# taz.de -- Globale Machtverschiebung: Wie China die Welt entwickeln will
> China ist auch in der Entwicklungspolitik zur Weltmacht aufgestiegen.
> Peking stellt dabei weniger Fragen, ist aber auch selbst weniger
> transparent.
(IMG) Bild: Bereits 2010 hat Peking in der Hauptstadt Accra das China-Ghana-Freundschaftskrankenhaus aufgebaut
„Tu Gutes und rede darüber“ ist ein Leitsatz der Öffentlichkeitsarbeit.
Chinas Diplomaten haben ihn konsequent verinnerlicht: In den sozialen
Medien preisen die Botschafter der Volksrepublik ausgiebig die scheinbar
selbstlose Entwicklungshilfe ihres Heimatlandes. Ob
Nahrungsmittellieferungen, der Aufbau von Schulen oder die Entsendung von
Ärzten: Jede Aktion wird in sorgfältig inszenierten Videoclips
festgehalten, gerichtet an ein westliches Publikum.
Die implizite Botschaft hält oft auch einen Seitenhieb gegen den
politischen Westen parat: „China baut Krankenhäuser, Schulen und Brücken;
die USA bombardieren Krankenhäuser, Schulen und Brücken“, kommentierte
jüngst Jason Smith, einer der wenigen ausländischen Influencer in China,
die Pro-Peking-Propaganda zum Geschäftsmodell erhoben haben.
Die Realität ist deutlich ambivalenter. Doch zweifelsohne ist China bei der
internationalen Entwicklungsfinanzierung längst zu einem der wichtigsten
Akteure avanciert. Bei Entwicklungshilfe im engeren Sinne hingegen hinkt
das Reich der Mitte seiner ambitionierten Rhetorik noch deutlich hinterher.
Vor allem unterscheidet sich der chinesische Ansatz deutlich vom Konzept
der Entwicklungszusammenarbeit, wie es in Europa und den USA begriffen
wird.
Im September 2021 hat Staatschef Xi Jinping seine „Global Development
Initiative“ (GDI) vorgestellt – öffentlichkeitswirksam in einer
Videoansprache bei der 76. UN-Generalversammlung. Chinas Staatsmedien
bezeichneten Xis Vision damals als „goldenes Rezept für globale
Herausforderungen“.
## Nicht mehr nur Infrastrukturprojekte
Die GDI markiert den Auftakt eines neuen Kapitels von Chinas
Entwicklungszusammenarbeit. In den 2010er-Jahren hatte Xi mit seiner „Belt
and Road“-Initiative (BRI), in den Medien [1][oft auch „Neue Seidenstraße“
bezeichnet], für einen massiven Ausbau an Kooperationsprojekten in Asien
und Afrika gesorgt. Dabei gingen Entwicklungszusammenarbeit und
wirtschaftliche Interessen oft Hand in Hand. Dass China plötzlich weltweit
Häfen, Zugnetze oder Brücken errichtete, hatte auch mit den enormen
Kapazitäten der chinesischen Bau- und Industrieunternehmen zu tun.
Im Zuge der Coronapandemie folgte dann die Ernüchterung. Bei der
großzügigen Kreditvergabe hatten sich die chinesischen Entwicklungsbanken
erhebliche Risiken aufgeladen: [2][Viele Schuldnerstaaten gerieten in
Zahlungsschwierigkeiten] und konnten ihre Raten nicht mehr begleichen.
China begann daraufhin, seine Auslandsfinanzierung erheblich zurückzufahren
und stärker auf kleinere, selektivere und innovativere Projekte zu setzen.
Mittlerweile geht es Xi bei seiner GDI nicht mehr nur darum, chinesische
Infrastruktur zu finanzieren, sondern auch darum, ein chinesisches Konzept
von Entwicklung international zu etablieren. Dieses unterscheidet sich
deutlich von westlichen Pendants wie etwa USAID: China geht bei seinen
Entwicklungsprojekten sehr pragmatisch vor und knüpft sein Engagement in
der Regel nicht an Bedingungen wie Korruptionsbekämpfung,
Menschenrechtsstandards oder Demokratisierungsversprechen. Gleichzeitig ist
die chinesische Entwicklungshilfe deutlich weniger transparent –
insbesondere, was die Offenlegung der eigenen Finanzierung angeht.
## Chinesische Staatsunternehmen kommen zum Zug
Überhaupt vermischen sich bei Chinas Projekten oft subtil wirtschaftliche
Interessen. Bei chinesischen Vorhaben kommen nicht selten ausschließlich
chinesische Staatsunternehmen und Zulieferer zum Zug.
Beispiel Ghana: Bereits 2010 hat Peking in der Hauptstadt Accra das
China-Ghana-Freundschaftskrankenhaus aufgebaut. Jedes Jahr entsendet die
Volksrepublik chinesische Ärzteteams, die im Land kostenlose Operationen
durchführen und auch ghanaisches Personal ausbilden. Dabei geht es explizit
auch darum, chinesische Standards in der Gesundheitsversorgung
durchzusetzen. Es zeigt sich, dass Chinas Modell von Entwicklungshilfe
einerseits sehr auf Pragmatismus und konkrete Ergebnisse setzt –
gleichzeitig jedoch im Vergleich zu den Europäern deutlich weniger Wert
darauf legt, lokale Institutionen und Partner einzubinden.
Auch China investiert dabei oft in genau jenen Ländern, in denen es auf
Zugang zu Rohstoffen hofft oder Absatzmärkte gewinnen möchte. Und Peking
erwartet auch politische Rücksichtnahme auf seine Interessen. Denn während
sich Chinas Global Development Initiative zwar nicht um die
innenpolitischen Realitäten des Partnerlandes schert, erwartet Peking
trotzdem die Wahrung seiner Kerninteressen – insbesondere bei der
Taiwan-Frage.
Auch der viel geteilte Eindruck, dass China zum größten Geldgeber der
Vereinten Nationen geworden ist, stimmt nicht ganz. Zwar trägt China
mittlerweile gut 20 Prozent zum regulären UN-Haushalt bei, etwas weniger
als die USA. Doch Chinas Zahlungen sind vor allem deshalb so stark
angestiegen, weil es wegen seiner wirtschaftlichen Größe per UN-Reglement
dazu verpflichtet ist. Bei freiwilligen Entwicklungsgeldern, die darüber
hinausgehen, agiert die Volksrepublik dagegen eher knausrig. Von daher ist
derzeit nicht abzusehen, ob die chinesische Entwicklungsfinanzierung die
der Europäer oder Amerikaner ersetzen kann.
2 Sep 2026
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(DIR) Fabian Kretschmer
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