# taz.de -- Diskriminierung via Bezahlkarte: An der Kasse aussortiert
> Um die Bezahlkarte zu umgehen, kaufen Asylbewerber in Supermärkten
> Gutscheine und tauschen sie gegen Bares ein. Einzelne Märkte wollen das
> verhindern.
(IMG) Bild: Der Nächste, bitte!
Dennis Schneider arbeitet bei Edeka in Halle (Saale). „Es ist ganz
schrecklich, wie hier Racial Profiling betrieben wird“, sagt er der taz.
Schneider heißt eigentlich anders und möchte anonym bleiben, damit er
seinen Job nicht verliert. Reden will der junge Mann trotzdem: „An der
Kasse frage ich Menschen, die phänotypisch nicht deutsch aussehen und die
Gutscheine kaufen wollen, wie sie bezahlen, also nach der Bezahlkarte“,
sagt Schneider.
Das müsse er so machen, denn er sei von seiner Schichtleitung angewiesen
worden, keine Gutscheine an Personen zu verkaufen, die mit einer
Bezahlkarte zahlen wollen. Also nicht an Asylbewerber.
Eine Asylbewerberin erhält maximal 455 Euro pro Monat. Diese werden auf
eine Bezahlkarte überwiesen, die auf den ersten Blick aussieht wie eine
ganz normale Debitkarte. Meist kann man damit aber weder Überweisungen
durchführen noch online einkaufen – und in fast allen Kommunen nur 50 Euro
pro Monat bar abheben. Das ist ein Problem, weil Asylbewerber sparsam sein
müssen. Und dafür braucht es neben Onlinebestellungen häufig Bargeld, etwa
um auf Floh- oder Wochenmärkten einzukaufen.
## Initiativen vereinfachen Tauschgeschäft
Im Februar 2024 wurden in Hamburg die ersten Bezahlkarten ausgegeben.
Andere Länder und Kommunen folgten. Parallel dazu gründeten Menschen in
vielen Orten Initiativen gegen die Bezahlkarte. Die Mission der Initiativen
ist simpel: den Asylbewerbern Bargeld verschaffen. Ihr Vorgehen: [1][ein
Tauschgeschäft organisieren.]
Hierzu kaufen Asylbewerber mit ihrer Bezahlkarte Warengutscheine bei großen
Supermarktketten. Privatpersonen kaufen ihnen diese Gutscheine dann mit
Bargeld ab. Ein 20-Euro-Rewe-Gutschein gegen 20 Euro Bargeld. Die
Initiativen vereinfachen dieses Tauschgeschäft, indem sie Räume zur
Verfügung stellen, Termine zum Tauschen festlegen und Informationen
verbreiten.
## Lieber keinen Umsatz machen
Kritiker*innen der Bezahlkarte sagen, sie wurde nicht nur eingeführt,
um die Verwaltung zu vereinfachen, [2][sondern solle auch das Leben von
Asylbewerbern einschränken] – um Ausreisen zu fördern und abschreckend zu
wirken.
Wer eigentlich kein Problem mit den Tauschbörsen haben sollte, sind die
Supermarktketten, deren Gutscheine dafür genutzt werden. Denn jeder
verkaufte Gutschein bedeutet für sie höheren Umsatz.
Doch in mehreren Städten berichten Initiativen von ähnlichen Vorfällen. Zum
Beispiel in einem Lidl im Nürnberger Hauptbahnhof. Als Benedikt Aumeier von
der lokalen Initiative davon hörte, begleitete er im Sommer letzten Jahres
einen Asylbewerber dorthin.
Und tatsächlich, als dieser einen Gutschein kaufen wollte, verweigerten die
Mitarbeitenden der Filiale ihm das, sagt Aumeier der taz. Als Begründung
sei gesagt worden, die Asylbewerber würden mit den Gutscheinen „Betrug“
anstellen und „ohnehin nur Alkohol“ kaufen. Der Nichtverkauf sei eine
Weisung der Filialleitung.
## Auch auf die Mitarbeitenden kommt es an
Auch in einem Edeka in Osnabrück werde der Verkauf von Gutscheinen an
Asylbewerber teils verweigert. „Es scheint ein Mix aus Racial Profiling und
daraus zu sein, wie sehr einzelne Mitarbeiter dahinterstehen, denn einigen
werden Gutscheine verkauft und anderen nicht“, sagt ein Mitglied der
Osnabrücker Initiative.
Wie in Nürnberg sei auch hier gesagt worden, der Kauf von Gutscheinen mit
einer Bezahlkarte sei illegal – was nicht stimmt. Im nahe gelegenen Hesepe
hieß es, die „Leitungsebene“ des Supermarkts NP habe entschieden, dass es
nicht mehr erlaubt sei, Gutscheine an Menschen mit Bezahlkarte zu
verkaufen.
Warum diese Entscheidungen getroffen wurden, ist unklar. Vielleicht liegt
ein Missverständnis vor und denken einzelne Filialleitungen wirklich, der
Verkauf sei illegal. Vielleicht halten einige Filialleitungen die
Bezahlkarte für eine sinnvolle Maßnahme. Vielleicht denken sie, der
Nichtverkauf sei im Sinne der Kommunalpolitik, und wollen mit ihr gut
stehen. Oder sie handeln auf Anweisung.
In Greiz im Vogtland nahmen Filialen von Edeka, Rewe und Lidl im
vergangenen Jahr zeitweise ihre hauseigenen Gutscheine aus dem Sortiment,
heißt es von der dortigen Initiative.
