# taz.de -- Kioto-Protokoll: Es war einmal das zweitheißeste Jahr
> Viele Probleme der UN-Klimaabkommen gehen auf das Jahr 2001 zurück. Und
> auf die Frage, wer die Verantwortung für Klimaschutz im Globalen Süden
> trägt.
(IMG) Bild: Moskau erlebte 2001 einen sehr heißen Sommer
Die wenigsten UN-Abkommen sind Stoff für die Theaterbühne. [1][Das
Kioto-Protokoll] jedoch inspirierte sogar die Royal Shakespeare Company zu
einem Stück. Es gipfelt in einer Diskussion darum, ob im Vertragstext ein
Komma statt eines Punkts verwendet werden solle.
Hauptfigur ist der real existierende Öllobbyist Don Pearlman. Sein Ziel:
Die Weltgemeinschaft davon abhalten, ein kraftvolles Abkommen zum Schutz
des Klimas zu schließen. Dem Drehbuch zufolge ist er damit gescheitert. Und
konzentriert man sich wie die Royal Shakespeare Company auf das Jahr 1997,
in dem sich [2][die 3. UN-Klimakonferenz in Kioto] auf ein
Klimaschutzprotokoll einigte, stimmt das auch.
Die Konferenz – für Deutschland verhandelte die damalige Umweltministerin
Angela Merkel – beschloss ein bahnbrechend klingendes Abkommen. 5,2 Prozent
Emissionsreduktion im Vergleich zu 1990 versprachen die Industriestaaten.
Eine konkrete Zahl hat es seitdem nie mehr in einen UN-Klimavertrag
geschafft.
Doch wenn man vier Jahre vorspult, ins Jahr 2001, wird klar: Kioto war
keine Revolution. Sondern ein Vorbote künftiger Jahrzehnte stockender,
zwingender, aber zwangloser Klimaverhandlungen. Wichtiger noch: Es
verkannte die Weltlage.
Angela Merkel und die anderen Verhandler*innen gaben 1997 den Rahmen
für das Kioto-Protokoll vor, aber die Ausarbeitung der Details sollte noch
Jahre dauern. Auf der 6. UN-Klimakonferenz in Den Haag im November 2000
scheiterten die Verhandlungen zunächst sogar. Die EU wollte strenge Regeln
für die vielen Mechanismen, mit denen Industrieländer ihren CO2-Ausstoß
kleinrechnen oder sich freikaufen konnten. Alle anderen Industrieländer
nicht. Man vertagte die Entscheidung, die finale Ausarbeitung des
Kioto-Protokolls auf das folgende Jahr.
Kurz zuvor hatte in den USA die Präsidentschaftswahl stattgefunden. Ein
Ergebnis gab es während der Konferenz in Den Haag noch nicht. Erst im
Dezember 2000 entschied der US-amerikanische Supreme Court, dass George W.
Bush in [3][Florida und somit die Präsidentschaftswahl gewonnen] hatte. Im
März 2001 teilte die von Bush eingesetzte [4][Leiterin der US-Umweltbehörde
Christine Todd Whitman] mit, die US-Regierung habe „kein Interesse“ an der
Umsetzung des Kioto-Protokolls. In Bonn, wo die gescheiterten Den Haager
Konferenz im Sommer 2001 fortgesetzt werden sollte, würde keine
US-amerikanische Delegation mitverhandeln.
Gleichzeitig begann in China die Staatsführung – abgeschirmt von den
meisten fossilen Lobbyist*innen –, die Forschung in grünen
Schlüsselindustrien wie der Herstellung von Wind- und Solaranlagen,
Batterien und E-Autos finanziell zu unterstützen. Nur [5][eine fossile
Branche hatte Zugang] zu den entscheidenden Parteifunktionär*innen –
die Kohleindustrie. Klimaschädlicher lässt sich Strom nicht erzeugen. Schon
2001 verbrauchte China mehr Kohle als die USA. Der Bedarf ist seitdem
drastisch gestiegen.
## Nach 2001 verschärften sich die Warnungen der UN-Expert:innen
2001 war seinerzeit das zweitheißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen.
Im Frühjahr war der dritte Bericht des Weltklimarats (IPCC) erschienen.
Während im zweiten Bericht 1995 noch sehr vorsichtig von „erkennbarem
menschlichen Einfluss auf den Klimawandel“ die Rede war, trauten sich die
führenden Klimaforscher*innen sechs Jahre später mehr. „Es gibt neue
und stärkere Beweise dafür, dass der Großteil der in den vergangenen 50
Jahren beobachteten Erwärmung auf menschliches Handeln zurückzuführen ist“,
schrieben sie.
2001 war eine Sache also absehbar: Die Länder des Globalen Südens würden
für ihre wirtschaftliche Entwicklung im beginnenden 21. Jahrhundert nicht
so viel CO2 ausstoßen dürfen, wie es die Industrieländer im 20. Jahrhundert
getan hatten. Das war und ist ungerecht. Und dennoch physikalisch
unumgänglich, um eine katastrophale Erderhitzung zu verhindern.
Doch dahingehend war das Kioto-Protokoll blind. Die Entwicklungsländer
verpflichteten sich nicht zu konkreten CO2-Zielen. Schließlich hatten sie
[6][weniger beigetragen zur Erderhitzung und weniger Geld], um in
Klimaschutz zu investieren. „Gemeinsame, aber unterschiedliche
Verpflichtungen“ nennt sich das in UN-Sprech.
