# taz.de -- Obdachlosigkeit und Wahlen: Der lange Weg zur eigenen Stimme
       
       > Ein Pilotprojekt in Pankow soll wohnungslosen Menschen das Wählen
       > erleichtern. Doch die Hürden für Interessierte sind immer noch hoch.
       
 (IMG) Bild: Nachdem einige Verständnisfragen geklärt werden konnten, gibt ein Besucher der Tagesstätte erfolgreich seine Stimme ab
       
       Es ist kurz nach 10 Uhr, die Wohnungslosentagesstätte der Diakonie in
       Pankow ist an diesem Dienstag noch voller als sonst zur Frühstückszeit. Zum
       ersten Mal bietet das Wahlamt Pankow heute eine Briefwahl für [1][die
       kommende Berlinwahl] im September für wohnungslose Menschen an. Ein
       Interessierter füllt einen Zettel mit persönlichen Angaben aus, die
       Wahlhelferin überprüft seine Daten im Meldeverzeichnis.
       
       „Tut mir leid, Sie sind aktuell noch in Zehlendorf gemeldet. Das heißt, Sie
       können die Briefwahl hier nicht machen“, sagt sie. Der Mann geht
       unverrichteter Dinge zurück in den Frühstückssaal. Es ist nicht die einzige
       Hürde, die ihm das Wählen erschwert.
       
       Um Menschen ohne Wohnung das Wählen zu erleichtern, ist das Pilotprojekt in
       Zusammenarbeit des Bezirksamts Pankow und der Diakonie
       Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz entstanden. Beteiligt an dem
       Projekt sind auch der psychosoziale Dienst Immanuel Beratung und die
       trägerübergreifende Landesarmutskonferenz Berlin.
       
       Doch die Hürden sind hoch. Zuerst müssen sich die Wahlwilligen in das
       Wahlverzeichnis eintragen lassen. Dafür müssen sie persönlich beim
       Bezirkswahlamt des Bezirks vorsprechen, in dem sie sich am 35. Tag vor der
       Wahl aufgehalten haben, sprich, wo sie in der Nacht von vergangenem Samstag
       auf Sonntag übernachtet haben. Wenn das, wie im Fall des Mannes, der gerade
       doch nicht wählen konnte, keine Adresse innerhalb Pankows ist, können sie
       ihre Stimme hier heute nicht abgeben.
       
       ## Persönliches Vorsprechen
       
       „[2][Nicht alle wohnungslosen Menschen sind ohne Meldeadresse]. Wir können
       ihm jetzt nur die Info geben, wo er stattdessen zum Wählen hingehen kann“,
       sagt Marc Albrecht, Leiter des Bezirkswahlamts Pankow. Immerhin sei das
       Pilotprojekt heute schon ein Versuch, zu zeigen, dass Wählen für Menschen
       ohne Wohnung möglich ist. „Wir bringen das Wahlamt dorthin, wo die Menschen
       sind, die wir erreichen wollen“, so Albrecht. Die Hemmschwelle, sich an der
       Wahl zu beteiligen, sei sonst noch höher.
       
       Für Fragen und Verständnisprobleme nimmt sich die Wahlhelferin heute immer
       Zeit. Auch Wahlamtsleiter Albrecht klärt Interessierte Schritt für Schritt
       darüber auf, welcher Zettel in welchen Umschlag kommt, wie viele Kreuze wo
       gemacht werden sollen und wo die Wähler*innen schließlich unterschreiben
       sollen.
       
       Informationen zu den Parteien darf das Bezirksamt den Personen nicht geben.
       Damit sich die Wohnungslosen auch noch vor Ort informieren können, hat
       Simona Barack, Leiterin der Diakonie-Tagesstätte, Infomaterial aus der
       [3][Straßenzeitung Strassenfeger] ausgedruckt. Darin steht zu jeder Partei
       ein kurzer Absatz. Außerdem hat das Team der Tagesstätte mehrsprachige
       Flyer im Bezirk verteilt, die zur Briefwahl heute aufrufen.
       
       Dass sich der Bezirk heute die Mühe mache, um das Wahlamt in die
       Tageseinrichtung zu bringen, sei ein bedeutender Schritt für die Teilhabe
       wohnungsloser Menschen. „Ihnen wird heute wirklich mal das Gefühl gegeben,
       wichtig zu sein“, sagt Barack.
       
       ## Jeder Obdachlose sollte wählen können
       
       Marcel Ernst ist der nächste interessierte Wähler. Die Aktion heute
       befürworte er. „Ich finde, jeder Obdachlose sollte wählen können.
       Obdachlosigkeit müssen wir abschaffen“, sagt Ernst. Sein Vermieter habe ihn
       aus seiner Wohnung geworfen, seitdem lebe er ohne Dokumente auf der Straße.
       Dass das Angebot zur Briefwahl in der Tagesstätte heute stattfindet, wusste
       er. „Zum letzten Mal habe ich 1989 gewählt, da habe ich für Helmut Kohl
       gestimmt“, sagt Ernst, der eine schwarze Feder in seine Cap gesteckt hat.
       Für die heutige Wahl fühle er sich ausreichend informiert. Er habe die AfD
       gewählt.
       
       Darauf angesprochen hält Tagesstättenleiterin Barack kurz inne, überlegt,
       was sie sagen soll. „Es ist mir natürlich ein Rätsel, wie Menschen etwas
       wählen können, das ihnen potenziell schadet. Aber der Frust auf die Politik
       ist vor allem bei den Wohnungslosen so enorm, dass viele wohl aus Protest
       wählen“, sagt sie. Die Menschen, die tagtäglich in ihre Einrichtung kommen,
       würden sich einfach abgehängt fühlen – von allem.
       
       Um halb 12 Uhr haben bereits sechs Personen erfolgreich gewählt, berichtet
       Wahlamtsleiter Albrecht. Bei bisherigen Wahlen im Bezirk Pankow hätte man
       eine niedrige zweistellige Zahl an wohnungslosen Wähler*innen
       verzeichnet. Dass es jetzt immerhin schon sechs Personen sind, freue ihn.
       Wie man das Projekt weiter ausbauen könne, müsse man in Zukunft sehen. Mit
       dem Tag heute sei er bis jetzt aber zufrieden: „Der Aufwand heute ist es
       wert, auch allein um die Menschen über die Wahlen zu informieren.“
       
       17 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Laura Mies
       
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