# taz.de -- Reformvorschlag der AWO: Arbeit soll sich wieder lohnen, aber ganz ohne Druck
       
       > Der Wohlfahrtsverband lobt den Plan der Regierung, Sozialleistungen
       > zusammenzulegen. Bei den Regeln zum Hinzuverdienst hätte er es aber gern
       > großzügiger.
       
 (IMG) Bild: Die AWO fordert bei der Sozialstaatsreform bessere Hinzuverdienstregeln
       
       Den einen oder die andere wird es erstaunen, aber: Wohlfahrtsverbände
       finden nicht alles schlecht, was die Bundesregierung plant. Die
       Arbeiterwohlfahrt (AWO) lobt beispielsweise explizit den Kern [1][der
       Sozialstaatsreform, an der das Sozialministerium gerade arbeitet.] Sie soll
       das Sozialsystem einfacher machen und mehrere Leistungen bündeln: Auf der
       einen Seite die Grundsicherung (für Menschen mit keinem bis wenig
       Einkommen), auf der anderen Seite Wohngeld und Kinderzuschlag (für
       Menschen, die etwas mehr, aber trotzdem nicht genug verdienen).
       
       Ein eigener Reformvorschlag, den die AWO am Mittwoch vorstellte, übernimmt
       diese Grundidee. „Unser Sozialstaat ist zu komplex und bürokratisch“, sagte
       Vorstandsreferent Lukas Hochscheidt am Vormittag bei der Präsentation des
       Konzepts. Das System sei in die Jahre gekommen und brauche eine
       „Generalsanierung“.
       
       Einen zentralen Unterschied zwischen den beiden Konzepten gibt es aber
       doch: Betroffene, die neben dem Leistungsbezug auch arbeiten, hätten nach
       den Vorstellungen der AWO mehr Geld in der Tasche als [2][nach denen der
       Regierung]. Im Reformansatz der AWO gebe es „keine systematischen
       Schlechterstellungen durch eine Veränderung der Hinzuverdienstregeln“,
       sagte Hochscheidt.
       
       Derzeit dürfen Grundsicherungsempfänger*innen die ersten 100 Euro,
       die sie selbst verdienen, behalten. Erst jeder weitere Euro wird auf die
       Leistung angerechnet. Die Regierung plant, diesen Freibetrag auf 50 Euro
       abzusenken. Höhere Einkommen sollen dafür weniger stark angerechnet werden
       als bisher. So soll der Anreiz steigen, mehr zu arbeiten.
       
       ## Gegenvorschlag ist großzügiger und teurer
       
       Die AWO will den Freibetrag nicht antasten. Aus der Praxis in der
       Arbeitsmarktförderung wisse man nämlich: Auch Tätigkeiten mit geringem
       Stundenumfang könnten später zu regulären, umfangreicheren Jobs führen.
       
       Bei höheren Einkommen will gleichzeitig auch die AWO die Sozialleistung
       weniger stark abschmelzen als bisher. Außerdem will sie einen
       „Erwerbsbooster“ von 100 Euro an jeden Leistungsberechtigten zahlen, der
       über den Umfang eines Minijobs hinaus arbeitet. Für Alleinerziehende soll
       es einen zusätzlichen Freibetrag geben.
       
       Der AWO zufolge würde das Modell sowohl Arbeitsanreize setzen als auch
       Armut bekämpfen. Sie beruft sich auf Zahlen des ifo Instituts, das das
       Modell in ihrem Auftrag durchgerechnet hat. Die
       Wirtschaftswissenschaftler*innen kamen in ihrer Studie auf 322.000
       zusätzliche Arbeitskräfte und eine um 0,9 Prozentpunkte gesunkene
       Armutsquote – aber auch auf Mehrkosten in Höhe von mindestens 5,36
       Milliarden Euro.
       
       ## AWO hält es für einen Kompromiss
       
       „Armutsbekämpfung bekommt man nicht zum Nulltarif“, heißt es dazu vom
       Verband. Zur Gegenfinanzierung schlug Vorstandsreferent Hochscheidt unter
       anderem vor, den Kinderfreibetrag abzuschaffen, [3][durch den
       Gutverdiener*innen einen Vorteil] gegenüber
       Kindergeldempfänger*innen mit niedrigeren Einkommen haben.
       
       Sein Kollege Lukas Werner verwies darauf, dass sich die AWO mit ihrem
       Reformvorschlag noch zurückgehalten habe: Dass aus Sicht des Verbands die
       Grundsicherung an sich erhöht werden müsse, auch jenseits der
       Hinzuverdienstregeln, sei in das Modell gar nicht erst eingeflossen. Es
       handele sich also schon um einen „Kompromissvorschlag im Lichte der
       politischen Realitäten“.
       
       Unterstützung für die geforderten Hinzuverdienstregeln kommt von der Linken
       im Bundestag. Fraktionschefin Heidi Reichinnek sagte der taz: „Eine
       Zusammenlegung mit veränderter Einkommensanrechnung kann, wie die Studie
       zeigt, ohne Verschlechterungen geschehen und dabei effizient sein – sowohl
       bei der Bekämpfung von Armut als auch bei den Arbeitsmarkteffekten.“ Die
       Bundesregierung müsse bei der Sozialstaatsreform mehr Geld in die Hand
       nehmen.
       
       Das betreffe nicht nur erwerbstätige Menschen, wie im aktuellen
       AWO-Vorschlag, sondern auch Arbeitslose und erwerbsunfähige Menschen ohne
       Hinzuverdienst. „Vom Kahlschlag-Kanzler Merz ist aber weder für die einen
       noch für die anderen viel zu erwarten“, sagte Reichinnek.
       
       19 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schwarz-rote-Sozialstaatskommission/!6149008
 (DIR) [2] https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Soziales/Modernisierung-Sozialstaat/abschlussbericht-sozialstaatskommission.pdf?__blob=publicationFile&v=1
 (DIR) [3] /Kinderarmut-bekaempfen/!6079342
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tobias Schulze
       
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