# taz.de -- Nach Erdbeben in Kolumbien: „Sie werden die Situation ausnutzen“
> Die vom Erdbeben in Kolumbien schwer getroffene Region Chocó leidet unter
> bewaffneten Gruppen. Das könnte sich nun verschärfen, sagt
> Menschenrechtsaktivistin Juana Corral.
(IMG) Bild: Ein zerstörtes Haus in Quibdó in der kolumbianischen Region Chocó
taz: Frau Corral, das [1][Erdbeben vom 10. 8.] hat vor allem das
Departement Chocó getroffen. Warum ist diese Region im Nordwesten
Kolumbiens so besonders?
Juana Corral: Es ist eine Region mit sehr prekären Lebensbedingungen, die
seit vielen Jahren vom Staat vergessen wurde. Ich hatte im April die
Gelegenheit, dorthin zu fahren: Es gibt kein Trinkwasser, der Strom fällt
andauernd aus, viele Schulen standen kurz vor dem Einsturz. Es gibt kein
Krankenhaus der ersten Versorgungsstufe. Jetzt, nach dem Erdbeben, werden
die Verletzten nach Medellín gebracht, weil es kein angemessenes
Gesundheitssystem für die Region gibt, und das war schon vorher so. Es
handelt sich also um eine Region, die unter der Vernachlässigung durch den
Staat und auch unter Rassismus gelitten hat, der diese Region ja schon seit
Jahren betrifft.
taz: Die Region ist durch den bewaffneten Konflikt ziemlich stark
betroffen. Was bedeutet für den Chocó die Ankündigung des neuen
Präsidenten, dass [2][der gesamte Friedensprozess beendet] ist?
Corral: Die vom Konflikt betroffenen Gemeinden fordern humanitäre
Vereinbarungen, sie wollen nicht weiter unter dem Krieg leiden, unter den
Ausgangssperren und Vertreibungen, und für sie ist es wichtig, dass die
humanitären Vereinbarungen eingehalten werden. Und wenn nun der Präsident
de la Espriella sagt, dass er mit keiner Gruppe eine Vereinbarung treffen
wird, bedeutet das, dass diese Forderungen der Gemeinden im Sande
verlaufen.
taz: Es mag zynisch klingen, aber kann es sein, dass das Erdbeben eine
Chance für die Region darstellt, mehr Aufmerksamkeit und mehr Unterstützung
zu erhalten – vom Staat oder durch internationale Hilfe?
Corral: Das könnte dann sein, wenn die Situation dazu führt, nachhaltige
Strukturen zu schaffen – und nicht nur Dinge zu schicken, die nur für den
Moment des Erdbebens gedacht sind. Aber: Die internationale Gemeinschaft
war seit langer Zeit in Chocó präsent. Das [3][Ende von USAID] und die
Kürzungen bei der Entwicklungszusammenarbeit in der Europäischen Union
haben dazu geführt, dass die internationalen Organisationen keine Leute
mehr vor Ort entsenden konnten. Das hat direkte Konsequenzen: je weniger
Zusammenarbeit vor Ort, desto stärker die Präsenz bewaffneter Gruppen. Das
ist besorgniserregend.
taz: Wenn wir uns in drei Monaten wieder treffen und über die Auswirkungen
sprechen, die das Erdbeben auf die Entwicklung und die Perspektiven der
Region Chocó gehabt hat – was, glauben Sie, werden Sie mir sagen?
Corral: Ich bin keine Hellseherin, aber ich glaube, dass vier Dinge
passieren könnten, die mit dem bewaffneten Konflikt zu tun haben. Zum einen
gibt es eine ernste humanitäre Lage. Das [4][Interethnische
Solidaritätsforum] berichtet, dass es im Jahr 2026 in Chocó 26.578 Menschen
in abgeriegelten Gebieten und 1.680 Vertreibungen gab.
taz: Was heißt „abgeriegelte Gebiete“?
Corral: Eine bewaffnete Gruppe kommt. Sie legen Tretminen rund um die
Siedlung, die Menschen können nicht hinaus. Sie haben keinen Zugang zu
Bildung und Gesundheitsversorgung, es gibt mehr Gewalt gegen Frauen und es
wird soziale Kontrolle über die Bevölkerung ausgeübt. Ich denke, dass diese
Abriegelungen zunehmen, weil durch das Erdbeben viele Straßen abgeschnitten
sind. Zweitens werden die bewaffneten Gruppen wahrscheinlich die Lage
ausnutzen, um Zwangsrekrutierungen durchzuführen. Drittens, wie vorhin
schon erwähnt: Je weniger internationale Helfer vor Ort sind, desto stärker
sind die bewaffneten Gruppen. Und viertens: Ich denke, dass sich die
sozioökonomische Lage verschärfen könnte.
taz: Was sollte die internationale Gemeinschaft tun, abgesehen von der
Bereitstellung sofortiger Nothilfe?
Corral: Die Gemeinschaften weiterhin politisch unterstützen. Man muss auch
von der deutschen Regierung verlangen, dass sie weiterhin für den Frieden
in Kolumbien eintritt und sich für diejenigen einsetzt, die sich in einer
prekären Lage befinden.
12 Aug 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Bernd Pickert
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