# taz.de -- KI-Videoüberwachung in Berlin: Unsichtbar am Kotti
> Das Kottbusser Tor wird bald von KI-Kameras überwacht, die ein privates
> Unternehmen herstellt. Ein Künstler zeigt, wie sich die Technik
> überlisten lässt.
(IMG) Bild: Die KI ausgetrickst: Simon Weckert in seinem „Digital Camouflage“-Shirt am Kottbusser Tor
Am offenen Fenster von Simon Weckerts Atelier surrt ein Ventilator. Er
kühlt mehrere Computerlaufwerke, die auf Hochtouren laufen. Die rauschenden
und blinkenden Rechner ermitteln gerade Farbmuster, mit denen sich ein
Algorithmus zur Objekterkennung austricksen lässt: Wer ein solches Muster
auf der Kleidung trägt, wird von dem Programm nicht als Mensch erkannt.
Das T-Shirt „[1][Digital Camouflage]“ des Berliner Künstlers funktioniert
nach genau diesem Prinzip. Es ist mit grellbunten, zapfenähnlichen Formen
bedruckt. Und es wirkt, wie Weckert demonstriert. Wenn er in
Alltagskleidung vor eine Kamera tritt, an die eine weit verbreitete
Software zur Objekterkennung angeschlossen ist, setzt diese einen grünen
Rahmen um ihn und deklariert ihn als „Person“. Aber sobald er das knallige
T-Shirt vor seinen Oberkörper hält, verschwindet der Rahmen. Weckert ist
für den Algorithmus unsichtbar.
„Es ist paradox: Für das menschliche Auge ist das Muster extrem auffällig.
Aber eine Maschine sieht da nur Kauderwelsch“, sagt Weckert. Der 37-Jährige
will mit seiner Arbeit auf die Schwächen moderner Technologien aufmerksam
machen. „Ein Überwachungssystem kann durch ein Stück Stoff außer Kraft
gesetzt werden. Wie viel Vertrauen sollten wir dann dareinsetzen, bevor wir
es auf den öffentlichen Raum loslassen?“
Eine Frage, die Berlins schwarz-rote Koalition klar beantwortet: In diesen
Tagen startet am Kottbusser Tor ein Pilotprojekt zur automatisierten
Videoüberwachung mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI). Die Technologie
analysiert live das Verhalten von Menschen und soll bei bestimmten
Bewegungen – etwa Schlagen, Treten, Messer zücken – Alarm schlagen.
## Aktionismus vor der Wahl
Wie eilig es CDU und SPD mit der Umsetzung dieses Herzensprojekts vor der
[2][Wahl zum Abgeordnetenhaus] haben, zeigte sich am Wochenende. Am
Sonntagmorgen fuhr eine Hebebühne in der Reichenberger Straße vor und
Arbeiter in Warnwesten begannen, die Kameras an den Gebäuden rund um den
Kotti zu montieren.
Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, ist Berlin nach Mannheim und Hamburg
die dritte Stadt bundesweit, die anlasslos den öffentlichen Raum mit einer
Verhaltensscanner-Software überwacht. Die Maßnahme ist Teil der
[3][umfassenden Verschärfung des Berliner Polizeigesetzes], die die
Koalition im im vergangenen Winter beschlossen hat. „Ziel ist es, die
Sicherheit im öffentlichen Raum mit innovativer Technologie zu stärken und
polizeiliches Handeln gezielt zu unterstützen“, heißt es dazu aus der
Innenverwaltung.
Die Technologie soll nun an vier sogenannten kriminalitätsbelasteten Orten
getestet werden. Dazu wird sie noch in diesem Jahr zusätzlich zum Kotti an
der Warschauer Brücke installiert. Kommendes Jahr sollen Alexanderplatz und
Görlitzer Park folgen. Zusätzlich ist der Einsatz [4][im Objektschutz
geplant]. Der Testbetrieb soll im Dezember am Roten Rathaus, der
Innenverwaltung sowie dem Jüdischen Museum starten.
Für die Ausstattung der „kriminalitätsbelasteten Orte“ hat die
[5][Dortmunder Firma Adesso] den Zuschlag bekommen. Anders als in Mannheim
und in Hamburg, wo das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und
Bildauswertung die Technologie entwickelt hat, ist in Berlin also ein
privatwirtschaftliches Unternehmen zuständig. Die Innenverwaltung rechnet
mit rund 2,5 Millionen Euro Investitionskosten sowie 2,1 Millionen Euro
Betriebskosten bis 2030.
