# taz.de -- Bezahlkarte für Geflüchtete: Ein Jahr Schikane in Barnim
       
       > Im Brandenburger Landkreis Barnim gibt es seit einem Jahr die Bezahlkarte
       > für Geflüchtete. Betroffene, Initiativen und Kreis ziehen sehr
       > unterschiedlich Bilanz.
       
 (IMG) Bild: Mit der Initiative „Barnim Solidarisch“ demonstrierten am Dienstag rund 120 Menschen in Eberswalde gegen die Bezahlkarte
       
       Rund ein Jahr nach Einführung der Bezahlkarte für Geflüchtete im
       Brandenburger Landkreis Barnim ziehen die Initiativen „Barnim Solidarisch“
       und „Nein zur Bezahlkarte“ eine kritische Bilanz. Die Befürchtungen, die
       man zuvor geäußert hatte, seien samt und sonders wahr geworden. „Die
       sogenannte Socialcard ist zutiefst unsozial und diskriminiert die
       betroffenen Menschen“, sagte Aktivistin Mascha am Mittwoch der taz. Rund
       120 Menschen nahmen laut ihren Angaben am Dienstagnachmittag an einer Demo
       der beiden Initiativen teil und zogen durch die Eberswalder Innenstadt zur
       Ausländerbehörde.
       
       Seit einer Gesetzesänderung im Mai 2024 haben außer Berlin alle
       Bundesländer die Bezahlkarte für Asylbewerber eingeführt; nur manche
       Kommunen, etwa in NRW, sperren sich noch. Die Karte ist eine
       Guthaben-basierte Debitkarte, auf die das monatliche
       Asylbewerberleistungsgeld überwiesen wird. Details wie die Höhe der
       möglichen Barabhebung oder ob und welche Überweisungen damit erlaubt sind,
       sind den Kommunen beziehungsweise Landkreisen überlassen.
       
       In Barnim sind Barauszahlungen nur bis 50 Euro pro Monat möglich,
       Überweisungen gehen nur an Konten, deren IBAN zuvor vom Amt als Ausnahme
       genehmigt wurde. [1][Dies schränke das Leben für Betroffene sehr ein],
       zitieren die Initiativen in einer Erklärung eine Betroffene. „Flohmarkt,
       secondhand, jemandem Geld schenken? Nicht möglich. Dauerauftrag einrichten?
       Nicht möglich.“
       
       Zudem sei die Sache mit den IBAN-Genehmigungen kompliziert und könne zu
       massiven Problemen führen. Wenn etwa eine Firma, zum Beispiel ein Strom-
       oder Telefonanbieter, verschiedene Konten nutzt und man beim Ausfüllen der
       Überweisung aus Versehen ein nicht genehmigtes angibt, „scheitert der
       Einzug und man bekommt Mahnungen und Kündigungsdrohungen“, sagt die
       Betroffene.
       
       ## Technische Schwierigkeiten und Tauschaktionen
       
       Dazu kämen technische Schwierigkeiten mit der App und dem Portal, das ein
       privater Dienstleister anbiete – was Betroffene, Beratungsstellen, wie auch
       die Sachbearbeiter*innen im Grundsicherungsamt viel Zeit koste.
       
       Der Landkreis Barnim, der bisher an 857 Personen Bezahlkarten ausgegeben
       hat, zieht dagegen ein „positives Zwischenfazit“. Insbesondere habe sich
       die Karte als „spürbare Arbeitserleichterung erwiesen – vor allem an den
       Sprechtagen zum Monatsende und Monatsbeginn, an denen zuvor ein hoher
       Aufwand durch Barauszahlungen entstand“, so ein Sprecher auf taz-Anfrage.
       
       Grundlegenden Änderungsbedarf sehe man nicht, berechtigte Kritik werde im
       Einzelfall aber aufgegriffen. „Insgesamt kann eine übermäßige Belastung der
       Verwaltung oder der Beratungsstrukturen durch technische Schwierigkeiten
       derzeit nicht bestätigt werden.“ Auch sehe man keine Probleme mit der
       IBAN-Freigabe, sie gestalte sich „nach unseren Erfahrungen“ unkompliziert
       und praktikabel über das Webportal.
       
       „Das würde ich an deren Stelle auch sagen, dass alles super läuft“,
       erwidert Mascha. Ihre Initiative organisiert regelmäßig
       Tauschmöglichkeiten, [2][wie es sie inzwischen fast überall in Deutschland
       gibt], damit Geflüchtete zu mehr Bargeld kommen können.
       
       In Barnim funktioniert es so: Geflüchtete kaufen mit ihrer Bezahlkarte
       Einkaufsgutscheine gängiger Ketten. Dafür bekommen sie am „Kartentauschtag“
       – derzeit alle zwei Wochen donnerstags in der „[3][Schmatzkammer]“ im
       Rofinpark in Eberswalde – von der Initiative Bargeld. Zu den Treffen kommen
       laut Mascha zwischen 20 und 40 Personen, viele tauschten noch für andere
       mit. Einige Menschen kämen sogar von entfernten Orten wie Oderberg oder
       Angermünde zum Tauschen angereist. Der Bedarf sei so groß, dass die
       Initiative bis zu 4.000 Euro pro Treffen für Gutscheine ausgibt.
       
       Diese tauscht die Initiative dann mit solidarischen Menschen, die mit den
       Gutscheinen einkaufen gehen. Tauschorte dafür sind die Buchhandlung Mysak,
       das Restaurant Kobamugasmus und der Bioladen Krumme Gurke in Eberswalde.
       „Manchmal ist es nicht leicht, alle Gutscheine wieder in Bargeld
       umzutauschen“, so Mascha – obwohl es inzwischen viele regelmäßige
       Gutscheintauscher gebe. Die Telegram-Gruppe, die über Tauschtermine
       informiert, habe inzwischen rund 140 Mitglieder.
       
       Weitere Tauschorte in Berlin und Brandenburg findet man unter
       [4][nein-zur-bezahlkarte.de].
       
       15 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Diskriminierung-via-Bezahlkarte/!6148119
 (DIR) [2] /Aktivisten-ueber-Bezahlkarte/!6121224
 (DIR) [3] https://www.schmatzkammer.org/
 (DIR) [4] https://nein-zur-bezahlkarte.de/mit-bezahlkarte/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Memarnia
       
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