# taz.de -- Seltene Kennedy-Krankheit: Du bittersüßes Leben
> Der Maler und Theatermann Klaus Fermor hat die seltene Kennedy-Krankheit,
> die seine Muskeln schwinden lässt. Unterkriegen lässt er sich davon
> nicht. Im Gegenteil.
(IMG) Bild: Klaus Fermor in seinem Wohnzimmer in Berlin-Schöneberg. Das Gemälde ist von ihm und zeigt eine Straßenszene in Portugal
Klaus Fermor setzt auf Gemeinschaft. Denn er weiß, dass sie ihn trägt. Auch
dann, wenn er nicht mehr alles kann.
Draußen: Auf dem Wartburgplatz in Berlin-Schöneberg sitzen Leute in der
Sonne, andere radeln vorbei. Kinder kreischen auf dem Spielplatz. Ein paar
Schritte weiter geht es durch ein Vorderhaus in einen begrünten Hinterhof.
Zwischen Stühlen, Bänken und einem langen Tisch sind bunte Wimpel gespannt.
In einer der Wohnungen zum Hof wohnt Klaus Fermor.
Drinnen: Fermor sitzt am Esstisch im Wohnzimmer und nippt an seinem Tee.
Der 64-Jährige lebt seit 2014 in der 42 Quadratmeter großen Altbauwohnung.
Viel Holz, frische Blumen auf dem Tisch, überall Postkarten, Zeichnungen
und Ölgemälde. Eine Pflanze rankt sich über die gesamte Wohnzimmerwand. Am
Fenster hängt eine kleine Engelsfigur. Neben einem Regal lehnt eine
Gitarre, sein ältester Besitz. Dinge, die eine Seele haben, mag er. Auch
wenn er eigentlich nicht an Dingen hängt. Seine Krankheit lehrt ihn das.
Die Diagnose: Fermor hat [1][spinale Muskelatrophie] Typ Kennedy, eine
fortschreitende Erkrankung, die seine Mobilität und Selbstständigkeit immer
weiter einschränkt. Die Diagnose bekam er 2006, mit Anfang 40. Für ihn, der
gerne reiste und die Dinge selbst in die Hand nahm, ein Schock. „So werde
ich enden. Als behinderter Mensch. Als Pflegefall“, dachte er damals.
Der Abstieg: Auf einer Wanderung versagten seine Beine irgendwann völlig,
während die Freunde weiterliefen. Er holte sie noch einmal ein. Beim
schmerzhaften Abstieg aber wurde ihm klar: Es war seine letzte Wanderung.
Er musste sich vom Anspruch verabschieden, mit den anderen Schritt zu
halten.
Wege: Fermor träumte davon, wieder zu rennen, zu schwimmen, zu reisen. Er
habe gehadert, erzählt er, wütend sei er gewesen. Aber immerhin: Die
Krankheit schritt so langsam voran, dass er sein Leben nach und nach
umbauen konnte. „Wenn ich etwas machen will, finde ich immer einen Weg“,
sagt er heute. „Ich kann zwar nicht laufen, aber ich kann andere Sachen.
Durch Malen konnte ich Gedanken zu positiven Bildern entwickeln.“
Sichtweisen: Sein zwei Jahre älterer Bruder hatte dieselbe Krankheit und
ging einen anderen Weg. Den des assistierten Suizids. Er zog sich zurück,
sah sich selbst als „Krüppel“, wie Fermor erzählt: „Er ist an innerer Leere
und Sinnlosigkeit gestorben. Ich sehe Möglichkeiten, er hat die Behinderung
gesehen.“ Dass sein Bruder Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Humanes
Sterben wurde, wusste Klaus Fermor nicht. Er hinterließ keinen
Abschiedsbrief. Er verstehe, dass sein Bruder keinen Sinn mehr gesehen
habe, sagt Fermor. Dass er ohne Abschied ging, schmerze jedoch.
Vorsorge: Inzwischen ist auch Fermor, der sich als grundsätzlich positiv
eingestellt bezeichnet, Mitglied in einem Sterbehilfeverein. Er weiß, wie
und wo er einmal sterben möchte, sagt er: im Schlafzimmer seiner Wohnung.
So weit sei es aber noch nicht. Noch wolle er die Lebendigkeit, die er in
sich spüre, ausschöpfen. Menschen und Kultur genießen. Teilhaben. Bevor
jedoch völlige Abhängigkeit beginnt, er der Willkür von Einrichtungen
ausgeliefert ist, möchte er gehen. Das Wissen um Selbstbestimmung beruhigt
ihn. „Ich möchte genau wie mein Bruder sagen: Jetzt ist gut. Ich möchte in
Würde und mit einem Lächeln gehen“, erklärt er, und beißt in ein Plätzchen.
