# taz.de -- Künstliche Intelligenz vor Gericht: „KI-erzeugte Schriftsätze, die zu nichts führen“
> Die Präsidentin des Bundessozialgerichts warnt vor einer Blockade der
> Justiz. Grund ist die massive Zunahme von Eilverfahren dank künstlicher
> Intelligenz.
(IMG) Bild: Zahl der Klagen vor Sozialgericht steigt, denn die Möglichkeit, KI zu nutzen, senkt die Hemmschwelle
taz: Christine Fuchsloch, die Sozialgerichte stöhnen wegen der massiven
Zunahme KI-erzeugter Klagen. Ist es nicht gut, dass künstliche Intelligenz
den Weg zum Recht erleichtert?
Christine Fuchsloch: Ein niederschwelliger Zugang zu Gerichten ist ohne
Zweifel gut. Und ja, die Möglichkeit, KI zu nutzen, senkt die Hemmschwelle
für Klagen. Das ist also nicht nur ein Problem, sondern auch eine Chance
und ein Erfolg. Allerdings ist das, was die KI produziert, oft nicht
sinnvoll. Die Schriftsätze sind häufig zu lang, verlieren sich in
fernliegenden Überlegungen und zitieren erfundene, unpassende oder längst
überholte Gerichtsentscheidungen.
taz: Wie hoch ist der Anstieg der Klagen bei den Sozialgerichten?
Christine Fuchsloch: Das Problem besteht vor allem bei [1][Eilverfahren.
Hier hat es 2025 in vielen Bundesländern einen Zuwachs von rund 50 Prozent
gegeben]. 2026 dürfte der Anstieg noch deutlich höher liegen. Da
Eilverfahren Vorrang in der Bearbeitung haben, bleiben die
Hauptsacheverfahren liegen und dauern noch länger. Das beeinträchtigt die
Funktionsfähigkeit der Sozialgerichte und damit letztlich auch die
Interessen der Bürger.
taz: Warum sind von den KI-Schriftsätzen vor allem die Sozialgerichte
betroffen?
Christine Fuchsloch: Auch andere Gerichte oder Behörden leiden zunehmend
unter KI-bedingter Überforderung. Aber die Sozialgerichte sind besonders
belastet, weil hier Klagen ohne Kostenrisiko möglich sind. Es fallen – von
wenigen Ausnahmen abgesehen – keine Gerichtsgebühren an, es gibt keinen
Anwaltszwang und auf der Gegenseite steht in der Regel eine Behörde, die
man auch im Falle einer Niederlage nicht bezahlen müsste. Gleichzeitig ist
es vor allem für Grundsicherungsbezieher schwer, einen Anwalt zu finden,
der bereit ist, sie zu beraten und zu vertreten. [2][Die Zahl der
Fachanwälte für Sozialrecht geht kontinuierlich zurück]. Und Prozesse im
Sozialrecht werden so schlecht vergütet, dass sich Anwälte eher auf andere
Materien spezialisieren. In dieser Konstellation kann ich gut verstehen,
dass Betroffene ihren Bescheid einfach bei einer KI hochladen und sagen:
„Prüf mal, ob das in Ordnung ist und wogegen ich klagen könnte.“
taz: Sollten Sozialrechtsanwälte besser bezahlt werden?
Christine Fuchsloch: Ja, das liegt auf der Hand. Wir hatten neulich einen
Kläger, der 25 Anwältinnen und Anwälte angefragt hat und niemand war
bereit, seinen Fall zu übernehmen. Aber es gibt auch andere
Beratungsmöglichkeiten im Vorfeld einer Klage, wie zum Beispiel die
öffentliche Rechtsauskunft in Hamburg. Einige Wohlfahrtsverbände bieten
[3][kostenlose Sozialberatung] an. Sozialverbände und Gewerkschaften
beraten ihre Mitglieder und vertreten sie auch in Gerichtsverfahren.
taz: Selbst wenn der Eilantrag der KI fehlerhaft ist, so müssen
Sozialgerichte doch alles prüfen, weil hier der Grundsatz der
Amtsermittlung gilt. KI-Schriftsätze können also nutzen, KI-Fehler schaden
aber nicht.
