# taz.de -- Neustart der Bundesregierung: Prima Klima, das muss reichen
       
       > Die schwarz-rote Regierung sucht bei ihrem Treffen auf Schloss
       > Neuhardenberg eine gemeinsame Erzählung. Das Binnenklima ist wichtiger
       > als der Klimawandel.
       
 (IMG) Bild: Zum Wegrennen: Das Bundeskabinett nutzte seine Zeit in Neuhardenberg auch für Teambuilding
       
       Untätigkeit kann man der Regierung nicht vorwerfen. Im Morgengrauen
       schwangen sich die SPD-Minister Lars Klingbeil und Carsten Schneider am
       Mittwoch aufs Rennrad, die CDU-Kollegen Johann Wadephul und Carsten
       Linnemann gingen laufen. Und das, obwohl es am Vorabend noch lange ging –
       die Staatsministerin für Migration hatte Geburtstag und feierte bis viertel
       drei. Nicht in der Keilerklause in Neuhardenberg, sondern auf der Terrasse
       des Schlosses.
       
       Beschlüsse? Wurden auf der zweitägigen Klausur der Bundesregierung nicht
       gefasst. Das Treffen im brandenburgischen Schloss diente nach der
       [1][missglückten Kabinettsumbildung] im Juni vor allem dem Teambuilding:
       Die Ministerinnen und Minister der schwarz-roten Regierung trieben
       gemeinsam Sport, tauschten sich aus, hörten „inspirierende“ Vorträge von
       Gründerinnen, ließen sich vom Handwerkspräsidenten die Lage schildern und
       von den Chefs von Siemens Deutschland und dem kanadischen KI-Unternehmen
       Cohere aktuelle Trends erklären. Sie feilten an einer gemeinsamen,
       schwarz-roten Erzählung.
       
       Ihr Plot: Wir halten zusammen und es geht voran. Nicht
       literaturpreisverdächtig, aber diese Erzählung soll die Stimmung im Land
       heben und der Regierung Glanz verleihen. „Wir müssen raus aus dem Klima der
       Verdrießlichkeit und des Verdrusses“, betonte der Kanzler auf der
       Pressekonferenz zum Abschluss. Merz sieht bereits „ermutigende Signale des
       Aufbruchs“, etwa zahlreiche Neugründungen und das zaghafte
       Wirtschaftswachstum von 0,3 Prozent. Optimistisch peilte Friedrich Merz
       sogar 1 Prozent Wachstum im kommenden Jahr an und nannte gleich die Summe,
       die dann zusätzlich zur Verfügung stünde: knapp 50 Milliarden Euro. „Eine
       gewaltige Zahl und die können wir erreichen“, so der Kanzler.
       
       Ob das realistisch ist, bleibt offen. Die internationale Lage mit Handels-
       und anderen Kriegen bleibt volatil, die Bedrohung für deutsche Märkte und
       die nationale Sicherheit hoch. Die Bundesregierung ließ sich deshalb eine
       Abfangdrohne des deutschen Herstellers Tytan Technologies vorführen, und
       Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) drohte dumpf: „Wer uns angreift muss
       mit Konsequenz rechnen.“
       
       ## Sondervermögen rettet vor Rezession
       
       Auch das zaghafte deutsche Wirtschaftswachstum ist momentan nicht auf
       private Investitionen, sondern vor allem auf das milliardenschwere
       kreditfinanzierte Sondervermögen des Staates zurückzuführen, wie auch
       SPD-Vizekanzler Klingbeil betonte: „Ohne diese Investitionsoffensive wären
       wir in einer Rezession.“ Klingbeil wollte dennoch nicht als Spaßbremse
       auftreten, beschwor eine neue Gründerzeit und kündigte an, den
       Gesetzentwurf für die Einkommenssteuerreform in der nächsten
       Kabinettssitzung vorzulegen.
       
       Das Volumen fällt bescheiden aus: Um 10 Milliarden Euro will die
       Bundesregierung die Menschen entlasten, und zwar über den Zeitpunkt von
       zwei Jahren. Aus der CDU war Kritik laut geworden, allerdings hält sich
       Klingbeil genau an den Koalitionsvertrag.
       
