# taz.de -- Feuer im Hürtgenwald: „600 Meter nichts als Flammen“
> Der größte Waldbrand in Nordrhein-Westfalen ist offiziell vorbei. Die
> Feuerwehr findet bis zum Schluss Glutnester unter einzelnen Bäumen.
> Anwohnende sind geschockt.
(IMG) Bild: Auf der Suche nach der Restglut: Feuerwehrmann am Donnerstag im Hürtgenwald
„Dort, ein aktives Glutnest!“ Leo stoppt das Quad. Die ausgestreckte Hand
des Feuerwehrmanns deutet auf ein leichtes, aber gut sichtbares
Rauchwölkchen. Zwischen den Bäumen, im Schein der sich im Wald brechenden
Sonne kräuselt es sich in die Höhe. Leo steigt ab, holt von der kleinen
Tragefläche des Quads eine Schaufel, will sich die Sache von Nahem ansehen.
„Immer auf den Wind achten“, sagt er über die Schulter gewandt, „die Bäume
hier können jederzeit umkippen. Von innen völlig verkohlt, sieht man oft
nicht“.
Eine Woche lang hat [1][hier im Hürtgenwald ein Feuer gewütet]. Es hat sich
sprichwörtlich in den Boden und in die Bäume gebrannt. Der Feuerwehrmann
zeigt auf eine Fichte. Sie steht noch. Doch von unten hat sich das Feuer
tief hineingefressen, es lebt in ihrem Stamm, der zu einem kokelnden
Kohlenest geworden ist. Eine kurze Windböe, Leos Blick wendet sich gen
Baumwipfel, doch unten, am Fuße der Fichte, glimmt es kurz auf. Zwischen
grau-schwarzen Kohleresten sieht man sie kurz: aktive Glut. Es ist die
Gefahr, die auch noch Tage nach dem Flammenmeer im Wald lauert.
Am Donnerstag vor einer Woche hatte [2][hier irgendwo alles angefangen], in
dem Wald, 20 Kilometer Luftlinie von Aachen entfernt, ganz im Westen von
Nordrhein-Westfalen. Anfangs war das nicht unüblich für einen Sommer, sagt
Leo. „Kleine Bodenbrände haben wir regelmäßig.“ Gegen die kämen sie stets
auch an mit der freiwilligen Feuerwehr, die es hier nur gibt. Aber vorige
Woche, „das war schnell was anderes“. Ein Wipfelbrand, ein Feuer, das sich
unkontrolliert ausbreitete, durch den Wald fraß. Und der Ortschaft Gey
bedrohlich nahekam. Es wurde [3][der größte Waldbrand in der Geschichte]
des größten Bundeslandes.
Mittlerweile sind die offenen Flammen schon seit Tagen gelöscht. Aber das
Feuer ist noch nicht gänzlich aus dem Wald vertrieben. Aus der Luft per
Drohne und immer wieder auf Erkundungsfahrten wie dieser wird der finale
Kampf geführt. Und an diesem Donnerstag soll der „Deckel drauf gemacht“
werden.
## Apokalyptisch verkohlte Bäume
„Heute sieht's hier schon wieder ganz anders aus als gestern“, brüllt
Feuerwehrmann Leo gegen das Aufheulen des Motors des Quads an, das er gegen
Mittag durch den Wald manövriert. „Alles neue Schneisen, die geschlagen
wurden, damit wir auch final überall hinkommen.“ Kurz überlegt er: hier nun
rechts oder links? Die Umgebung sieht apokalyptisch aus, verkohlte Bäume,
der Boden an vielen Stellen eine einzige schwarze Oberfläche. Aufgeweicht
und schlammig von Millionen Litern Wasser, die die Brände bekämpften, die
abgeworfen wurden von Hubschraubern und gepumpt durch kilometerlange in den
Wald verlegte Schläuche.
Anwohner Helge berichtet von den Stunden des Brandausbruchs am Nachmittag
des 13. Augusts. Er bewohnt das letzte Haus vor dem Wald, gleich gegenüber
seiner Einfahrt windet sich der Weg, der zur zentralen Verteidigungslinie
für die Ortschaft Gey werden sollte, in den Wald.
Er beobachtete, wie die Freiwillige Feuerwehr zunächst den Wald betrat,
doch dann auch wieder herauskam. „Ich will nicht sagen ‚flüchtete‘“,
erzählt Helge, aber die folgende Ansage sei klar gewesen: „Leute, haut ab!“
Er und seine Frau hätten dann das Wichtigste in ihre Autos geräumt und das
in der Einfahrt stehende Wohnmobil „runter ins Dorf“ in Sicherheit
gebracht.
Nicht nur Helge musste gehen. Im Waldabschnitt gegenüber Helges Einfahrt
bildete sich die Front im Kampf gegen die Flammen. Immer rasanter breitete
sich der Brand aus. Mitten in der Nacht dann die Entscheidung: Die ganze
Ortschaft muss evakuiert werden. Rund 1.800 Menschen wurden mit
Lautsprecherdurchsagen aus ihren Häusern gebeten, als der Ort leer war,
wurden Haustiere nachevakuiert. Innerhalb weniger Stunden war Gey zum
Frontplatz geworden in einer sich entwickelnden Großereignislage mit
Krisenstäben bis in NRW-Ministerien.
