# taz.de -- Sookee über ihren Geburtsort: Mecklenburg. Leberwurst. Lebensdurst. Red du nur
> Rapperin Sookee kam im vorpommerschen Pasewalk auf die Welt und hat
> seitdem nicht dorthin zurückgefunden. Ihren Blick prägt der Ort dennoch
> bis heute.
(IMG) Bild: Sookee schätzt Herzlichkeit und Solidarität
Pasewalk. Nadelwald. Strafanstalt. Blasebalg. Der Ort, an dem ich 1983 in
einem Krankenhaus geboren wurde, das laut meiner Mutter wie eine Fabrik
aussah, taugte mein Leben lang gerade mal zur Reimfindung oder zur
lautlichen Lächerlichmachung. Pasewalk – versuch das mal englisch
auszusprechen, ist lustig.
Ich habe keinen Bezug zu diesem Ort in Vorpommern. Aber ich habe ihn oft in
behördliche Formulare eingetragen. Etwas mehr als zwei Jahre meines Lebens
habe ich dort verbracht, bis meine Eltern 1986 rübergemacht haben. Kein
Pasewalker würde mich als Tochter der Stadt verstehen.
Ich glaube auch nicht, dass echte Vorpommern mich als Teil ihrer Runde
sehen. Menschen aus Mecklenburg schon mal gleich gar nicht. Nicht zuletzt
deswegen, weil meine aus Brandenburg stammende Mutter und mein Vater, dem
man sein Aufzuchtsächsisch bis heute anhört, das lange e in der ersten
Silbe nicht sprechen. Ich habe es falsch von ihnen übernommen, und mein
Körpergedächtnis hat sich auf „Mäcklenburg“ festgelegt. Schlimmer noch,
manchmal kürze ich das komplette Bundesland im Affekt runter auf Meck-Pomm.
Mecklenburg. Leberwurst. Lebensdurst. Red du nur.
Liebe Menschen, die ihr dort im Nordosten lebt: Seht es mir nach. Ich wurde
unter keinen guten Umständen höchst zufällig in eurer Gegend geboren. Und
bin nach der Ausreise meiner Eltern, die dann im Westen als anerkannte
Sowjetzonenflüchtlinge geführt wurden, nie wieder zurückgekehrt. Pasewalk
steht auf meinem Perso und an zwei Ausfahrtschildern der A20. Ich schäme
mich dafür, aber ich habe nie wieder dorthin zurückgefunden.
## Eltern im Widerstand
Meine Eltern lernten sich im thüringischen Braunsdorf kennen, dort, wo sich
im Schutze der von Pfarrer Schilling geführten Gemeinde allerhand
Oppositionelle versammelten, um sich aus dem Realsozialismus
herauszuträumen. Oder konkreten Widerstand zu leisten. Sofern das eben
möglich war in diesem Unrechtsstaat.
Meine Mutter war schon als Jugendliche aus der Jugendorganisation der
Sozialistischen Einheitspartei ausgetreten und hatte damit in Kauf nehmen
müssen, dass ihr weiterer Bildungs- und Berufsweg limitiert sein würde. Als
mein Vater seiner Überzeugung folgte und den Dienst an der Waffe als
Reservist verweigerte, verurteilte ihn das Militärgericht in Halle. Nach
der folgenden einjährigen Gefängnisstrafe lebten meine Eltern zunächst
wieder in Thüringen.
Meine Schwester aber war als Baby wegen der miserablen Industrieluft
ständig krank. Für meinen Vater wurde die körperlich schwere Arbeit in
einem Altenpflegeheim zur Belastung, und so baten meine Eltern ihren
kirchlichen Arbeitgeber um einen Ortswechsel. Die Landeskirche Greifswald
bot eine Anstellung an, so kamen wir nach Pasewalk. Einem Ort mit besserer
Luft, aber noch immer Diktatur.
Als der Ausreiseantrag meiner Eltern bewilligt wurde, hatten wir zwölf
Stunden Zeit, um die DDR endgültig zu verlassen. Wir landeten in
Westberlin, wo ich aufwuchs und auch bis vor meinem Umzug ins
Brandenburgische mit meiner Mutter über 30 Jahre lebte. Zwar ohne regionale
Anbindung an Pasewalk oder Mecklenburg-Vorpommern-Patriotismus, aber mit
der wachsenden Verbindung zum Osten. Einem Osten, in dem Bodenständigkeit,
Pragmatismus, Kreativität, Herzlichkeit, Großschnäuzigkeit und – seufz –
Solidarität auch ohne Parteidoktrin Alltag vieler Menschen war. Du hast ’n
Hammer, er hat ’n Nagel, ick hab ’n Brett – komm, wir bau’n ’ne Laube. Ob
das jetzt Bernau, Demmin, Burg, Döbeln oder Gera heißt, ist mir ehrlich
gesagt ein bisschen egal.
