# taz.de -- Grüne Wahlkampfhilfe in Sachsen-Anhalt: Exorzismus mit Özdemir
> Der zweite grüne Ministerpräsident dieser Republik besucht den kleinsten
> grünen Landesverband der Republik. Was erlebt Cem Özdemir in Wernigerode?
(IMG) Bild: So ein netter Besuch: Suse Sziborra- Seidlitz, grüne Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt, und Cem Özdemir in Wernigerode
„Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft“, Cem Özdemir liest ein FDP-Wahlplakat
vor, das am Autofenster vorbeisaust. „Das kommt mir aber sehr bekannt vor“,
brummt er und schiebt zufrieden die Unterlippe nach vorne. Das war doch
sein Refrain in den Wahlkampfreden vor einem halben Jahr in
Baden-Württemberg. „Und das sieht aus wie unser Plakat mit Kretschmann.“ Er
deutet an einer Kreuzung aus dem Fenster. Auf dem CDU-Plakat zeigt der
Altministerpräsident Rainer Haseloff auf seinen weit weniger bekannten
Nachfolger Sven Schulze und empfiehlt ihn zur Wahl. Vergnügt beißt Özdemir
in seine vegetarisch belegte Semmel.
Schön, wenn sie alle hier von ihm lernen. Ihm, der im Frühjahr von
aussichtsloser Position [1][die Aufholjagd gegen die CDU in
Baden-Württemberg aufgenommen und noch knapp gewonnen hat]. In einem
Wahlkampf, in dem es endlich mal nicht um die AfD ging. Jetzt quetscht er
sich schon wieder mit einem kleinen Team und seiner Frau Flavia Zaka in
einen Wahlkampf-Van. Jetzt also Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern,
eine ganze Woche lang. Aber hier geht es für die Grünen nicht ums Regieren,
sondern darum, überhaupt noch im Parlament zu sein. Vor allem aber geht es
für das ganze Land darum, die erste AfD-Landesregierung zu verhindern. „Ich
möchte nicht ab Herbst mit Leuten von der AfD im Bundesrat sitzen“, sagt
Özdemir. Um das verhindern zu helfen, verkürzt man schon mal seinen
Sommerurlaub, findet auch seine Frau.
Da kommt also der zweite grüne Ministerpräsident der Welt zum kleinsten
grünen Landesverband mit gerade mal 1.700 Mitgliedern: Verteilt hier mal
wieder ein Besser-Wessi milde Gaben an die arme Verwandtschaft im Osten?
„Nein, überhaupt nicht“, sagt die Grüne Spitzenkandidatin [2][Suse
Sziborra-Seidlitz], die mit wehendem Leopardenkleid zur Brocken-Dampfbahn
eilt, die doch gleich mit ihr und Özdemir abfahren soll. Alle Hilfe ist
nützlich, findet Sziborra-Seidlitz. Sogar die Debatte um ein AfD-Verbot,
die Özdemir am Wochenende zusammen mit Boris Pistorius in der FAZ neu
entfacht hat. „Bisher ist ja aus dem amtlichen Label gesichert rechtsextrem
ja nichts gefolgt. Dann nimmt das auf Dauer auch keiner ernst.“
## Die Brockenbahn und die Waldbrände
Die Lok dampft, der Schaffner pfeift, Özdemir, seine Frau und Suse
Sziborra-Seidlitz falten sich auf die engen Holzbänke. Die nächsten
eineinhalb Stunden, während die Eisenbahn auf den Gipfel schnauft, wird er
viele Details über die Probleme der Harzer Schmalspurbahn erfahren und über
die Diskussion darüber, dass die von den Sachsen-Anhaltern so geliebte
Dampfeisenbahn für die schlimmen Waldbrände in den vergangenen Jahren
verantwortlich sein könnte. Auch erfährt er, dass der vielleicht
deutscheste aller Berggipfel zu DDR-Zeiten nicht nur für Westdeutsche
hinter Stacheldraht verschwand, sondern auch für die Ostdeutschen
Sperrgebiet war. Weil Stasi und Moskau dort oben ihre Horchposten
installiert hatten. Özdemir hört aufmerksam zu. Alles Material für seine
spätere Wahlkampfrede.
„Jaja, die anderen waren auch schon da“, sagt die Pressesprecherin der
Harzer Schmalspurbahn derweil. Eigentlich wollten sich die Verkehrsbetriebe
der historischen Brockenbahn, die der Stolz der ganzen Region ist, aus dem
Landtagswahlkampf heraushalten, ergänzt Sziborra-Seidlitz. Dann habe aber
die AfD unter der Hand mit dem Spitzenkandidaten Siegmund ein ganzes Abteil
gebucht. „Das ist heute so eine Art Exorzismus“, lacht die
Spitzenkandidatin der Grünen. „Ich glaube auch für die HBV.“ Wie zur
Bestätigung wartet die Geschäftsführerin der Verkehrsbetriebe an der
nächsten Haltestelle und schüttelt Özdemir vor Fotografen die Hand.
Eigentlich ist der Brockenausflug nur das Ersatzprogramm für den
West-Grünen. Özdemir und Sziborra-Seidlitz wollten eigentlich
mittelständische Betriebe besuchen. Doch nachdem schon alles klar war, kam
jedes Mal der Rückzieher: Aus Angst, Nachteile zu erleiden oder Kunden zu
verprellen. Dabei ist Özdemir auch hier ein Sympathieträger. Auf dem
Berggipfel muss er eine Menge Autogramme geben.