Seelenheimat: Aufgewachsen ist Fermor in Lindau am Bodensee, in einer
Zahnarztfamilie. Als „braves Sandwichkind“ habe er eigene Bedürfnisse oft
zurückgestellt. „Ich hatte immer das Gefühl, es wäre meine Aufgabe,
zwischen allen zu vermitteln.“ Familie ist für ihn bis heute Verankerung.
Die Tiefe und Weite des Bodensees nennt er „Seelenheimat“. Nur war ihm
Lindau irgendwann zu spießig. Nach dem Abitur machte er erst Zivildienst in
einem Krankenhaus fernab von Lindau und zog 1984 nach Berlin.
Bühne: Mit seinem besten Freund hat Fermor sich als junger Mensch
geschworen: „Wir werden Künstler, sonst gar nichts.“ Aber Kunstakademien
lehnten ihn ab. Zahnarzt wie sein Vater wollte er nicht werden. Er
arbeitete dann in einer Kita, malte viel. „Durch das Malen konnte ich
Anschluss an die Welt gewinnen und mich mit Ängsten auseinandersetzen.“ Zum
bildenden Künstler wurde er schließlich nicht, sondern zum Theatermann,
reiste mit dem Theater Rote Grütze durchs Land, arbeitete in
Berlin-Schöneberg mit „kleinen türkischen Rabauken“, mit denen er teils
heute noch Kontakt pflegt. Auch in brasilianischen Favelas arbeitete er und
als Selbstständiger im Eventbereich. Heute ist er im Musiktheater Atze
tätig. „Ich wollte immer auf die Bühne, bin dann hinter der Bühne gelandet
und dort glücklich geworden.“
Unfertiges: An der Wand über einer Holzkommode hängt eines seiner Bilder.
Ein surreales, religiös wirkendes Geflecht aus Häusern, Treppen und Figuren
unter einem weiten Wolkenhimmel, das Straßenkinder in Portugal abbildet. Es
ist noch nicht fertig. Fermor will daran weiterarbeiten. Es gebe noch viele
Bilder zu beenden, viele alte Briefe zu lesen, sagt er. Lebenswillen sei
Handlungswillen.
Der Riss: Aber vieles, was früher selbstverständlich war, gehe heute nicht
mehr. Zumindest nicht so einfach. Woran Fermor sich festhält: Dass er die
Dinge gemacht hat, die er machen wollte. „Ich gehe dann nicht als
vergrämter Murkel, sondern als Mensch mit reichen Erfahrungen.“ Trotzdem
sei er manchmal wütend und frustriert, sagt er, werde ungeduldig mit sich,
wenn der Körper streikt. Dann zitiert er Leonard Cohen: „There is a crack
in everything. That’s how the light gets in.“ – In allem ist ein Riss. Aber
durch den kommt das Licht. So sehe er auch seine Krankheit.
Glaube: Morgens und abends betet Fermor. Für seine Familie, seine
[2][Nachbar*innen], manchmal für die ganze Welt. Sein Vater hat es mit
dem Beten pragmatisch gehalten: Vielleicht sei es besser zu beten, dann
habe man zumindest seine Pflicht erfüllt. Fermor geht es jedoch um etwas
anderes. „Das Leben in die Hände von etwas Höherem zu geben, gibt mir
Kraft.“ [3][Spiritualität] und die Vorstellung vorheriger und zukünftiger
Leben gefallen ihm. Dankbarkeit versteht er als aktive Entscheidung – wobei
er selbst nicht sagen kann, was zuerst da war, die positive Haltung oder
die Dankbarkeit.
Geben und Nehmen: Mit Assistenz funktioniert Fermors Alltag gut. Beim
Arbeitsweg, im Haushalt und bei der Körperpflege erhält er Unterstützung.
Sein täglicher Begleiter: ein motorisiertes Dreirad, das ihm Mobilität
ermöglicht. Für dieses haben ihm Nachbar*innen eine Rampe zur Wohnung
gebaut. Hilfe anzunehmen musste er, der lange lieber alles selbst
organisierte, erst lernen. Heute sagt Fermor: „Ich habe nicht das Gefühl,
hilfsbedürftig zu sein, sondern dass ich Menschen oft glücklich mache, wenn
sie mir helfen können.“ Seine Freunde beschreiben ihn als fürsorglich und
humorvoll. Als einen, der viel ausgeht und gerne lacht. „Wenn du was gibst,
bekommst du was zurück“, sagt Klaus Fermor.
Das Kleine: Auf der Fensterbank stehen Blumen, die er langsam gießt. Es
sind Rituale wie diese, die Fermor Halt geben – ebenso wie Kochen,
Kerzenanzünden, Singen. Dann sind da noch die Menschen um ihn herum. Diese
brauche er besonders, sagt er, denn Gelassenheit falle ihm angesichts von
Machtgier, dem Verlust von Menschlichkeit und erstarkenden Autokratien
nicht leicht. Was ihn hält, ist Gemeinschaft.
31 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Nathalia Böckmann
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