Christine Fuchsloch: Natürlich gibt es immer wieder Betroffene, die am Ende
zusätzliche Leistungen erhalten oder eine Kürzung abwenden können. Es ist
aber eindeutig nicht die Mehrheit. Und die vielen KI-erzeugten
Schriftsätze, die zu nichts führen, belasten nicht nur die Justiz
übermäßig, sie erzeugen auch falsche Erwartungen. Das ist vielleicht das
wichtigste Problem. Wenn die KI Ansatzpunkte für eine Klage aufzeigt und
das Sozialgericht die Klage dann abweist, weil nichts dran ist, dann
hinterfragt der Kläger nicht die KI, sondern ist sauer auf das Gericht. Er
fragt dann sofort die KI, was er dagegen tun kann, worauf die KI den
nächsten Schriftsatz produziert.
taz: Können die Sozialgerichte selbst KI nutzen, um mit der Flut
KI-generierter Texte fertig zu werden?
Christine Fuchsloch: KI darf nie an die Stelle einer menschlichen Richterin
treten. Sie darf nur Hilfsmittel sein, etwa indem sie prüft, ob es die in
KI-Klagen zitierten Gerichtsurteile überhaupt gibt. Aber hierfür können wir
keine allgemeine KI wie ChatGPT nutzen, sondern brauchen spezielle Angebote
von juristischen Verlagen. Wie ausgereift und datensicher diese schon sind,
prüfen wir derzeit.
taz: Ist nicht zu befürchten, dass bald KI-Gerichte über KI-Klagen
entscheiden?
Christine Fuchsloch: Nein, das ist mit dem Grundgesetz nicht zu
vereinbaren. Das Grundgesetz vertraut die Rechtsprechung „den Richtern“ an
und keinen Maschinen. Auch die KI-Verordnung der EU verbietet KI-Gerichte
und verlangt Entscheidungen durch Menschen. Aber die Menschlichkeit der
Justiz muss auch erfahrbar sein. Das heißt, die mündliche Verhandlung muss
zentral bleiben und eher gestärkt werden. Hier werden die Klägerinnen und
Kläger angehört, hier kann das Gericht nachfragen und das Recht erläutern.
taz: Sollten auch im Sozialrecht Gerichtsgebühren eingeführt werden, damit
nicht mithilfe von KI sinnlose Prozesse geführt werden?
Christine Fuchsloch: Dies ist bereits ausgiebig und kontrovers diskutiert
worden und im Sande verlaufen. Zu bedenken ist, dass gerade im Sozialrecht
Menschen klagen, die kein Geld haben. Gebühren würden wegen des
Kostenrisikos auch Menschen mit sinnvollen Klagen abschrecken.
taz: Was können die Sozialgerichte stattdessen gegen die Flut der
KI-Schriftsätze tun?
Christine Fuchsloch: Die Sozialgerichte müssen besser kommunizieren, dass
man keinen langen Schriftsatz braucht, um dort zu klagen. Jedes
Sozialgericht hat Rechtsantragsstellen, bei denen man sein Anliegen
mitteilen kann und dort wird es in eine sinnvolle Form gebracht. Das kann
jeder nutzen und ist kostenlos. Letztlich ist das für alle Beteiligten
effizienter als ein langer KI-Schriftsatz.
20 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.sueddeutsche.de/panorama/wachsende-belastung-sozialgerichte-unter-druck-nrw-bei-neuen-faellen-an-spitze-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-260601-930-155629
(DIR) [2] https://netzwerk-sozialrecht.net/sozialrecht-unter-druckmehr-faelle-weniger-fachanwaelte-mehr-ki/
(DIR) [3] https://www.berlin.de/sen/soziales/besondere-lebenssituationen/uebergreifende-angebote/allgemeine-unabhaengige-sozialberatung/
## AUTOREN
(DIR) Christian Rath
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