## „600 Meter nichts als Flammen“
Als Helge mit seiner Frau das Haus verließ, war die Aussicht auf die Hügel
des Waldes gespenstisch: „Der Kamm war rot – auf einer Breite von bestimmt
600 Metern nichts als Flammen.“
Gey wurde zum Schauplatz des Kampfes gegen die Flammen und zum Symbol für
die Folgen des Klimawandels. Das Feuer traf Nordrhein-Westfalen nach einer
außergewöhnlichen Trockenperiode: [4][Laut Deutschem Wetterdienst] erlebte
NRW den trockensten Juli seit Beginn der Aufzeichnungen 1881. Im
Landesdurchschnitt fielen nur 18 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. Beim
vorherigen Negativrekord aus dem Jahr 2018 waren es noch 26 Liter gewesen.
Laut eines [5][Berichts des Landesamtes für Natur, Umwelt und Klima] sind
die Böden stellenweise bis in fast zwei Meter Tiefe ungewöhnlich trocken.
Dürrewerte dieser Größenordnung würden mancherorts nur in Abständen von
Jahrzehnten erreicht. Explizit nennt der Bericht von Anfang August Monschau
und den Hürtgenwald als eine der trockensten Regionen des Landes.Genau in
dieser Landschaft und unter diesen Vorbedingungen begann es hier zu
brennen.
Noch ist ungeklärt, wodurch das Feuer in Gey entstanden ist. Die Mehrzahl
der Waldbrände in Europa wird durch menschliche Aktivitäten ausgelöst, doch
erst anhaltende Hitzeperioden, trockene Vegetation und Wind können aus
einem Brandereignis eine Katastrophe machen. Die [6][Europäische
Umweltagentur beschreibt genau diese Entwicklung]: Sommerliche Waldbrände,
die lange vor allem mit dem Mittelmeerraum verbunden waren, treten
zunehmend auch in Mittel- und Nordeuropa auf. Dass solche Bilder längst
nicht mehr nur aus dem Süden Europas kommen, ist deshalb die eigentliche
Nachricht dieses Sommers.
Binnen Stunden breitete sich der Brand auf einer Fläche von rund 300 Hektar
aus, war im Hürtgenwald zwischenzeitlich nicht nur schwer zu kontrollieren,
sondern wurde im wahrsten Sinne des Wortes explosiv: 1944 fand hier auf den
Hügeln und in den Tiefen des Waldes eine der verlustreichsten Schlachten
der US-Armee auf ihrem Vormarsch gen Westen statt. Bis heute ist der Boden
des Waldes voll mit Kriegsmunition. Einsatzkräfte meldeten während des
Brands wiederholt Explosionen im Boden. Anwohnende berichten der taz,
häufig Detonationen aus dem Wald heraus gehört zu haben.
## Die Bank als Erinnerungsstück
„Heute darf man doch auch wieder lachen, oder?“, vergewissert sich Stephan
Cranen bei Umherstehenden. Und dann lacht er kräftig, der Bürgermeister der
Gemeinde Hürtgenwald. Breit lächelnd macht er Erinnerungsfotos mit Helfern
auf der Holzbank, die für die Ortschaft Gey bereits jetzt ein kleines
Denkmal wurde. Ein Handwerker des Ortes fertigte sie an und stellte sie auf
dem zentralen Dorfplatz ab, der zur Einsatzzentrale geworden war.
Cranens Hand liegt auf der Lehne der Bank, mittig, direkt auf dem groß
geschriebenen „Danke! – Den Einsatzkräften des Waldbrandes bei Gey“. Der
Bürgermeister wirkt erleichtert und ein wenig stolz, wenn er von den
vergangenen sieben Tagen erzählt.
Im Einsatz waren neben der Freiwilligen Feuerwehr Hürtgenwald und
Berufsfeuerwehren aus der Region auch Landes- und Bundespolizei, das THW,
Kampfmittelräumdienst, Bergepanzer und Hubschrauber der Bundeswehr sowie
eine international erfahrene Spezialfirma, die mit kontrollierten
Gegenfeuern Flammen mit Flammen bekämpften. In der Spitze standen rund
1.800 Einsatzkräfte dem Feuer gegenüber – ebenso viele, wie Bewohnende des
Ortes evakuiert werden mussten.
## Ein heftiger Funkenregen
Die erste Einsatzzentrale war auf einem Feld errichtet worden und musste
geräumt werden, weil der Wind sich drehte, erzählt Cranen. Ein heftiger
Funkenregen aus dem Wald erzwang den Umzug. „Gott sei Dank“, sagt er, seien
gerade Ferien, da sei man dann ins Schulgebäude umgezogen. „Jeder hatte da
seinen eigenen Raum“, die Feuerwehr, das THW, die Bundeswehr. Er und andere
seien dann von Raum zu Raum gegangen, alles entwickelte eine „unglaubliche
Geschwindigkeit“.
