# taz.de -- Bezahlkarte für Geflüchtete in Berlin: Kein Fahrschein, kein Anwalt, kein Döner
       
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Als letztes Bundesland hat nun auch Berlin die Bezahlkarte eingeführt.
       > Bei einer Tauschbörse berichten Betroffene von einer Maßnahme, die sie
       > ausgrenzt. 


       
 (IMG) Bild: Abschlussdemo vom Scirocco–Festival ohne Grenzen und für Bewegungsfreiheit im August in Berlin
       
       Am Ende des Nachmittags bildet sich auf dem Gelände des kulturellen
       Zentrums in Friedrichshain eine Schlange von fünfzehn Personen vor einem
       Holztisch – der genaue Ort soll aus Angst vor rassistischer Gegenwehr nicht
       genannt werden. Auf einem weißen Schild, das an dem Tisch hängt, steht
       „Vouchers exchange“. „Hier ist die Bezahlkartenzentrale“, scherzt Jacques
       aus der Warteschlange.
       
       Jede Woche treffen sich auf diesem Gelände sowie an zwei weiteren
       Tauschorten in Berlin Freiwillige der Initiative [1][Nein zur Bezahlkarte]
       und Asylsuchende zum Gutscheintausch. Neben Jacques steht Caroline* mit
       Supermarktgutscheinen in der Hand. Einmal im Monat kommt sie hierher, um
       die mit ihrer Bezahlkarte gekauften Gutscheine gegen Bargeld einzutauschen.
       „Mit dieser Kreditkarte kann ich sonst nicht genug Geld für den Monat
       abheben“, erklärt sie. 
       
       Mitte August hat [2][Berlin als letztes Bundesland die Bezahlkarte
       eingeführt]. Drei Jahre zuvor hatten sich die Bundesländer darauf geeinigt,
       Asylbewerbenden ihre Sozialleistungen künftig monatlich über eine
       Prepaidkarte statt in bar auszuzahlen. Anders als in anderen Bundesländern
       sollen in Berlin aber nur Neuangekommene in den ersten sechs Monaten die
       Karte nutzen müssen. In diesem Zeitraum können die Betroffenen monatlich
       bloß 50 Euro abheben. Überweisungen sind auf eine bestimmte Liste
       autorisierter Empfänger beschränkt. Onlineeinkäufe sollen hingegen möglich
       sein.
       
       In Berlin könnten davon etwa 1.000 Menschen pro Monat betroffen sein, so
       die Schätzung. „Die Bezahlkarte ist einfach nur schlecht“, sagt Jacques.
       Vor fünf Jahren kam er aus Yaoundé in Kamerun nach Deutschland. Seit drei
       Jahren wohnt er in Brandenburg, wo die Karte bereits im vorigen Jahr
       eingeführt wurde – sodass er schon einige Erfahrungen damit hat. „Man kann
       damit nichts machen: keine Überweisung an einen Anwalt, kein Zugticket
       bezahlen, nicht auf den Markt oder zum Döner gehen – die nehmen nur
       Bargeld“, erklärt er.
       
       ## Zu wenig Bargeld
       
       Mittlerweile hat Jacques keine Bezahlkarte mehr, sondern ein Bankkonto und
       einen Teilzeitjob. Die Gutscheine, die er heute tauschen möchte, sind für
       seinen Cousin, der weiter entfernt in Brandenburg lebt. „Weil es so schwer
       ist, helfe ich aus, so gut ich kann. Und ich erzähle allen, die ich kenne,
       von diesem Gutscheintauschsystem“, sagt Jacques. 
       
       „Es ist Monatsende, wir haben mehr Bargeld zu tauschen als sonst“, sagt
       Devin, der an diesem Tag an der Kasse sitzt, als Jacques bei ihm ankommt.
       Auf dem Tisch am Stand der Initiative Nein zur Bezahlkarte stapeln sich
       bunte Hüllen – eine für jeden Supermarkt, bei dem die Gutscheine gekauft
       wurden. Das Bargeld aus der „Kasse“ – einer kleinen weißen Metallbox auf
       dem Tisch – erhält die Initiative von Menschen, die ihre Einkäufe mit den
       von den Betroffenen mitgebrachten Gutscheinen bezahlen. „Zu Monatsbeginn
       haben wir manchmal schon nach einer Stunde kein Geld mehr zum Tauschen“,
       berichtet Devin. Oft sei der Bedarf an Gutscheintausch größer als die Menge
       an Bargeld, das solidarische Menschen zur Verfügung stellen.
       
       „Wenn kein*e Freund*in für mich Geld abheben kann und ich meine
       Gutscheine nicht tauschen kann, muss ich den Rest des Monats ohne Bargeld
       auskommen“, erzählt Lily*. Seit dem Ende ihrer Ausbildung im Februar 2026
       ist sie auf die Bezahlkarte angewiesen. Die junge Frau ist schwanger und
       muss manchmal dreimal im Monat von Hennigsdorf nach Berlin fahren, um ihre
       Gutscheine gegen Bargeld einzutauschen.
       
       Sie beschreibt die Situation als „belastend“ und „ermüdend“, insbesondere
       bei der Suche nach Babyartikeln, da sie mit ihrer Brandenburger Bezahlkarte
       keinen Zugang zu Onlineshops und Secondhandangeboten hat. „Natürlich fühlt
       man sich durch diese Bezahlkarte ausgegrenzt und schutzlos“, sagt Lily. „Es
       gibt schon so viele Regeln Asylsuchenden gegenüber … man fühlt sich
       überhaupt nicht berücksichtigt“, fügt sie hinzu. 
       
       ## Kein Beweis für eine Verwaltungsentlastung 
       
       Offiziell wurde die Bezahlkarte eingeführt, um unter anderem
       Geldüberweisungen ins Ausland zu begrenzen, Anreize für Migration zu
       reduzieren und die Verwaltung zu entlasten. „Es gibt keine
       wissenschaftliche Forschung, die belegt, dass die Form oder die Höhe der
       Leistungen einen Einfluss auf Migration hat“, sagt Alexandra Keiner,
       Soziologin am Weizenbaum-Institut. In Bezug auf Geldüberweisungen ins
       Ausland sieht sie „ein populistisches Ziel“. Laut einer DIW-Studie aus dem
       Jahr 2024 überweisen nur sieben Prozent der Geflüchteten Geld ins Ausland. 
       
       Alexandra Keiner plädiert stattdessen dafür, die Sozialleistungen an
       Asylsuchende auf ein Bankkonto zu überweisen, wie es während der Coronazeit
       ermöglicht worden war. „Ein Konto zu haben und Geld darauf überwiesen zu
       bekommen, würde die Verwaltung entlasten und finanzielle Selbstbestimmung
       ermöglichen“, sagt Keiner.
       
       Lily sagt, sie wünsche sich nur ein normales Leben in Deutschland. Von
       Sozialhilfe möchte sie nicht leben. „Ich wünsche mir, dass die Leute
       verstehen, dass wir arbeiten, selbstständig leben, die Sprache lernen und
       unsere Kinder in der Schule anmelden wollen. Aber dafür müssen wir auch
       Rechte haben. Und alles ist für uns schwierig oder wird uns erschwert.“
       
       *Namen von der Redaktion geändert
       
       25 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
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