Es ist gegeben, dass unterschiedliche Länder unterschiedliche
Voraussetzungen für den Klimaschutz mitbringen. Aber es lassen sich zwei
Schlüsse daraus ziehen. Entweder erkennen die Industrieländer ihre
historische Schuld am Klimawandel an und geben den ärmeren Ländern Geld,
damit sie in Klimaschutz investieren können. Oder sie tun es nicht – und es
gibt weniger Klimaschutz.
Bei den Klimaverhandlungen 2001 geschah letzteres. Die Entwicklungsländer
wurden sowohl von der in Klimafragen EU als auch von der sogenannten
[7][Umbrella Group der restlichen Industrieländer] – darunter Japan,
Russland, Norwegen, Australien, die Ukraine und Kanada – weitgehend
ignoriert. Entscheidend waren vielmehr die direkten Konflikte zwischen der
ambitionierten EU und der bremsenden Umbrella Group. Im Laufe des Jahres
wurde das Abkommen immer weiter entkernt. Am 10. November stimmte das
Plenum der 7. UN-Klimakonferenz in Marrakesch schließlich dem Inkrafttreten
des Kioto-Protokolls zu.
Schon damals war die Haltung der Verhandler*innen, aber auch vieler
Klimaaktivist*innen: lieber ein schlechter Deal als gar keiner. Dafür waren
die Warnungen des Weltklimarats zu bedrohlich. Doch gerade angesichts
dieser Warnungen hat das Kioto-Protokoll versagt. Und der bahnbrechende
Erfolg, in internationalen Verträgen feste CO2-Reduktionsziele zu
verankern, war endgültig bei der 15. UN-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009
gescheitert. Seitdem wagte es auf UN-Ebene niemand mehr, konkrete Ziele zur
CO2-Reduktion vorzuschlagen.
Kern des Problems war, was die westlichen Verhandler*innen schon in
Kioto, Bonn und Marrakesch weitgehend ignorierten: Klimaschutz im 21.
Jahrhundert kann nicht nur bedeuten, dass die Industriestaaten ihre
Treibhausgasemissionen verringern. Er muss auch bedeuten, dass die
Entwicklungsländer nie das Emissionsniveau erreichen dürfen, auf dem die
westlichen Länder ihren Wohlstand aufgebaut haben.
## Die finanziellen Fragen sind bis heute nicht komplett geklärt
Bloß: Die nötige Energie für vergleichbaren Wohlstand nur aus Wind, Strom
und Wasser zu gewinnen – das schien 2001 vielen noch unmöglich. Länder wie
Indien wollten so schnell wie möglich ihre Bevölkerung mit Strom versorgen.
Kohlestrom war dafür die billigste Lösung. Und ohne viele hundert
Milliarden US-Dollar Investitionen aus dem reichen Norden würden sich
Länder wie Indien nicht vorschreiben lassen, welche Stromquelle abgelegene
Dörfer mit Elektrizität versorgen sollte. Erst recht nicht, wenn sie dazu
von der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien gedrängt werden.
Das [8][nötige Geld] floss nie. Bis heute lassen sich die meisten Konflikte
auf UN-Klimakonferenzen auf die immer gleiche Dynamik herunterbrechen. Die
EU fordert mehr Ambition. Daraufhin verweisen ärmere Länder auf die dafür
nötige finanzielle Unterstützung bei Klimaschutz und zunehmend
Klimaanpassung. Saudi-Arabien heizt den Konflikt an. China gefällt sich als
Vermittler.
Aber der verengte Blick auf die UN-Konferenzen lenkt von der radikal neuen
Weltlage ab. Die USA haben sich von einer Position der Verzögerung und
Verantwortungslosigkeit zugunsten der US-amerikanischen Öl- und Gasgiganten
in den 2000er Jahren hin zu aktiver Sabotage der UN-Verhandlungen bewegt.
Und China hat den Pro-Kopf-CO2-Ausstoß Deutschlands erreicht, streitet aber
beharrlich ab, deshalb ähnliche finanzielle Verantwortung gegenüber dem
Globalen Süden zu haben.
Gleichzeitig zahlt es sich für China aus, so früh viel Geld in grüne
Technologien gesteckt zu haben. [9][Chinesische Unternehmen verkaufen
konkurrenzlos billige Solaranlagen, E-Autos und Batterien] in alle Welt.
Sie ermöglichen es Entwicklungsländern erstmals, tatsächlich ohne steigende
CO2-Emissionen Menschen aus der Armut zu holen.
Wo 2001 die UN-Verhandlungen noch als der zentrale Ort gelten konnten, an
dem die Klimakrise verhindert wird, hat sich die Lage dramatisch verändert.
Peking ordnet mit seinen Exporten die Energieversorgung der Welt neu.
Washington wehrt sich dagegen mit aller Macht. Und Brüssel lässt die Chance
ziehen, die neue Welt mitzugestalten. Die EU könnte zum ersten
klimaneutralen Kontinent werden, Technologien für die Dekarbonisierung von
Baustoffen und Chemie entwickeln und verkaufen, sich diplomatischen
Einfluss durch die Unterstützung bei Klimaanpassung im Globalen Süden
sichern. Aber das wäre teuer, würde mehr Schulden und mehr Besteuerung von
Reichen bedeuten. Also bremst Brüssel.
2001 war seinerzeit das zweitheißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen.
Inzwischen liegt es weit abgeschlagen auf Platz 24.
5 Sep 2026
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(DIR) [5] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2214629626003567?via=ihub#ab0005
(DIR) [6] /Wie-Klimaklagen-durch-Erkenntnisse-der-Wissenschaft-moeglich-gemacht-werden/!6165656
(DIR) [7] /So-funktioniert-die-Klimakonferenz/!5190187
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Waack
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