## Die gar nicht mal so soziale Marktwirtschaft
Sicherlich schwingt da viel romantisierende, vereinheitlichende Verklärung
mit, letztlich aber waren die Menschen aus dem Osten über 40 Jahre vor der
kapitalistischen Zurichtung geschützt. Und gleichzeitig hat die DDR sie
eingesperrt, bespitzelt und Denkverbote erteilt. Dass solche Erfahrungen
über Generationen weitergetragen werden, kann ich als in Westberlin groß
gewordene Mittvierzigerin bestätigen.
Für meine Eltern waren die Fragen danach, was Freiheit, was Unfreiheit sei,
wie die Einzelne gut im und für das Kollektiv leben könne, immer von großer
Bedeutung. Die Abendbrotgespräche über die Erfahrung im Realsozialismus und
die Enttäuschung über die gar nicht mal so soziale Marktwirtschaft waren
wichtiger Teil meiner politischen Sozialisation. Sie haben mich in der
Jugend zur Antifaschistin werden lassen. Durch sie habe ich gelernt, den
Kapitalismus als überbordende und entgrenzte Fortschrittsillusion zu
verstehen.
Über die Jahre habe ich beobachtet, wie der Westen den Osten erst
ausgenommen und dann ausgelacht hat. Es gibt nichts, was sich die Wessis
mit Anerkennung und Respekt von den Ossis abgeschaut und übernommen hätten.
Der Ossi war erst der dumme Bauer und dann der nicht minder dumme und zudem
prügelnde Nazi.
Dass sich rechte und rechtsextreme Parteien die Demütigung dieser
Zuschreibungen zunutze gemacht haben, ist in einer autoritären Logik nur
folgerichtig. Die Faschisierung des Ostens ist wie dieser Unfall, bei dem
alle gaffen und dann aber leugnen, nicht nach vorne auf die Straße geguckt
zu haben. Bis sie selbst irgendwo rauffahren. Die AfD mag in Zahlen im
Westen nicht so stark sein, aber Mölln und Hanau liegen nicht in der
ostdeutschen Provinz. Und auch sonst sind rechte Ideologien schon vor 1989
an bayerischen und schwäbischen Stammtischen zuverlässig anzutreffen
gewesen.
## Zeit, mal nach Pasewalk zu reisen
Die Erzählung über den Osten entlang des mauligen Wendeverlierers und des
hohlbirnigen Stiefelnazis war zwar nie eine Lüge, aber in ihrem Ausmaß ist
sie zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung geworden. Und jetzt haben wir
die Scheiße. Alle Welt guckt auf Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.
Entweder hoffend oder bangend.
Sicherlich habe ich oft darüber fantasiert, was aus mir geworden wäre, wenn
meine Eltern sich in Pasewalk eingerichtet hätten und geblieben wären. Ob
ich auch irgendwann in eine Großstadt abgewandert wäre wie so viele Frauen.
Oder ob ich verbunden geblieben wäre mit meinem Geburtsort [1][und nun den
Landtagsthriller nicht von weiter weg beobachten würde, sondern als
Wählerin und Einwohnerin direkt betroffen wäre]. Vermutlich hätte mich der
Sensationalismus, der beim Blick der Welt auf meinen Geburtsort
mitschwingt, geärgert.
Die mediale Aufmerksamkeit wird bald nach der Wahl schneller verschwunden
sein, als man „Koalitionsgespräche“ sagen kann.
Es wird Zeit, dass ich doch noch mal nach Pasewalk reise. Abseits des
Medienrummels. Abseits der deutschen Heimatbefragung, zu der uns die AfD
zwingt. Wegen meiner Familiengeschichte. Und um zu gucken, ob die
Krankenhausfabrik noch steht, in der mich meine Mutter geboren hat. Und um
zu schauen, wo ich mich verbünden darf mit Menschen, die nicht entspannt in
Berlin-Tempelhof groß wurden. Deren Familien geblieben sind. Trotz der
Verunglimpfung aus dem Westen und der Unsichtbarmachung und trotz der
Anstrengung, immer wieder beweisen zu müssen, dass drüben eben nicht alle
Nazis sind.
Menschen, die politische Positionen und kulturelle Interessen mit mir
teilen. Die noch besser als ich wissen, was es heißt, wenn die eigene
Familie aus einem Land kommt, das es nicht mehr gibt.
Menschen, zu denen auch ich fast gehört hätte.
12 Sep 2026
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