# taz.de -- Austausch über Sozialpolitik: Frust-Dating mit Sozialpolitiker*innen
       
       > Kann Austausch mit Politiker*innen auf Augenhöhe gelingen? Im
       > Nachbarschaftshaus Urbanstraße versucht man es im Speed-Dating-Format.
       
 (IMG) Bild: Thomas Lindlmair ist als Diskutant spontan eingesprungen
       
       Lars Düsterhöft, Sprecher für Soziales der SPD, zieht erstaunt seine
       Augenbrauen nach oben, als er von der Schlafsituation einer obdachlosen
       Frau hört. „Einer Freundin von mir wurde im Schlaf der Schlafsack
       weggezogen“, erzählt Uwe Mertens von der Union für Obdachlosenrechte (UfO).
       
       Am Tisch sitzt Düsterhöft mit noch etwa einem Dutzend anderer Personen. Sie
       wollen hier im Nachbarschaftshaus Urbanstraße ins direkte Gespräch mit
       Politiker*innen kommen, um konkrete sozialpolitische Forderungen zu
       äußern. Die Stimmung an den insgesamt vier Tischen ist interessiert und
       doch auch angespannt.
       
       Seit 2011 wird das Format „Wir kommen wählen!“ von der
       Landesarmutskonferenz Berlin vor allen Wahlen durchgeführt, so auch jetzt
       zur Berlin-Wahl. In das Nachbarschaftshaus eingeladen haben dazu der
       Arbeitskreis für Wohnungsnot und die UfO. Für jeweils 20 Minuten gehen vier
       Politiker*innen mit Menschen, die entweder selbst Erfahrung mit
       Wohnungslosigkeit haben oder Fachpersonen der Wohnungsnotfallhilfe sind, im
       Speed-Dating-Format in Austausch.
       
       Uwe Mertens engagiert sich seit ein paar Jahren in der Hitze- und
       Kältehilfe in Berlin. Vom SPD-Politiker Düsterhöft fordert er eine
       ganzjährige Finanzierung des Projekts, das immer mehr Zulauf bekomme. „Uns
       ist bewusst, dass die derzeitige Förderung nicht ausreicht“, sagt
       Düsterhöft. Obdachlosigkeit sei in der Politik außerdem schon lange kein
       Randthema mehr. Eine Vertreterin des Vereins Unterschlupf, ein Tagestreff
       für Frauen in Obdachlosigkeit, unterbricht ihn: „Wieso bekommen wir dann
       nicht genug Unterstützung?“
       
       Mit Düsterhöft sind Taylan Kurt von den Grünen und Katina Schubert von den
       Linken am Montagmorgen von Tisch zu Tisch unterwegs. Weil Max Kindler,
       Bezirksstadtrat der CDU, nicht pünktlich erscheint, springt spontan ein
       Besucher für ihn ein: Thomas Lindlmair, selbst mal von Obdachlosigkeit
       betroffen gewesen, kandidiert jetzt in Neukölln als Einzelbewerber.
       
       ## Die prekäre Mietenlage bestimmt die Diskussionen
       
       Damit ist er einer der wenigen Anwesenden, die tatsächlich selbst von
       Obdach- oder Wohnungslosigkeit betroffen sind oder waren. Die meisten
       Personen, die sich auf den kritischen Austausch mit den
       Politiker*innen einlassen, sind Sozialarbeiter*innen. „Vermutlich ist
       es nicht ganz die richtige Uhrzeit für die Betroffenen“, sagt eine
       Sozialarbeiterin von Housing First für Frauen in Berlin. Sie ist mit
       Kolleg*innen hier, um ihre sozialpolitischen Forderungen an die zu
       richten, die sie nach den Wahlen umsetzen sollen.
       
       Zwangsräumungen, Mietschulden oder Vergesellschaftung des Wohnungsraums:
       All das sind Themen, die an den Tischen diskutiert werden. Es geht auch um
       Versprechen, die schon zu oft gebrochen worden sind. An den Tischen hängt
       spürbarer Frust in der Luft, doch die Politiker*innen sind sichtlich
       vertraut mit der angespannten Stimmung der Wähler*innen.
       
       Taylan Kurt lehnt sich entspannt im Stuhl zurück, während er den teils
       frustrierten Besucher*innen zuhört. Seine Antworten wirken, als hätte
       er sie schon oft erzählt. Einer seiner Kernpunkte: Die Menschen, die es
       wollen, müssen von der Straße geholt werden. Ebenso entspannt verteidigt
       Katina Schubert ihre „demokratisch sozialistischen“ Argumente.
       
       Doch der Dialog ist nicht immer einfach, gerade in der Kürze der Zeit.
       Zwischendurch sind immer wieder laute Rufe mit bayrischem Einschlag zu
       hören, wenn Thomas Lindlmair energisch seine Forderungen kundtut: „Die
       billigste Lösung für den Staat ist es, wenn ein Mensch seine Wohnung gar
       nicht erst verliert“, sagt er. Doch bevor es zur konstruktiven inhaltlichen
       Debatte geht, ist die Zeit meist schon wieder vorbei.
       
       Am Tisch, an dem Düsterhöft gerade sitzt, entfacht eine hitzige Diskussion
       über Wohnrecht. Die Sozialarbeiter*innen, mit denen er spricht, bleiben
       irritiert zurück. Ob dem Politiker die [1][Diversität von
       Wohnungslosigkei]t bewusst sei, dass sich nicht jede*r einfach eine neue
       Bleibe suchen könne, bleibt für sie unbeantwortet. Am Ende der
       Veranstaltung geht er nochmal auf die Frauen zu, überreicht ihnen
       versöhnlich einen Blumenstrauß, den er zuvor selbst als Dank geschenkt
       bekommen hat. Sie tauschen sich noch einige Minuten lang aus, auf einen
       gemeinsamen Punkt werden sie trotzdem nicht mehr kommen.
       
       24 Aug 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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