# taz.de -- Solidarität mit Karikaturisten: Den Stift nicht verbieten lassen
> Ein berühmter ugandischer Karikaturist wird zu einer hohen Geldstrafe
> verurteilt. In kürzester Zeit sammelt eine weltweite Spendenkampagne die
> Summe ein.
(IMG) Bild: Jimmy Spire Ssentongo, Karikarturist und Staatsfeind des ugandischen Regimes
Eine Karikatur ging dieser Tage in [1][Uganda] auf den sozialen Medien
viral. Sie zeigt Ostafrikas berühmtesten Karikaturisten, Dr. Spire
Ssentongo, dem von einem Richter ein Holzbrett auf die Lippen genagelt
wird. [2][Darauf steht: „Closed“ – also geschlossen].
Die Zeichnung stammt nicht von ihm selbst, sondern von einem befreundeten,
ugandischen Berufskollegen, Richard Kato. Doch es ist Teil einer fast
weltweiten Solidaritätskampagne für Dr. Spire, die in Uganda derzeit Furore
macht.
Der Philosophieprofessor Dr. Spire ist als Ugandas prominentester Kolumnist
und Karikaturist weit über Ugandas Landesgrenzen hinweg bekannt. Erst im
Juni wurde er in Genf mit dem [3][Kofi Annan Preis für mutige
Karikaturisten] ausgezeichnet. Seine berühmtesten Zeichnungen wurden
prominent in Schautafeln entlang der [4][Uferpromenade des Genfer Sees]
aufgestellt.
## Wöchentliche Regierungskritik
Die weltweit anerkannte Auszeichnung kam zu einem Zeitpunkt, als in seinem
Heimatland Uganda die unabhängige regierungskritische Tageszeitung Daily
Monitor geschlossen wurde, für die Dr. Spire fast wöchentlich seine
lustigen, aber auch sehr kritischen Cartoons malte, die über die sozialen
Medien weltweit geteilt werden.
In den Zeichnungen kritisiert er die zunehmende Korruption im Land, das
[5][drakonische Vorgehen des Sicherheitsapparats gegen Oppositionelle und
Mitglieder der Zivilgesellschaft]. Beliebte Figuren in seinen Zeichnungen
sind vor allem Präsident Yoweri Museveni, der seit 40 Jahren an der Macht
ist, sowie dessen Sohn, der als derzeitiger Generalstabschef der Armee nun
Anspruch auf die Nachfolge erhebt.
Doch dann ordnete ein ugandisches Gericht an, dass er sich nicht weiter
online äußern dürfe. Hintergrund ist ein Rechtsstreit zwischen Dr. Spire
und der Internationalen Universität in Kampala (KIU), der sich bereits seit
Jahren hinzieht.
## Uni erstattet Gebühren nicht
Es geht um Gebühren für dessen Neffe. Der hatte diese zwar bezahlt, sich
aber dann kurzfristig entschieden, eine andere Uni zu besuchen. Die KIU hat
die teuren Gebühren im Umfang von mehreren Tausend Euro umgerechnet nicht
zurückerstattet. Darüber beschwerte sich Dr. Spire online in mehreren
Posts.
Das Gericht verordnete dagegen ein sogenanntes Contempt, quasi eine
Missachtung des Gerichts, ein Rechtsmittel, das es im britischen oder
US-Justizsystem gibt, im Deutschen jedoch nicht. Als er jedoch weitere
Posts veröffentlichte, verhängte der Richter letztlich im Juni eine
Geldstrafe von umgerechnet rund 7.000 Euro gegen ihn. Sollte er die
Strafgebühr nicht innerhalb von zwei Wochen begleichen, drohten ihm drei
Monate Haft.
## Gesetz gegen Kritiker*innen im Netz
Für Ugandas agile Zivilgesellschaft ist dies ein weiterer Versuch, durch
richterliche Anordnungen die freie Meinungsäußerung immer mehr
einzuschränken. Ähnliche Strafen wurden jüngst auch gegen Anwälte der
Opposition verhängt, die laufende Verfahren online als unfair kritisierten.
Vor allem im gerichtlichen Vorgehen gegen die Opposition sehen viele in
Uganda die Unabhängigkeit der Justiz gefährdet.
Uganda hat 2011 das sogenannte Computer-Missbrauchs-Gesetz verabschiedet,
wonach Kommentare auf den sozialen Medien geahndet werden können.
Zahlreiche Kritiker*innen wurden auf Grundlage dieses Gesetzes seither
verhaftet und zu hohen Strafen verurteilte, einige mussten ins Exil
flüchten.
## Solidaritätsaufruf über X
Doch dagegen regt sich Widerstand. Kurz nach der Anordnung über das Bußgeld
wandte sich Dr. Spire auf der Onlineplattform X an seine weltweit knapp
400.000 Follower: „I NEED YOU!“, postete er am 8. August auf X, übersetzt:
[6][„Ich brauche euch!“]
Diesem Hilferuf folgend hatte Oppositionsanwalt Eron Kiiza die Idee, online
eine Fundraisingkampagne loszutreten. „Dieser repressive Gerichtsbeschluss
ist ein Maulkorberlass im juristischen Gewand. Er ist ein Angriff auf die
Meinungsfreiheit und auf das Recht jedes Uganders, eine mächtige
Institution darüber zur Rechenschaft zu ziehen“, regte er sich auf X auf.
