# taz.de -- Die „Wiedervereinigung“ in der Literatur: Stumm ist das Volk
       
       > Während mehr ostdeutsche Autor:innen das Ende der DDR in den Blick
       > nehmen, bleibt die Wiedervereinigung aus westdeutscher Perspektive
       > unerzählt. Warum ist das so?
       
 (IMG) Bild: Einbahnstraße: Führt der Weg zur „Wiedervereinigung“ nur durch ostdeutsche Literatur?
       
       Es gibt zeitgeschichtliche Ereignisse, die immer wieder in Literatur
       übersetzt und thematisiert werden. Ereignisse, die durch die stetige
       Bearbeitung zur Auseinandersetzung über das Selbstverständnis einer
       Gesellschaft und ihrer Gegenwart beitragen. Es gibt aber auch
       zeitgeschichtliche Ereignisse von großer Bedeutung, die überraschend
       unerzählt verhallen. Die sogenannte Wiedervereinigung von DDR und BRD ist
       solch ein Ereignis – zumindest in ihrer Betrachtung aus Westdeutschland.
       
       In den letzten Jahren sind eine Vielzahl von Büchern erschienen, die das
       Leben und den Alltag innerhalb der DDR oder auf ihrem ehemaligen
       Staatsgebiet erzählt haben. Dabei stellen die Umbrüche 1989/90 stets eines
       der zentralen Ereignisse im Leben der auftretenden Figuren dar – ob
       explizit oder implizit, durch die damit in Gang kommenden Veränderungen
       bilden sie jeweils ein Zentrum des Erzählens.
       
       So erfreulich dieses gesteigerte Interesse an Lebenswirklichkeiten der DDR
       und ihrer Menschen auch ist, wird dadurch eine Freistelle der
       Gegenwartsliteratur umso deutlicher: die Wiedervereinigung aus
       westdeutscher Perspektive. 36 Jahre nach dem Ende der DDR gibt es aktuell
       offenbar kein Bedürfnis, die Geschehnisse und ihren Kontext erneut zu
       erzählen, zu thematisieren und zu reflektieren.
       
       Positionen, die abweichend von den entsprechenden Jubiläumsreden der
       Politik die Ereignisse anders bewerten oder einordnen, sucht man vergebens.
       Dass dieses Ereignis keinen Einfluss auf die Lebenswirklichkeiten der
       Menschen im Westen gehabt habe, ist eine der daran geknüpften Fehlannahmen.
       Vor allem: Aus Sicht der Literatur könnte es ebendieses vermeintlich
       Unbedeutende des historischen Moments sein, was den Reiz des Erzählens
       ausmacht.
       
       ## Jenseits der staatlichen Erzählung
       
       Schaut man auf die Literaturgeschichte der vergangenen 36 Jahre – und
       einige Jahre weiter zurück – tauchen nicht wenige Titel auf, die sich der
       deutsch-deutschen Geschichte aus westlicher Perspektive angenommen haben.
       Die „Wiedervereinigung“ als historisches Ereignis spielt nicht in allen
       eine Rolle, wird aber, gerade in der Literatur der 1990er Jahre erzählt als
       Einschnitt, als Zäsur, Bruch oder Banalität.
       
       Vor allem auch als Anlass, das System der BRD infrage zu stellen und
       politisch Einfluss zu üben: Günther Grass’ „Ein weites Feld“, [1][Sarah
       Kirschs] „Das simple Leben“ oder Peter Schneider, der frühzeitig betonte,
       dass die Nachkriegszeit 1989 zu ihrem Ende gekommen ist, Einheit aber keine
       Zwangsläufigkeit. „Man kann die Mauer abreißen, aber damit wäre sie nicht
       beseitigt. Nur die Mauer hält die Illusion aufrecht, die Mauer sei das
       einzige, was die Deutschen trennt.“ Eine gute Übersicht dazu findet sich
       bei Arne Born „Literaturgeschichte der deutschen Einheit 1989–2000“.
       
       Was die Texte der 1990er Jahre verbindet, ist eine Neugier an der
       (ehemaligen) DDR und, davon ausgehend, eine Befragung der eigenen
       Verortung. So wird etwa in Andreas Neumeisters Roman „Ausdeutschen“ die
       Schilderung der westdeutschen Perspektive auf die „Wiedervereinigung“ zur
       doppelten Fremdheitserfahrung: „Nie hätte ich gedacht, dass ich je die
       Transitautobahn bei der ersten Ausfahrt verlassen und auf eine normale
       Thüringer Landstraße abbiegen würde.“ Beschreibungen der Irritation und die
       Bereitschaft, sich – auch erzählerisch – auf unbekanntem Gebiet zu bewegen,
       nehmen in den frühen 2000er Jahren ab. Das Ende der DDR verschwindet aus
       der westdeutschen Literatur Stück für Stück.
       
       Vielen in Erinnerung geblieben ist die Erzählung vom Fall der Berliner
       Mauer als wenig beachtenswerte Störung des alltäglichen Suffs in „Herr
       Lehmann“ von [2][Sven Regener.] Die Normalität der Figuren gerät über das
       epochale Ereignis kaum aus ihrem Tritt. Wichtiger und zentraler für die
       Motive und Affekte der Figuren ist, dass ihr Bier leer ist. 2009 erschien
       „Das Beste, was wir hatten“ von [3][Jochen Schimmang,] eins der wenigen
       Beispiele, in denen ein Roman die Geschichte der BRD schildert als
       Hinführung zu den Umbrüchen 89/90. Gesellschaft wird hier entworfen als ein
       Produkt menschlichen Handelns, nicht als vermeintlich naturgegebene
       Zwangsläufigkeit, die unweigerlich gen Osten sickert und jede Vorstellung
       einer anderen Gesellschaftsform absorbiert.
       