       Dem Koalitionsvertrag will die Regierung auch beim Thema Klimaschutz treu
       bleiben: Am Ziel der Klimaneutralität halte man fest, sagte Klingbeil vor
       der Schlosskulisse und Merz, der neben ihm stand, widersprach nicht.
       Wirtschaft und Gewerkschaften fordern immer wieder, das Ziel um einige
       Jahre zu verschieben. Auch Merz' Parteifreund, der sachsen-anhaltinische
       Ministerpräsident Sven Schulze, warb am Dienstag auf einem taz-Podium in
       Magdeburg für mehr Zeit.
       
       Abgesehen vom prima Koalitionsklima spielte das Weltklima nur eine
       Nebenrolle bei den zweitägigen Beratungen. Der Landwirtschaftsminister
       hatte zwar, wie es aus Regierungskreisen hieß, eine lange Liste an
       Hitzeschäden vorgetragen, der Umweltminister [2][erneut dafür geworben, das
       Thema zur Gemeinschaftsaufgabe zu machen]. Allerdings wurde über Hitze und
       Klimaanpassung „nur“ in der regulären Kabinettssitzung am Mittwoch
       gesprochen und lediglich eine Liste mit Wünschen erarbeitet, die der neue
       Staatsminister für die Bund-Länder-Beziehungen, Philipp Amthor, nun mit den
       Ländern abgleichen soll.
       
       ## Wahlen im Osten überhaupt kein Thema
       
       Der Tenor nach der Klausur lautete: Der Bund hat bereits 100 Milliarden in
       den Klimaschutz gesteckt – nun sollen Länder und Kommunen das Geld
       ausgeben. Wer auf ein Bundesprogramm für Klimaanlagen in Altenheimen
       hoffte, wurde enttäuscht. Merz sagte lediglich, man habe über vulnerable
       Gruppen gesprochen und riet den Menschen, „aufeinander aufzupassen“.
       
       Ein Thema stand gar nicht auf der Tagesordnung, obwohl es wie ein
       Damoklesschwert über der Koalition und dem ganzen Land hängt: die
       Landtagswahlen im Osten. In Sachsen-Anhalt, wo die Menschen am 6. September
       wählen, führt die AfD stabil in Umfragen und erklärt die absolute Mehrheit
       zum Ziel.
       
       Ein Triggerthema im Wahlkampf ist die anstehende Rentenreform, besonders
       das Ende der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren erzürnt viele
       Menschen. Die wahlkämpfenden Ministerpräsident:innen Sachsen-Anhalts
       und Mecklenburg-Vorpommerns, Schulze und Manuela Schwesig (SPD), fordern
       unterstützt von ihren Kollegen in Sachsen und Thüringen, die Rente
       beizubehalten.
       
       Merz sagte in Brandenburg, er sei erstaunt gewesen über solche
       Wortmeldungen, „weil sie auch nicht mit ausreichenden Sachargumenten
       unterlegt waren“ und beschied die Forderungen klar abschlägig. „Wir sind
       uns einig, dass wir alle Anreize für Frühverrentung beenden.“ Dabei müsse
       es bleiben, „das ist ein Kernstück der Reform“. Das sei auch kein
       Ost-West-Thema, so der Kanzler, davon wolle er die Ministerpräsidenten
       überzeugen.
       
       Diesmal schwieg Klingbeil pflichtschuldig, obwohl es auch aus der [3][SPD
       Forderungen gibt, die Abschaffung der sogenannten Rente mit 63 noch einmal
       zu überdenken]. Aber das übergeordnete Ziel war eben wichtiger: keinen
       Streit.
       
       Denn schließlich will man sich ja wieder in Neuhardenberg treffen.
       „Vermutlich sind wir nicht zum letzten Mal hier“, mutmaßte Merz leutselig.
       Dieser Ort habe alles, was man brauche: Ruhe, Abgeschiedenheit und
       Geschichte. Und in die Geschichte will schließlich auch Merz.
       
       26 Aug 2026
       
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