„Wir sollten das Geld aufbringen. Er darf nicht zum Schweigen gebracht
werden. [7][Unsere Stimmen zählen].“
Auch gegen Anwalt Kiiza wurde jüngst ein „Contempt“ verhängt, weil er sich
auf den sozialen Medien über das seiner Meinung nach [8][ungerechte
Gerichtsverfahren gegen Ugandas Oppositionsführer Kizza Besigye]
ausgelassen hatte. Dieser sitzt seit November 2024 in Haft und ist
angeklagt wegen Landesverrats. Im Zuge dieses Verfahrens kritisierten die
Zivilgesellschaft und Ugandas Anwaltsverband die Justiz, als der
verlängerte Arm der Regierung zu agieren.
## In zwei Tagen Summe gesammelt
Eine weitere Anwältin und Menschenrechtsaktivistin, Agather Atuhaire, griff
die Fundraisingidee auf. „Danke, Eron, dass du das angestoßen hast“,
schrieb sie auf X. „Lasst uns alle denjenigen, die uns zum Schweigen
bringen wollen, zeigen, dass wir uns weiterhin zu Wort melden und
zusammenstehen werden.“ Sie teilte ihre Telefonnummer, auf [9][welche Leute
einen Solidaritätsbeitrag] per mobilen Geldtransfer für Dr. Spire einzahlen
können.
Innerhalb von nur zwei Tagen kam mehr als die vom Gericht verhängte
Strafgebühr von 30 Millionen ugandische Schilling zusammen. 36,5 Millionen
waren es zu Beginn vergangener Woche, so Atuhaire: „Ihr seid großartige
Menschen“, bedankte sie sich bei den Spender*innen. Dennoch schickten die
Leute weiter Geld. „[10][Machen wir 100 Millionen daraus] … nur für den
Fall, dass er die verrotteten Gerichte wieder nervt“, befeuerten einige
Ugander*innen die Kampagne.
Einige schickten umgerechnet mehrere Hundert Euro, andere nur wenige Cent.
Anwältin Atuhaire lobte online viele, die selbst nur Kleinstbeträge
überwiesen – beispielsweise mit dem Betreff „Liebe“.
Für ihren Einsatz wurde sie online von vielen als Heldin gefeiert. „Dein
Einsatz für eine gerechte Gesellschaft wird unvergessen bleiben“, lobte sie
der Ugander Godfrey Mukalazi auf [11][X und fügte] hinzu: „Deshalb werde
ich meine neugeborene Tochter Agather nennen (…) Du bist so eine
Inspiration.“
## Spenden aus aller Welt
Letztlich kamen insgesamt mehr als 41 Millionen Schilling zusammen, selbst
aus fernen Ländern wie Südafrika, Nigeria, Frankreich, Schweiz, Kasachstan
und auch aus Deutschland haben Leute Geld geschickt. „Ich danke euch allen
von Herzen“, schrieb Spire an alle Spender*innen. „[12][Ihr habt einfach
Solidarität gezeigt].“
Dr. Spire fühlt sich gerührt, gibt er am Wochenende im Interview mit der
taz zu: „So viele Menschen haben mich unterstützt, mit so viel Enthusiasmus
und Bereitschaft, ohne dass man sie lange überreden musste“, sagt er, kurz
nachdem er das Geld am Freitag seinen Anwälten vorbeigebracht hatte: „So
viele haben sich freiwillig gemeldet, mich sogar von überallher angerufen.
Meine Kollegen, Fremde (…) Es war überwältigend und hat mich sehr berührt.“
Für Dr. Spire setzt die Solidaritätskampagne nun ein deutliches Zeichen, so
sagt er: „Die Repressionen sind in Uganda so stark wie nie zuvor.“
17 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Mobilitaetswende-in-Uganda/!6187400
(DIR) [2] https://www.facebook.com/1071393920/posts/10237673106261551/
(DIR) [3] https://freedomcartoonists.com/international-cartoonists-award/2026-award/
(DIR) [4] https://chuss.mak.ac.ug/en/dr-jimmy-spire-ssentongo-wins-kofi-annan-courage-in-cartooning-award/
(DIR) [5] /Repression-in-Uganda/!6191509
(DIR) [6] https://x.com/SpireJim/status/2086074319961047415
(DIR) [7] https://x.com/kiizaeron/status/2086016653762908430
(DIR) [8] /Uganda-baut-Druck-auf/!6068604
(DIR) [9] https://x.com/AAgather/status/2086043502702387698
(DIR) [10] https://x.com/LiamAlba2/status/2086716138478879002
(DIR) [11] https://x.com/GodfreyMuk45yb/status/2087569114151747640
(DIR) [12] https://x.com/SpireJim/status/2086913837308256489
## AUTOREN
(DIR) Simone Schlindwein
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