschland
       gekommen, stand mehrmals für Kolbe Modell.
       
       Diese problematische Bildgeschichte des Tänzerinnen-Brunnens überlagert
       sich nun [4][mit einer schweren Objektbiografie. Antisemitismus und
       Holocaust] schreiben sich darin ein. Denn in Auftrag gegeben hatte den
       Tänzerinnen-Brunnen einst das jüdische Ehepaar Jenny und Heinrich Stahl für
       den Garten ihrer Villa in Berlin-Dahlem. Die Nazis zwangen die Stahls 1941
       zum Verkauf ihres Besitzes, Heinrich Stahl wurde im Konzentrationslager
       Theresienstadt ermordet, Jenny überlebte.
       
       Doch der Brunnen war weg. Der Käufer der Villa, der bulgarische Konsul
       Theodor Dimanow, hatte die bronzene Tänzerin heimlich nach Madrid gebracht.
       Als die Stahl-Erben 1953 gegen Zahlung einer geringen Ausgleichssumme auf
       ihren Berliner Besitz verzichteten, war der Brunnen nicht mehr Gegenstand
       des Ausgleichs.
       
       Nach dem Tod Dimanows gelang es dem Georg-Kolbe-Museum, die Tänzerin aus
       Madrid zu erwerben, Kalksteinsockel und Bronze wieder zusammenzubringen.
       Dubios, aber auf diese Weise konnte der Brunnen dekadenlang im Berliner
       Museum herumstehen – bis sich die Erben des Ehepaars Stahl erneut meldeten
       und ihn zurückforderten. Das schlug vor einem Jahr Wogen in der Presse.
       
       Erst vor wenigen Monaten wurde der Tänzerinnen-Brunnen an die Stahl-Erben
       restituiert. Die schillernde, kriminelle Geschichte dieses Kunstwerks muss
       bei der Auktion zu seinem Wert beigetragen haben, wie sonst konnte es eine
       solche Rekordsumme erreichen.
       
       5 Jun 2026
       
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