# taz.de -- Remonstration: Über die Pflicht, sich Weisungen zu widersetzen
> Deutsche Beamte müssen nicht alles machen, was ihnen aufgetragen wird. In
> bestimmten Fällen sollten sie remonstrieren. Was das heißt – auch für den
> Umgang mit der AfD.
(IMG) Bild: Ein Polizist darf Weisungen, die eine Straftat oder Ordnungswidrigkeit bedeuteten oder die Menschenwürde verletzten, nicht befolgen
Eine Alleinregierung der AfD in Sachsen-Anhalt scheint möglich. Es wird
erwartet, dass sie in diesem Fall verfassungswidrige Gesetze beschließen
und rechtswidrige Vorschriften erlassen könnte. Möglich, in bestimmten
Fällen gar geboten ist Staatsbediensteten dann die Remonstration, ein
Instrument des Beamtenrechts.
Grundsätzlich müssen Beamt:innen Gesetze und Weisungen umsetzen, auch
wenn sie diese für politisch grundfalsch halten. Eine Beamtin muss an
Abschiebungen mitwirken, auch wenn sie privat für offene Grenzen eintritt.
Oder an Einbürgerungen, auch wenn sie eine „Umvolkung“ befürchtet.
Anders sieht es aus, wenn Gesetze und Befehle rechtswidrig sind. Hier haben
Beamt:innen eine Remonstrationspflicht. Heißt: Sie müssen ihre
Vorgesetzten auf die Rechtswidrigkeit hinweisen – schon, wenn sie die nur
vermuten. Teilen die Vorgesetzten die Bedenken nicht, können sie aber auch
nicht ausräumen, müssen die Beamt:innen die nächsthöheren Vorgesetzten
einschalten. Können auch diese nicht abhelfen, endet die
Remonstrationspflicht. Dann müssten die Beamt:innen das Gesetz oder die
Weisung, die sie für rechtswidrig halten, umsetzen.
Dabei gelten Ausnahmen. Weisungen, die eine Straftat oder
Ordnungswidrigkeit bedeuteten oder die Menschenwürde verletzten, dürfen
nicht befolgt werden. Auch müsste ein Polizist die Weisung missachten,
Demonstrierende auf dem Magdeburger Domplatz nackt auszuziehen.
## Eine Lehre aus dem Nationalsozialismus
Aber nicht alles, was rechtswidrig ist, ist auch strafbar, ordnungswidrig
oder ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Wenn etwa Flüchtlingskinder
künftig nur noch in besonderen Klassen nach dem Lehrplan ihres Heimatlandes
unterrichtet werden sollen, wie die AfD es fordert, dann wäre dies zwar
eine grundgesetzwidrige Diskriminierung, aber kein Fall für eine
Weisungsverweigerung.
Die Remonstrationspflicht wurde als Lehre aus dem Nationalsozialismus
verschärft, weil viele Beamt:innen damals erklärten, sie hätten ja nur
Befehle ausgeführt. Nunmehr ist gesetzlich geregelt, dass Beamt:innen
für ihre rechtswidrigen Handlungen persönlich verantwortlich sind, wenn sie
nicht remonstrieren. Hinzu kam auch die Pflicht zur Verweigerung
strafbarer, ordnungswidriger und die Menschenwürde verletzender Befehle,
wenn dies erkennbar ist.
Wer remonstriert, sollte dies schriftlich dokumentieren. Falls die
Vorgesetzten darauf nicht eingehen, sollte eine schriftliche Bestätigung
der Anordnung verlangt werden, empfehlen Gewerkschafter.
Die Regeln zur Remonstrationspflicht sind bundesweit einheitlich im
Beamtenstatusgesetz geregelt (Paragraf 36). Dieses Bundesgesetz könnte auch
eine AfD-Mehrheit im Magdeburger Landtag nicht ändern oder in
Sachsen-Anhalt außer Kraft setzen.
In der Praxis spielt die Remonstration bisher keine große Rolle. Meist
werden Zweifel an der Rechtmäßigkeit von Weisungen informell besprochen.
Nicht einmal nach der Anordnung von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt
(CSU) von offensichtlich rechtswidrigen Zurückweisungen Asylsuchender an
der Grenze scheint es Remonstrationen gegeben zu haben. Der übliche Weg,
gegen rechtswidrige Maßnahmen des Staats vorzugehen, ist die Klage der
davon Betroffenen bei den Verwaltungs- und Verfassungsgerichten.
1 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Christian Rath
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
(DIR) Schwerpunkt AfD
(DIR) Widerstand
(DIR) Sicherheitsbehörden
(DIR) Polizeigewalt
(DIR) Beamte
(DIR) Podcast „Bundestalk“
(DIR) DDR
(DIR) Schule gegen Rassismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Was, wenn die AfD gewinnt?
Mit rund 40 Prozent in den Umfragen setzen die Rechtsextremen auf einen
Sieg in Magdeburg am 6. September. Doch die Gegenkräfte werden stärker.
(DIR) Polizeigewerkschafter Sven Hüber: Rücktritt nach Misshandlungsvorwürfen aus DDR-Vergangenheit
Polizeigewerkschafter Sven Hüber positionierte sich aktiv gegen die AfD.
Nun verbreitet ein rechtes Medium Vorwürfe zu dessen DDR-Vergangenheit.
(DIR) Neutralitätsdebatte in der Schule: Herr Heckel und die AfD
Ein Lehrer in Sachsen-Anhalt warnt im Unterricht vor der AfD. Die Partei
protestiert, das Schulamt mahnt ihn ab. Wie neutral muss ein Lehrer sein?