## Ansage von der Ausländerbehörde?
„Als wir Mitarbeiter von Lidl und Rewe darauf ansprachen, sagten sie uns,
es sei eine Ansage von oben, direkt von der Ausländerbehörde“, sagt ein
Mitglied. Das Landratsamt Greiz widerspricht diesen Vorwürfen gegenüber der
taz. So eine Anweisung habe es seitens der Ausländerbehörde nie gegeben,
vielmehr habe das zuständige Landratsamt alle Lebensmittelgeschäfte darüber
informiert, dass die Bezahlkarte als normales Zahlungsmittel gelte.
„Bei Lidl wurde uns noch gesagt, der Tausch mit den Gutscheinen sei
illegal, dass die Asylbewerber sie klauen oder ohne Wert verticken würden
und dass sie herausgenommen wurden, um Kriminalität zu verringern“, sagt
die Person von der Initiative der taz. „Außerdem sagten die Mitarbeiter
uns, Kunden würden sich sicherer fühlen, wenn weniger Ausländer vor dem
Markt rumhängen würden.“
Auch auf Nachfrage seien den Asylbewerbern die Gutscheine verweigert
worden. Die Person von der Initiative ist überzeugt, dass es sich bei
diesen Vorfällen um Racial Profiling handelt. „Die Karte sieht ja ähnlich
aus wie jede andere Debitkarte, daran kann man nicht direkt erkennen, dass
es sich um Asylbewerber handelt.“ Vielmehr würden einzelne Mitarbeitende
der Märkte auswählen, wem sie die Gutscheine verkauften.
Ganz ähnlich klingt ein Vorfall aus einem Edeka in Berlin-Kreuzberg. Dort
sollen Mitarbeitende schon an Geflüchtete herangetreten sein und sie
darüber informiert haben, dass sie keine Gutscheine kaufen könnten, als sie
sich nur dem entsprechenden Regal näherten. „Es ist vollkommen klar, dass
sie aufgrund ihrer Hautfarbe angesprochen wurden“, so Patrick A. von der
Initiative gegen die Bezahlkarte Berlin-Brandenburg. Eine Kassiererin habe
ihm gesagt, es würden einfach zu viele Gutscheine gekauft.
## Die Unterstellung etwas Kriminelles zu tun
Betroffene hätten der Initiative bisher von mindestens zehn Vorfällen in
verschiedenen Supermarktfilialen in Berlin und Brandenburg berichtet, bei
denen ihnen der Kauf von Gutscheinen verweigert wurde. „Mein Eindruck ist,
dass es [3][ganz klar eine rassistische Dynamik] ist, die den Leuten
unterstellt, dass sie etwas Kriminelles tun, obwohl sie es nicht tun.“
Die taz hat zu den Vorwürfen sowohl Lidl als auch Rewe und Edeka (wozu auch
NP gehört) sowie, wo es möglich war, die Filialleitungen der genannten
Märkte befragt. Alle, die antworteten, sagten, dass es keine Regelung gebe,
Asylbewerbern mit Bezahlkarte die Gutscheine zu verwehren. Lidl erklärte,
Hinweisen nachzugehen und Mitarbeitende bei Bedarf nachzuschulen.
Eine Sprecherin von Edeka betonte den Anspruch des Unternehmens, allen
Kunden einen gleichberechtigten Zugang zu ermöglichen; die Kette stehe für
Vielfalt und gegen Diskriminierung. Wenn es zeitweise nicht möglich gewesen
sei, Gutscheine mit Bezahlkarten zu kaufen, sei dies auf organisatorische
Gründe zurückzuführen. Sie wies jedoch auch darauf hin, dass der Umgang mit
der Bezahlkarte im Ermessen der einzelnen Marktbesitzer stehe.
Grundsätzlich dürfen die Supermärkte als private Unternehmen selbst
entscheiden, wer bei ihnen einkauft. Darin sind ihnen nur durch das
Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) Grenzen gesetzt. Es schreibt vor,
dass Menschen nicht aufgrund bestimmter Merkmale, zum Beispiel des
Geschlechts oder der Religion, diskriminiert werden dürfen.
## Stigmatisierend und rechtlich heikel
„Aber hier wird es juristisch heikel“, sagt Lena Frerichs, Juristin und
Verfahrenskoordinatorin der Gesellschaft für Freiheitsrechte. „Denn im
Gesetz ist der Aufenthaltsstatus nicht als Diskriminierungsmerkmal
festgelegt.“ Das Gesetz sei veraltet und werde gerade reformiert.
Asylbewerber mit Bezahlkarte vom Kauf bestimmter Produkte auszuschließen,
wäre zwar eindeutig stigmatisierend, es sei bisher jedoch juristisch nicht
geklärt, ob Supermärkte für eine solche Diskriminierung Schadenersatz
zahlen müssten.
Trotzdem hält sie das Verhalten für einschneidend: „Das Verbot für eine
bestimmte Gruppe, Dinge im Supermarkt zu kaufen, das hatten wir schon
einmal in Deutschland. Leute so vorzuführen, hat eine krasse Geschichte“,
sagt Frerichs.
Auch mehrere Monate später hat sich im halleschen Edeka nichts geändert,
sagt Dennis Schneider. Er werde noch immer dazu angehalten, Menschen, die
„nicht deutsch“ aussähen, nach ihrem Zahlungsmittel zu fragen und ihnen,
falls es sich um eine Bezahlkarte handelt, Warengutscheine vorzuenthalten.
Das finde er „ganz schön mies“. Mittlerweile würden aber kaum noch
Asylbewerber versuchen, dort Gutscheine einzukaufen.
8 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Alice von Lenthe
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