## CDU fordert Ausweitung
Während am Kottbusser Tor noch die Bauarbeiten laufen, fordert
CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers bereits eine Ausweitung der
KI-Überwachung. „Dieser Weg ist genau der richtige, und davon brauchen wir
noch viel mehr, weil das Berlin deutlich sicherer machen kann“, sagte Evers
am Sonntag der dpa. „Die moderne Technik erlaubt der Polizei,
Gefährdungssituationen frühzeitig zu erkennen und Polizisten darauf
aufmerksam zu machen – bevor Straftaten überhaupt passieren.“
Doch an der Effizienz der Technologie gibt es Zweifel. In Hamburg etwa geht
aus dem Testbericht der Polizei hervor, dass das System in zwei Monaten
rund 1.400 Hinweise generierte, aber nur elf davon polizeilich relevant
waren. Mehr als 99 Prozent der Hinweise waren also nutzlos. Zudem übersah
die Software eine Schlägerei.
Angesichts dieser Bilanz kritisiert der Chaos Computer Club (CCC) die
Technologie als „teuren, aber gefährlichen Mumpitz“. Auch Linke und Grüne
in Berlin sind gegen den Einsatz der Verhaltensscanner im öffentlichen
Raum. „Die Technik ist fehleranfällig und birgt die Gefahr, Personen zu
kriminalisieren, die von der Software erfasst werden“, sagt der
Linken-Innenexperte Niklas Schrader. Schon das Liegen auf dem Boden könne
zu Polizeieinsätzen führen. „Die Folge ist Verdrängung und Repression gegen
marginalisierte Personen“, so Schrader.
Grünen-Innenpolitiker Vasili Franco warnt ebenfalls vor möglicher
Diskriminierung: Ganze Bevölkerungsgruppen könnten unschuldig in den Fokus
der Polizei geraten. „Gerade am Kottbusser Tor gibt es viele Suchtkranke.
Die verhalten sich mitunter auch atypisch, ohne dass eine Gefahr von ihnen
ausgeht“, sagt Franco und attestiert dem Senat „innenpolitisches Versagen“.
Die Sicherheitsbehörden würden immer mehr Überwachungswerkzeuge bekommen,
ohne deren Wirkung zu überprüfen.
## Bundesweit mehr KI-Überwachung geplant
Tatsächlich wird der Videoüberwachung mit KI derzeit in ganz Deutschland
der rote Teppich ausgerollt. So plant die Bundesregierung, die
Bundespolizei mit der Technologie auszustatten. In Baden-Württemberg soll
der Einsatz von Verhaltensscannern ausgeweitet und mit Gesichtserkennung
kombiniert werden. Sachsen, Hessen und Saarland haben bereits ihre Gesetze
entsprechend geändert, in Thüringen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein
wird daran gearbeitet. Und in Bremen läuft der Testbetrieb in der
Straßenbahn.
Eine unabhängige Evaluation ist nirgends vorgesehen – auch nicht in Berlin,
wie die Polizei bestätigt. Deshalb kann auch der Künstler Simon Weckert
letztlich nicht prüfen, ob sein Camouflage-T-Shirt die KI am Kottbusser Tor
wirklich überlistet. Aber genau diese Unsicherheit wolle er damit
kritisieren, sagt er: „Niemand weiß, ob und wie Technologie funktioniert,
die nicht unabhängig getestet wurde.“ Es sei unklar, wie das System
trainiert worden sei und welche Verzerrungen da womöglich drinsteckten.
Für die Ausweitung der automatisierten Überwachung sieht sich Weckert
jedenfalls gewappnet. „Mit jedem neuen KI-Modell kann ich eine neue
Kollektion herausgeben. Das ist dann wie die neue Herbstmode“, scherzt er.
Ein Muster, das sein Computer kürzlich ausgespuckt hat, sieht aus wie ein
Berg voller Äpfel. „Wenn ich das auf ein T-Shirt drucke, erkennt die
Software tatsächlich Äpfel – aber keinen Menschen.“
23 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.simonweckert.com/digitalcamouflage.html
(DIR) [2] /Schwerpunkt-Wahlen-in-Berlin/!t5106764
(DIR) [3] /Neues-Berliner-Polizeigesetz/!6129899
(DIR) [4] /KI-Videoueberwachung-in-Berlin/!6160851
(DIR) [5] https://www.adesso.de/de/news/presse/adesso-schuetzt-hauptsitz-mit-ki-gestuetzter-ueberwachungsloesung-von-staige.jsp
## AUTOREN
(DIR) Hanno Fleckenstein
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interessiert.