Es ist vielleicht das Gespenstische an dem Wahlkampf, wie man ihn hier
erlebt, dass sich die andere Seite – nach Umfragen immerhin fast jeder
Zweite in diesem Land – beim politischen Gegner, wenn er vor Ort anwesend
ist, gar nicht zu erkennen gibt. Der Lokführer der Brockenbahn erzählt
Özdemir viel über die teure Instandhaltung der Bahn. Als Journalisten ihn
danach fragen, was er denn von den Grünen hält, flüchtet er sich ins
Unpolitische. Dann sagt er, er werde für den Frieden stimmen. Heißt wohl:
Bestimmt nicht für die Grünen, die die Ukraine im Krieg gegen den Aggressor
Russland unterstützen.
## Ein Nachmittag mit Erfolgsgeschichten
„Wir müssen erst wieder lernen, miteinander zu diskutieren“, sagt André
Boks. Er ist SPD-Stadtrat in Wernigerode und hat auch ein Demokratiebündnis
gegründet. Aber selbst der Begriff „Demokratie“ ist rechts der Mitte
inzwischen als „links“ gelabelt. Deshalb hat er mit seinem Sohn am Tag vor
Özdemirs Besuch als Privatperson ein Bürgerforum auf dem Wernigeroder
Marktplatz organisiert. Es ist ein Nachmittag mit vielen
Erfolgsgeschichten, auch mit Sorge, zum Beispiel vor der AfD, aber ohne
direkte politische Botschaften. Bürger aus der Mitte der Gesellschaft
kommen ins Gespräch und am Ende singt der ganze Marktplatz einen Kanon.
„Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere recht haben könnte“, zitiert
Cem Özdemir am Tag darauf an gleicher Stelle den Heidelberger Philosophen
Hans-Georg Gadamer. Die Bühne ist diesmal grün dekoriert. Der Marktplatz
von Wernigerode ist etwas voller als beim Bürgerforum, aber das Publikum
ist auch homogener. „Das ist doch ein Hammersatz von Gadamer“, findet
Özdemir. Auch er als Politiker, sagt er, scheiterte oft daran.
Der Süd-Wessi Özdemir macht sich bei seinem Auftritt gekonnt klein. Er
wolle hier nicht wie ein anderer Ministerpräsident tolle Geschichten aus
dem Westen erzählen. Nicht mal den berühmten „Schön hier, aber waren sie
schon mal in Baden-Württemberg?“- Aufkleber könne er hier loswerden,
schmeichelt er. Dazu sei die bunte Stadt im Harz einfach zu hübsch. Man
müsse doch mal festhalten: Sachsen-Anhalt sei bei der Windkraft
Baden-Württemberg weit voraus und auch von der Kinderbetreuung könne sein
Land hier noch was lernen. Das kommt gut an.
## Der Platz jubelt
Dann holt er das frisch erworbene Wissen vom Vormittag hervor. Özdemir
erinnert daran, was mit der Wende von 1989 gelungen sei: Die einzige
geglückte Revolution auf deutschem Boden jemals. Die Wernigeroder hätten
sich doch damals sogar mit dem Brocken ein Stück Heimat zurückgeholt. „Das
waren die Bürgerrechtler von Bündnis 90“, ruft Özdemir. „Die von der AfD
haben dazu nichts beigetragen, die waren im Zweifel auf der anderen Seite.“
Der Platz jubelt.
Man merke einen Unterschied zur Bundestagswahl, sagt die Spitzenkandidatin
Suse Sziborra-Seidlitz nach der Veranstaltung. Weniger zerstörte
Wahlplakate, kaum Aggression an den Wahlständen. Der Hass auf die Grünen
verlagert sich in die Anonymität des Netzes, wo sie gerade einen Shitstorm
auszuhalten hat, [3][wegen der Nazi-Vergangenheit ihres Ehemanns]. Aber den
überstehe sie jetzt auch noch, sagt Sziborra-Seidlitz tapfer. Am Rande der
Veranstaltung wird gerade der randalierende Rechts-Streamer „Weichreite“
von der Polizei weggezerrt.
Nächster Tag, neues Bundesland, ähnliche Problemstellung. In
Mecklenburg-Vorpommern stehen die Grünen bei nur 4 Prozent, sie sind in
dieser Legislatur überhaupt das erste Mal im Landtag verraten. Auch hier
wird die Partei in Teilen der Bevölkerung vom Ölpreis bis zu Nachbars
kranker Kuh für fast alles verantwortlich gemacht.
## Regen und besoffene Nazis
Abends auf dem schmucken Marktplatz der Landeshauptstadt Schwerin soll es
wieder eine große Kundgebung geben, „mit Brezeln, Pommes und viel guter
Laune“, wie das Plakat verspricht. Aber erst kommt ein Platzregen, dann
zwei betrunkene Neonazis, die die Parteimitglieder am Wahlkampf-Stand
bedrängen. Die Polizei kommt dann auch. Wegen Wetter, und auch ein bisschen
wegen der Nazis wird die Kundgebung in den Saal gegenüber verlegt.
Es ist ein wenig wie früher bei den Grünen. Es werden Boxen und Bierbänke
rumgetragen, jeder packt an, der örtliche Landtagskandidat Sebastian Hüller
moderiert und verteilt gleichzeitig hinterm Tresen kostenlose Getränke.
Alle drängeln sich ein bisschen, alles wirkt improvisiert. Es ist ein
Abend, an dem es weniger um die AfD geht und mehr um grüne Themen. Da kommt
es wie gerufen, dass eine Frau aus dem Publikum fragt, wie man den Erfolg
der Grünen in Baden-Württemberg im Osten wiederholen könne. Da holt Cem
Özdemir tief Luft. Es kann jetzt etwas länger dauern.
1 Sep 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Benno Stieber
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