Erst Mitte der Woche, am 18. August, war der Brand unter Kontrolle. Da fiel
die Zuständigkeit vom Kreis Düren zurück an die Gemeinde. Man habe die
Schule geräumt und die Einsatzzentrale auf den Dorfmittelpunkt gleich
hinter der Freiwilligen Feuerwehr verlegt.
An diesem Donnerstag ist wieder Ruhe eingekehrt. Auf Bierbänken wird zu
Mittag gegessen, während sich Bürgermeister und Einsatzführung zur
Lagebesprechung zusammenstellen. Helfende des Roten Kreuzes, die hier eine
Woche lang für die Verpflegung zuständig waren, organisieren währenddessen
den Abtransport der übriggebliebenen Lebensmittel an eine Einrichtung der
Tafel im Kreis Düren.
In der Nacht waren nur noch 65 Einsatzkräfte im Einsatz, am morgen wird
ihre Zahl auf 35 heruntergeschraubt: auf jene, die aus der Luft und per
Quad den Wald weiter kontrollieren. Am Nachmittag gibt der Bürgermeister
dann das offizielle Brandende per Pressemitteilung bekannt. Zur gleichen
Zeit beginnen schon die nächsten Planungen: Ein Fest soll stattfinden, für
alle Helfer und Bewohnenden von Gey.
## „Bei mir gingen die Lichter aus“
Helges Haus es steht noch. Es gab zwar keinen Schaden durchs Feuer, dafür
jede Menge Wasser in seinem Haus. Weil es derart nah am Wald stehe und ein
Gastank nebenan zusätzlich für Gefahr sorgte, sei das Dach durchgängig
bewässert worden.
Was das alles für ihn bedeutet, ist noch unklar. Bei ihm setzte erst so
langsam die Verarbeitung ein, erzählt er. „Während des Brandes war ich
immer der Taffe, weil meine Frau sehr viel Angst vor Feuer hat“, erzählt
er. Aber danach, „nachdem ich wieder zurück durfte, ist bei mir alles
ausgegangen. Lichter aus.“ Auch bei ihm hat sich das Feuer tief
eingebrannt. „Mir geht es immer noch ziemlich scheiße. Ich bin auch diese
Woche nicht arbeiten gegangen.“ In den letzten Tagen konnte er sich
immerhin im Garten abreagieren, weil einiges aufzuräumen war.
21 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Waldbrand-in-der-Eifel/!6204457
(DIR) [2] /Waldbrand-in-der-Eifel/!6204331
(DIR) [3] /Waldbrand-bei-Monschau/!6204474
(DIR) [4] https://www.dwd.de/DE/presse/pressemitteilungen/DE/2026/20260730_deutschlandwetter_juli_news.html
(DIR) [5] https://www.lanuk.nrw.de/themen/wasser/hydrologische-messnetze/hydrologische-berichte/hydrologischer-status-nrw-31-juli-2026
(DIR) [6] https://joint-research-centre.ec.europa.eu/jrc-news-and-updates/europes-fire-season-expanding-new-jrc-report-shows-2025-12-05_en
## AUTOREN
(DIR) Friedrich Kraft
## TAGS
(DIR) Waldbrände
(DIR) Nordrhein-Westfalen
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Hitze
(DIR) Dürre
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) Waldbrände
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Waldbrände
(DIR) Feuer
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Der Kanzler und der Klimawandel: Nein, Merz ist kein Klimaaktivist
Friedrich Merz zeigt sich im abgebrannten Hürtgenwald als Klimaaktivist –
ohne Konsequenzen. Was ihm wirklich wichtig ist, verkündet er per „Bild“.
(DIR) Klimawandel und der Kanzler: Grüne fordern Klima-Notfallplan von Merz
Die Kanzler soll die Anti-Klima-Pläne der Koalition stoppen, fordert
Katharina Dröge (Grüne). Der hatte nach einem Waldbrand die Wichtigkeit von
Klimapolitik betont.
(DIR) Friedrich Merz zu Besuch im Hürtgenwald: Nach dem Feuer kommt Merz
Beim Besuch im Hürtgenwald wird Bundeskanzler Friedrich Merz mit Buhrufen
empfangen. Er verteidigt sein spätes Kommen und spricht über den
Klimawandel.
(DIR) Großbrand im Hohen Venn: Gigantische ökologische Tragödie
Der Brand im Hohen Venn zerstört vermutlich dauerhaft eine einzigartige
Moorlandschaft. Aber die deutschen Medien berichten über Rauchgeruch in
Köln.
(DIR) Größter Waldbrand in NRW-Geschichte: Beispiellose Brände
Die Feuer in Nordrhein-Westfalen und Belgien zerstören einzigartige Torf-,
Moor und Heidegebiete. SPD-Bundesminister*innen fordern einen Aktionsplan
gegen Hitze.
(DIR) Überraschende Studie zu Waldbränden: Schnelle Feuer verkohlen mehr
Der Klimawandel beschleunigt die Ausbreitung von Waldbränden. Eine Studie
zeigt nun: Je schneller die Feuer sich ausbreiten, desto mehr Schaden
richten sie an.