# taz.de -- Schwere Vorwürfe gegen Richter: Panne im Ermittlungsverfahren wegen Kinderpornografie
> Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen einen Thüringer Richter
> wegen Missbrauchsdarstellungen – und hat versäumt, die Info
> weiterzugeben.
(IMG) Bild: Bei einem Richter in Thüringen wurden Millionen Dateien mit kinder- und jugendpornografischem Material gefunden
Eine Panne bei der Staatsanwaltschaft Hannover hat in Thüringen für Wirbel
gesorgt. Seit 2023 wird hier gegen einen Richter ermittelt, der gewaltige
Mengen an Missbrauchsdarstellungen von Kindern und Jugendlichen gehortet
haben soll. Der Jurist wohnt in Hannover, arbeitet aber in Thüringen.
Die Privaträume des jetzt 63-jährigen Juristen wurden 2024 durchsucht, nach
Hinweisen vom „National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC)“
aus den USA. Gefunden wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft rund 1,7
Millionen kinderpornografische und etwa 155.000 jugendpornografische
Dateien, die zum Teil schweren sexuellen Missbrauch an Säuglingen und
Kindern abbilden sollen.
Öffentlich bekannt wurden diese Vorwürfe, als die Bild-Zeitung Ende Juli
darüber berichtete, andere Medien folgten. Das Thüringer Justizministerium
erklärte daraufhin, es sei aufgrund der Anklageerhebung beim Landgericht
Hannover am 4. Juni informiert worden und habe sofort ein
Disziplinarverfahren eingeleitet.
Der beschuldigte Jurist soll zu diesem Zeitpunkt als Richter an einem
Sozialgericht in Nordthüringen eingesetzt, dort aber krankgeschrieben
gewesen sein. Zuvor war er am Verwaltungsgericht Weimar und außerdem
stellvertretendes Mitglied des Thüringer Verfassungsgerichtshofes.
## Hätte man früher reagieren müssen?
Aufgrund der Schwere der Vorwürfe beantragte das Thüringer
Justizministerium am 15. Juli die vorläufige Dienstenthebung beim
Richterdienstgericht am Landgericht Meiningen. Die Entscheidung darüber
steht noch aus.
Für Verwirrung hatte die Frage gesorgt, warum das nicht viel früher
geschehen war – immerhin lief das Ermittlungsverfahren zu diesem Zeitpunkt
ja schon mehr als zwei Jahre. Sowohl im Thüringer Justizministerium als
auch im niedersächsischen Justizministerium zeigte man zunächst mit dem
Finger auf den jeweils anderen.
Am Mittwoch musste der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, Oliver
Eisenhauer, schließlich eingestehen: Der Fehler lag wohl in Hannover. Durch
ein „Büroversehen“ sei ein entsprechendes Informationsschreiben nicht an
die Justiz in Thüringen versandt worden. Das niedersächsische
Justizministerium ging aber davon aus, dass die Mitteilung weisungsgemäß
erfolgt sei, weil es eine Kopie des Schreibens in den Akten hatte.
Das ist auch deshalb misslich, weil in rechten Medien ohnehin schon der
Verdacht befeuert wird, hier solle ein brenzliges Verfahren verschleppt
werden – der beschuldigte Richter ist nämlich überdies langjähriges
SPD-Mitglied, hat für die Partei schon für den Thüringer Landtag kandidiert
und saß in der Bundesschiedskommission.
## Justizministerin im Visier der Opposition
Die Linke in Thüringen zeigte sich zudem irritiert, dass die Diensträume
des betreffenden Richters nicht durchsucht wurden. Die Fraktion kündigte
entsprechende Anfragen im Landtag an und fordert eine Unterrichtung im
Justizausschuss. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Hannover habe es aber
schlicht keine Hinweise darauf gegeben, dass es entsprechende Datenströme
zu weiteren Geräten im dienstlichen Bereich gab. „Ohne hinreichenden
Anfangsverdacht können wir da auch nicht durchsuchen“, erklärt Eisenhauer
auf taz-Anfrage.
In Hannover bekommt der Vorfall dadurch politisches Gewicht, dass er sich
einreiht in eine ganze Serie von Pannen im Verantwortungsbereich des
Justizministeriums.
Da ist die Affäre um den mittlerweile verurteilten Staatsanwalt, der mit
Kokaindealern zusammengearbeitet hat. Auch hier hatte die
Staatsanwaltschaft Hannover keine gute Figur gemacht, weil sie den Maulwurf
in den eigenen Reihen zu lange hatte weiterarbeiten lassen und die
Ermittlungen zu spät an eine andere Staatsanwaltschaft abgegeben hatte.
Mit der politischen Aufarbeitung [1][soll sich eigentlich ein
parlamentarischer Untersuchungsausschuss (PUA) befassen] – doch der kommt
kaum vom Fleck, weil man sich nicht auf Aktenvorlagen und die Reihenfolge
der Zeugenvernehmung einigen kann. Schon vier Mal tagte der PUA hinter
verschlossenen Türen, kommende Woche soll es eine erste zumindest teilweise
öffentliche Sitzung geben.
## Nicht die einzigen Pannen bei der Staatsanwaltschaft
Die CDU-Opposition hat sich deshalb auch schon mit einem öffentlichen Brief
an Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) gewandt. Er solle seine
Justizministerin Kathrin Wahlmann (SPD) anweisen, die Auskunftsrechte der
Opposition respektvoller zu handhaben. Die CDU hat sich allerdings schon
seit geraumer Zeit auf Wahlmann eingeschossen. Da ging es zunächst um ihre
– nach Auffassung der Opposition zu teuren – Dienstreisen, dann um diverse
IT-Pannen.
Bei der Staatsanwaltschaft Hannover hatte es neben dem „Maulwurf“ noch
mindestens eine weitere Panne gegeben. Im Juni des vergangenen Jahres wurde
bekannt, dass eine Datenschutzstrafe von 4,3 Millionen Euro bei VW nicht
mehr eingetrieben werden konnte, weil der zuständige Staatsanwalt vergaß,
den Beschwerde-Schriftsatz an das Oberlandesgericht Celle zu
unterschreiben. Wobei man fairerweise sagen muss: Dass die Beschwerde mit
Unterschrift Erfolg gehabt hätte, ist auch nicht garantiert.
Die Staatsanwaltschaft Hannover ist mit über 400 Beschäftigten außerdem die
größte des Landes, mit einem entsprechend gewaltigen Arbeitspensum. Wer in
einer so großen Behörde nach Fehlern sucht, wird vermutlich immer welche
finden.
Die Justizministerin hat aber noch in einem anderen Bereich zu kämpfen: dem
Strafvollzug. Der machte zuletzt ebenfalls mit gleich drei Skandalen in
kurzen Abständen bundesweit Schlagzeilen. Da war [2][der Verdächtige im
Fall Stade, der in seiner Zelle Selbstmord beging]; der Vergewaltiger und
Frauenmörder Benjamin F., der sich bei einem begleiteten Ausgang zu seiner
Mutter mit dem Motorrad absetzte und es bis nach Italien schaffte; und der
23-jährige Missbrauchstäter, der seinen Hafturlaub von der Jugendanstalt
Hameln nutzte, um erneut Kinder zu missbrauchen. Auch in diesen Fällen
wirft die CDU der Ministerin vor, den Justizausschuss nur widerwillig und
unvollständig informiert zu haben.
6 Aug 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Nadine Conti
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