# taz.de -- Industrieproduktion: Chinas Autobranche ist außen hui, innen pfui
       
       > Die Fahrzeugexporte steigen, die Inlandsverkäufe brechen ein. Die
       > Autobranche zeigt das Dilemma des chinesischen Wachstumsmodells deutlich.
       
 (IMG) Bild: Stau in Peking: Die Konsument:innen in China halten sich mit Autokäufen seit 11 Monaten zurück
       
       Chinas Aufstieg zur globalen Automacht ist beispiellos: Im August haben die
       Pkw-Produzenten in der Volksrepublik knapp 900.000 Fahrzeuge ins Ausland
       exportiert, wie aus den am Dienstag veröffentlichten Zahlen des
       Branchenverbands CPCA hervorgeht. Damit stiegen die monatlichen Ausfuhren
       im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 78 Prozent. Sie entsprechen
       mittlerweile rund einem Fünftel dessen, was die deutsche Autoindustrie
       produziert – im gesamten Jahr.
       
       Viel Grund zum Feiern haben die chinesischen Autobauer dennoch nicht, denn
       der Exportboom geht mit einer einbrechenden Binnennachfrage einher. Im
       August ist die Zahl der in China verkauften Fahrzeuge den elften Monat in
       Folge gesunken – zuletzt um knapp 24 Prozent. Die Autobranche zeigt das
       grundlegende Dilemma des chinesischen Wachstumsmodells wie durch ein
       Brennglas.
       
       Ein Rückblick: Pekings Parteiplaner haben die Elektromobilität vor über
       einer Dekade zur Schlüsselindustrie auserkoren und die Branche über Jahre
       mit Subventionen massiv gefördert. Das lockte eine große Zahl von
       Marktteilnehmern an: Auf dem Höhepunkt des chinesischen Elektroautobooms
       2018 gab es nahezu 500 heimische Autobauer. In einer freien Marktwirtschaft
       würde nun normalerweise eine Konsolidierung folgen: Eine Pleitewelle würde
       die Industrie gesundschrumpfen.
       
       In China allerdings halten Lokalregierungen die de facto insolventen
       Autobauer mit staatlichen Geldern am Leben – auch aus politischen Gründen.
       Denn jede Provinz möchte eigene nationale Champions heranzüchten, um die
       Vorgaben der Zentralregierung in Peking zu erfüllen. Die Folge ist ein
       ruinöser Wettbewerb, in dem die Hersteller versuchen, sich gegenseitig mit
       immer niedrigeren Preisen zu überbieten.
       
       ## In China selbst wächst die Kritik von Ökonomen
       
       Auch innerhalb Chinas wird das Problem offen angeprangert. Das renommierte
       Wirtschaftsmagazin Caixin schrieb zuletzt in einem viel beachteten
       Kommentar von „Zombie-Autobauern“, die das Exportchaos des Landes
       befeuerten. Der Wirtschaftsjournalist Zhai Shaohui argumentiert darin, dass
       die ausufernden Autoexporte schlussendlich in einem strukturellen Problem
       des chinesischen Binnenmarktes wurzeln. Die Unternehmen können ihre
       Überkapazitäten im Inland nicht mehr absetzen, weil die chinesischen
       Verbraucher nach Jahren wirtschaftlicher Unsicherheit und stagnierender
       Löhne ihr Geld beisammenhalten müssen.
       
       Die Autobauer drängen deshalb mit aggressiver Expansion auf die
       Auslandsmärkte, wo sie noch gesunde Gewinnmargen erzielen können. Doch auch
       dies wird ihnen erschwert: Die US-Regierung hat ihren Markt für chinesische
       Elektroautos durch hohe Strafzölle versperrt.
       
       Europa wird damit zu einem regelrechten Rettungsanker für die Firmen aus
       dem Reich der Mitte. Auch aufgrund der chinesischen Konkurrenz müssen
       deutsche Autobauer ihre Werke schließen, Zulieferer ein Gros ihrer
       Belegschaft entlassen.
       
       Dieser Wandel ist keineswegs auf die Autobranche begrenzt, sondern
       [1][zeigt sich auch ganz allgemein in den Handelsbeziehungen]: Im August
       stiegen Chinas Exporte nach Deutschland um 9,8 Prozent gegenüber dem
       Vorjahresmonat, während die Importe aus Deutschland um 9,7 Prozent
       zurückgingen. Vergleicht man das erste Halbjahr 2021 mit dem ersten
       Halbjahr 2026, hat sich das deutsche Handelsdefizit gegenüber China mehr
       als verfünffacht – auf derzeit rund 64 Milliarden Dollar.
       
       ## Nachhaltige Lösung würde umfassende Reformen verlangen
       
       Auch Peking selbst hat inzwischen erkannt, dass der Hyper-Wettbewerb zum
       Problem wird. Am 1. September veröffentlichte das Handelsministerium
       „Leitlinien für das Wettbewerbsverhalten und die Compliance chinesischer
       Autohersteller im Ausland“. Darin werden die Unternehmen unter anderem
       aufgefordert, auf ausländischen Märkten nicht mit aggressiven Rabatten,
       irreführender Werbung oder mangelnden Sicherheitsvorkehrungen das Ansehen
       chinesischer Marken zu beschädigen.
       
       Die Parteiführung versucht also jene Exzesse einzudämmen, die sie mit ihrer
       Industriepolitik angeheizt hat. Eine nachhaltige Lösung müsste allerdings
       eine Umstrukturierung des chinesischen Wachstumsmodells beinhalten. Wie
       dies aussehen könnte, haben zuletzt die Ökonomen Sander Tordoir und Brad
       Setser in ihrem Papier „China Shock 2.0“ ausgeführt: Wenn China seine
       künstlich niedrig gehaltene Währung aufwertet, seinen Sozialstaat ausbaut
       und mit einem Konjunkturpaket die Privathaushalte stärkt, [2][dann würde
       dies den Konsum ankurbeln und langfristig neues Wirtschaftswachstum
       generieren]. Gleichzeitig würde die Abhängigkeit von Exporten sinken.
       
       Doch aus Sicht der chinesischen Regierung bedeutet dies auch, Kontrolle
       über die eigene Volkswirtschaft abzugeben. Für Peking sind industrielle
       Kapazitäten und die Kontrolle über wichtige Lieferketten – von E-Mobilität
       über Robotik hin zur künstlichen Intelligenz – nicht nur eine Frage des
       Wachstums, sondern essenziell für die nationale Sicherheit. Und Chinas
       industrielle Macht betrachtet Xi Jinping, insbesondere im Systemwettbewerb
       mit den USA, als strategischen Trumpf.
       
       8 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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