       Mit „erinnern stören“, herausgegeben von Lydia Lierke und Massimo
       Perinelli, erschien 2020 im Verbrecher Verlag ein Sammelband, der
       versuchte, bisher kaum gehörte Perspektiven auf die Wendejahre sichtbar zu
       machen, migrantische und jüdische nämlich. Und auch schon 2011 erschien der
       Band „Kaltland“ von Karsten Krampitz, Markus Liske und Manja Präkels, der
       einige Freistellen in den Erzählungen um die Umbrüche 1989/1990 zu benennen
       trachtete: „Die Westdeutschen haben ihrerseits weitgehend akzeptiert, dass
       sie sich nicht an die Lebensumstände in ihrer BRD zu erinnern brauchen,
       weil sie ja ‚die Sieger‘ waren und das heutige, größere Deutschland immer
       noch der Staat ist, in dem sie aufwuchsen.“
       
       Dass auch in diesem Staat keineswegs alle Erzählungen zu einem Ende
       gekommen sind, ist in den vergangenen Jahren sichtbar geworden. Vielfach
       ist auch westdeutsche Geschichte erzählt worden. In der Regel aber [4][als
       geschlossene Milieu-Erzählungen,] nur in absoluten Ausnahmefällen in
       Relation zu den Umbrüchen von 89/90.
       
       ## Ost/West – Alles eine Frage der Perspektive
       
       Ein Problem beim Fehlen einer westdeutschen Perspektive auf die
       Wiedervereinigung mag die Frage sein, welche Perspektive damit überhaupt
       gemeint ist. Eine einheitlich westdeutsche lässt sich nicht konstruieren.
       Gleichzeitig gibt es in der Gegenwartsliteratur Autor:innen, denen ihre
       Herkunft als Label zugeschrieben wird. Entsprechend wird von ihnen
       erwartet, dass sie sich vor allem zu ihrem Themengebiet äußern.
       
       Während das Label ostdeutsche:r Autor:in durchaus in Gebrauch ist, gibt
       es keinen Autor:in, die sich widerspruchsfrei als westdeutsche:r
       Autor:in labeln lässt. Schaut man gleichzeitig auf die Rezeption von
       gegenwärtigen Erzählungen, die in der DDR verortet sind, werden diese
       vereinfachend zu exemplarischen Geschichten für das System der Diktatur in
       Gänze.
       
       Texte westdeutscher Geschichten erfahren nicht diesen Grad von Abstraktion
       und Fürsprecher-Position. Autor:innen solcher Erzählungen werden auch
       kaum eingeladen, um in Talkshows, Zeitungen oder auf Podien den Westen als
       Gesamtkonstrukt zu erklären, zu deuten und stellvertretend zu retten oder
       zu verdammen. Während dem Westen also durchaus eine Pluralität der
       Vergangenheiten zugestanden wird, erfahren Texte zur DDR regelmäßig eine
       Verengung – so als wäre zwischen 1948 und 1989 nichts passiert, was nicht
       zwangsläufig auf die „Wiedervereinigung“ hinauslaufe. Um so auffälliger
       ist, dass diese Wendejahre aus westdeutscher Perspektive unerzählt bleiben.
       
       Versteht man Literatur als Medium der Selbst- und Fremdvergewisserung, so
       deutet diese Lücke vor allem auf eines hin: Es gibt in Bezug auf die
       Wiedervereinigung aus westdeutscher Perspektive keinerlei Fragen. Dass
       dies, auch angesichts gegenwärtiger Diskurse über die ökonomischen Folgen
       der politischen Umbrüche und zunehmender Wahlerfolge rechtsradikaler
       Parteien, nicht zutreffend ist, ist selbstredend. Dabei besteht die
       Freiheit, die Wiedervereinigung aus westdeutscher Perspektive zu erzählen,
       für alle Autor:innen. Doch scheint diese Erzählung kaum reizvoll.
       
       ## Unerzählte Geschichten
       
       Was ist mit dem Spediteur, der Anfang der 1990er Jahre tonnenweise
       Erotikprodukte für Beate Uhse in die Neuen Bundesländer brachte? Was mit
       den Familien, die versuchten, Grundstücke im Osten der Republik
       zurückzubekommen, die ihnen vierzig Jahre zuvor von der sowjetischen
       Verwaltung abgenommen worden waren? Was mit den Mitarbeiter:innen der
       Treuhandanstalt?
       
       Über die Erfindung des Ostens als homogene Gesamtkörperschaft ist in den
       vergangenen Jahren gestritten worden. Der Westen, was auch immer darunter
       zu verstehen sei, hat diese Auseinandersetzung nicht geführt, musste sie
       auch nie führen. Die BRD als Normalität ist unwidersprochene Grundlage
       jedes weiteren Diskurses.
       
       Erzählungen über die „Wiedervereinigung“ aus westdeutscher Perspektive
       böten die Möglichkeit, das System der BDR in seiner zeitgeschichtlichen
       Abgrenzung zu erfassen. Die Grenzen der BRD (und des ökonomischen
       Wachstums) sind selten so sichtbar geworden wie in den Jahren 1989/1990.
       (Vielleicht hat der Sommer 2015 einen ähnlichen, bis heute ebenfalls kaum
       erzählten Effekt gehabt.) Stattdessen werden die Umbrüche 89/90 mehr und
       mehr zu einer einseitigen Geschichte. Es scheint gegenwärtig, als wären es
       historische Ereignisse, die sich nur in einem Teil des Landes zugetragen
       hätten. Als wären es historische Ereignisse, die nur im klischeehaften Bild
       heruntergewirtschafteter, leerer Dörfer im Osten zur Sprache kommen
       könnten.
       
       3 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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