# taz.de -- Nach dem Erdbeben: Mehr als 180 Tote in Kolumbien
       
       > Beim Beben mit der Stärke 7,4 wurden mindestens 900 Menschen verletzt,
       > mehrere tausend werden vermisst. Der neue Präsident hat den Notstand
       > ausgerufen.
       
 (IMG) Bild: Ein Turm der Kathedrale von Manizales knickte beim Erdbeben einfach ab
       
       Der Turm der Kathedrale in Manizales, das Wahrzeichen der Stadt, ist
       umgeknickt, als sei er weggeschmolzen. Es war eins der ersten einprägenden
       Bilder nach dem verheerenden Erdbeben in Kolumbien. In Pereira zeigten
       Videos, wie Menschen um ihr Leben rennen. In Cali graben Helfer im Schutt
       von zusammengestürzten Gebäuden teils mit bloßen Händen nach Überlebenden.
       
       Es war mit Stärke 7,4 das [1][schwerste registrierte Erdbeben] dieses
       Jahrzehnts, meldet der Kolumbianische Geologische Dienst. Es war bis
       Venezuela, Panama und Ecuador zu spüren. Mindestens 181 Menschen sind dabei
       nach Regierungsangaben vom Dienstag gestorben. Mehr als 900 wurden
       verletzt. Mehr als 2.000 Menschen galten am Montagabend (Ortszeit) als
       vermisst. Tausende Häuser gelten als unbewohnbar. Laut dem Innenministerium
       waren mehr als 20 Gemeinden betroffen. Die Zahlen dürften weiter steigen –
       auch weil einige Gegenden schwer zu erreichen oder von der Kommunikation
       großteils abgeschnitten sind. Sogar in der Hauptstadt Bogotá schwankten
       mehrere Minuten die Gebäude und Menschen eilten in Schlafanzügen und
       Arbeitskluft ins Freie.
       
       Am heftigsten traf das Beben, soweit bislang bekannt, die drittgrößte Stadt
       Cali sowie Manizales und Pereira, die beide in der unter Tourist*innen
       bekannten Kaffeezone liegen. Mehrere Flughäfen wurden geschlossen – und
       viele davon waren es am Abend immer noch. Erdrutsche machten Straßen
       unpassierbar, Krankenhäuser und Schulen wurden beschädigt. Pereira hat mit
       bisher mindestens 55 die meisten Todesopfer zu verzeichnen. Der Strom blieb
       dort über weite Teile des Tages weg, auch Internet und Telefon.
       
       Die Suche nach Überlebenden geht weiter. Rettungskräfte und freiwillige
       Helfer suchen teils mit bloßen Händen. Es sind Notunterkünfte eingerichtet,
       damit Menschen nicht unter freiem Himmel schlafen müssen. Die Sammlung von
       Hilfsgütern und Blutspenden ist angelaufen.
       
       ## Besonders betroffen: die abgehängte Region Chocó
       
       Präsident [2][Abelardo de la Espriella] traf das Erdbeben am dritten Tag im
       Amt. Er rief den nationalen Notstand aus, um Hilfsmittel zu mobilisieren.
       Am Montag reiste er zu mehreren Städten, die besonders getroffen wurden. Er
       hatte im Wahlkampf dem Zentralismus den Kampf angesagt. In Quibdó sagte er:
       „Das soll die Chance sein, dem Land zu sagen: Chocó wird nie mehr
       vergessenes Land sein.“ Regierung und lokale Behörden mobilisierten alle
       Ressourcen und arbeiteten ungeachtet politischer Differenzen zusammen,
       sagte er in Cali. Auch hunderte Soldat*innen wurden geschickt, um bei
       Such- und Bergungsarbeiten zu helfen.
       
       In Cali wurde das gigantische Petronio-Festival abgebrochen, das der
       afrokolumbianischen Musik der Pazifikregion gewidmet ist. Viele der
       Beteiligten stammen aus der Region Chocó oder haben dort Verwandtschaft.
       
       Behörden und Expert*innen warnten vor Panik und versuchten,
       Falschmeldungen zu entkräften, die vor allem in den sozialen Medien und
       Whatsapp kursierten. Darunter vor allem die, dass Erdbeben vorhersehbar
       seien – und zu einer gewissen Uhrzeit Nachbeben kommen würden. Das ist
       falsch: Es gibt kein Warnsystem für Erdbeben – weder Auftreten, Stärke noch
       Ort sind vorhersehbar.
       
       Das Beben ereignete sich um 7.34 Uhr Ortszeit. Das Epizentrum lag in der
       Gemeinde San José Del Palmar im Pazifik-Departamento Chocó, 103 Kilometer
       unter der Erde. Chocó ist eine der ärmsten Regionen des Landes, überwiegend
       von Afrokolumbianer*innen bevölkert und historisch vernachlässigt.
       Große Teile werden von bewaffneten Gruppen kontrolliert.
       
       Die Verbindung zum Rest des Landes ist auch ohne Erdbeben problematisch.
       Weite Teile des Chocó sind nur per Flugzeug oder Boot zu erreichen. Die
       Region kommt auch in den kolumbianischen Medien selten vor. Während am
       Montag relativ schnell aus den anderen Katastrophengebieten Nachrichten und
       Daten eintrafen, fielen selbst in Quibdó, der Hauptstadt des Chocó, Strom
       und Telefonverbindung aus. Sogar das sonst praktisch unverwüstliche
       Whatsapp scheiterte. Im Laufe des Nachmittags meldeten sich immer mehr
       afrokolumbianische Stimmen zu Wort, die mehr Berichterstattung über die
       Lage dort forderten – und in der kargen Nachrichtenlage und den schweren
       Auswirkungen des Bebens Symptome des strukturellen Rassismus sahen, den
       auch die Vereinten Nationen Kolumbien attestiert haben.
       
       ## Hilfsangebote aus aller Welt
       
       Zahlreiche Länder, darunter Frankreich, Israel und Mexiko, boten Kolumbien
       nach dem Beben Hilfe an. Die USA gaben nach Angaben des Außenministeriums
       15,5 Millionen Dollar (13,4 Millionen Euro) frei. EU-Kommissionspräsidentin
       Ursula von der Leyen erklärte, die EU sei bereit, Unterstützung zu leisten.
       „Wir haben bereits unseren Satellitendienst Copernicus mobilisiert, um bei
       den Rettungseinsätzen zu helfen“, schrieb sie auf X.
       
       Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, er verfolge die Nachrichten aus
       Kolumbien mit „Bestürzung“. Er sprach den Opfern und ihren Angehörigen auf
       X sein Mitgefühl aus und wünschte den Helfern vor Ort „viel Kraft in den
       nächsten Stunden und Tage“.
       
       Auch Papst Leo XIV. äußerte sein Mitgefühl. Das Oberhaupt der katholischen
       Kirche sei „zutiefst betroffen von der traurigen Nachricht des Erdbebens“,
       schrieb die Nummer zwei im Vatikan, Kardinal Pietro Parolin, in einem
       Telegramm an die kolumbianische Bischofskonferenz. Emotionale Unterstützung
       kam außerdem von Kolumbiens Superstar Shakira. Die Sängerin sandte via X
       „meine ganze Kraft und meine ganze Liebe an meine Heimat“.
       
       ## Häufige Erdbeben und eine Baunorm
       
       Kolumbien befindet sich in einer seismisch aktiven Zone. Mehrere
       tektonische Platten treffen aufeinander. Im Fall des aktuellen Bebens hat
       das mit der Nazca-Platte zu tun, die in der Pazifikzone unter die
       südamerikanische Platte taucht. Nach Schätzungen gibt es in Kolumbien
       monatlich rund 2.500 Erdbeben – ein Großteil passiert für die Bevölkerung
       unbemerkt.
       
       Kolumbien verfügt seit 1984 über eine Erdbeben-Baunorm, die mehrfach
       aktualisiert wurde und laut Expert*innen Menschenleben schützt – wenn
       sie denn umgesetzt wird. Allein in Bogotá sind rund 60 Prozent der Gebäude
       selbstgebaut, ohne fachliche Überwachung, erklärt Daniel Ruiz, Professor an
       der Fakultät für Ingenieurswissenschaften an der Universität Javeriana. Das
       hat damit zu tun, dass die Stadt ungeplant wuchs. Es ist davon auszugehen,
       dass sie die Norm nicht erfüllen.
       
       Ebenso sei wohl ein großer Teil der Bauten von vor 1984 nie nachgerüstet
       wurden. Denn das wurde nur bei öffentlichen Gebäuden wie Schulen,
       Krankenhäusern und Unis überprüft. Für die anderen sei es keine Pflicht
       –und die Eigentümer*innen schreckten vor den Kosten zurück.
       
       Und die eigentlich sinnvolle Norm habe einen Haken: Bauherren müssen zwar
       entsprechende Pläne für eine Baugenehmigung absegnen lassen. Ob das fertige
       Gebäude dem aber entspricht, werde nicht nachgeprüft.
       
       11 Aug 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Wojczenko
       
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