# taz.de -- Nach dem Erdbeben in Kolumbien: Krisenmanagement und mangelndes Taktgefühl
       
       > Zehn Tage nach dem schweren Erdbeben in Kolumbien ist die Bilanz für die
       > neue Regierung durchwachsen. Immerhin: Die Institutionen haben
       > funktioniert.
       
 (IMG) Bild: Kurz nach dem Beben: Menschen und Rettungskräfte suchen in den Trümmern eines eingestürzten Gebäudes in Cali nach Überlebenden
       
       Montag vor einer Woche bebte um 7.34 Uhr Ortszeit in Kolumbien die Erde.
       Mit einer Stärke von 7,4 war es das [1][schwerste registrierte Erdbeben]
       dieses Jahrzehnts. Während das Erdbeben aus den internationalen
       Schlagzeilen gerät, ist es in Kolumbien weiter das beherrschende Thema –
       und Kritik am Krisenmanagement wird lauter. Sowie am Taktgefühl der neuen
       Regierung.
       
       Bilder vom Wochenende zeigen zum Beispiel den Wohnungsbauminister Jaime
       Andrés Beltrán unter Palmenschirmen am Karibikstrand, im Kreise seiner
       Lieben, während viele seiner Landsleute seit dem Erdbeben kein Dach mehr
       über dem Kopf haben. Noch mehr als die Bilder erzürnte die Erklärung des
       Ministers die Gemüter: Er sei auch Ehemann, Vater und Kind – und setze die
       Familie an erste Stelle, rechtfertigte er sich per Video. Anders als andere
       Beamte stelle er seine Arbeit nicht über die Familie.
       
       Die Wogen gingen hoch, die Opposition strebt einen Misstrauensantrag an. Am
       Montagabend sah sich Beltrán zu einer Entschuldigung gezwungen – die
       allerdings kaum anders klang als die bisherigen Rechtfertigungen. Präsident
       Abelardo de la Espriella steht weiter hinter ihm.
       
       Der [2][neue ultrarechte Präsident] hat null politische Erfahrung. Am
       dritten Tag im Amt traf ihn das Erdbeben. Was erschwerend hinzukommt: Es
       hatte keine Amtsübergabe gegeben, genannt empalme. So heißt der Prozess,
       der den Übergang von der alten zur neuen Regierung in Kolumbien möglichst
       reibungslos gestalten soll – bis in die staatlichen Einrichtungen wie der
       Katastrophenbehörde. Doch de la Espriella hatte den Prozess abgebrochen. Er
       und [3][sein linker Vorgänger Gustavo Petro] sind sich spinnefeind.
       
       ## Die Institutionen haben einigermaßen funktioniert
       
       So saß in der Katastrophenschutzbehörde zum Zeitpunkt des Bebens immer noch
       der Direktor der Vorgängerregierung. Javier Pava war es auch, der in den
       ersten Momenten das Gesicht der Behörde in den Medien war. De la Espriellas
       Kandidat war zwar schon verkündet, doch das Dekret für ihn fehlte immer
       noch.
       
       Vielleicht auch deshalb kündigte der Präsident etwa eine Stunde nach dem
       Erdbeben per Video an, die Leitung des Katastropheneinsatzes selbst zu
       übernehmen. Er bereiste die am schwersten betroffenen Städte und schickte
       Minister durchs Land. Schließlich hatte er im Wahlkampf versprochen, sich
       besonders um die Regionen zu kümmern und den Zentralismus aufzubrechen.
       Wohingegen der neue Innenminister Rodrigo Lara offen sagte: „Ich weiß
       nicht, was in Chocó passiert.“ Chocó ist eine überwiegend von
       Afrokolumbianer*innen bewohnte Region, die [4][historisch wegen
       strukturellen Rassismus vom Staat vernachlässigt] wurde.
       
       Unter diesen schwierigen Voraussetzungen haben die kolumbianischen
       Institutionen noch recht gut agiert. „Alle Institutionen haben
       funktioniert“, sagte zum Beispiel María José Torres Macho, die ranghöchste
       Vertreterin der Vereinten Nationen in Kolumbien. Die Zusammenarbeit der UN
       mit den Behörden sei durch den Regierungswechsel nicht beeinträchtigt
       worden.
       
       Klar wurde auch: Die Pazifikregion, namentlich Chocó, war nach dem Beben
       lange so allein wie vor dem Beben. Und wie so oft zuvor: ohne Strom, ohne
       Internet, ohne Telefon, ohne medizinische Versorgung. Das Krankenschiff
       „Benkos Bihoé“ lag zum Beispiel am Tag des Bebens schon länger ohne
       Personal und Treibstoff vor Anker. Die neue Gesundheitsministerin musste es
       erst ausstatten.
       
       ## Große Debatte über die internationale Hilfe
       
       Bei den ersten Auftritten redete de la Espriella teils so, als ob er noch
       im Wahlkampf sei – was in Kolumbien bei einigen auf Kritik stieß. In
       Buenaventura, wo am Pazifik Kolumbiens größter Hafen liegt und das dennoch
       zeitweise von Hilfe abgeschnitten war, warf er Fußbälle mit
       Propagandaaufdruck aus dem Auto. Auch das kam bei vielen nicht gut an.
       
       Problematisch sind auch [5][die Zahlen]. Das Präsidialamt veröffentlicht
       mitunter andere Informationen als andere Regierungsinstitutionen. In den
       ersten Tagen war die Vereinigung kolumbianischer Hauptstädte, Asocapitales,
       wohl die wichtigste Quelle für Journalist*innen. Die Pressearbeit der
       Präsidentschaft ist ungenügend, es fehlt an Ansprechpartner*innen,
       Nachfragen sind nicht möglich.
       
       Doch die größte Debatte kreist um die internationale Hilfe. Kolumbien hat
       anfangs [6][internationales Rettungspersonal von Ländern abgelehnt], die es
       anboten – und stattdessen nur Hilfsgüter und anderes Fachpersonal
       abgefordert. Später akzeptierte das Land zum Beispiel Rettungskräfte aus
       den USA und Israel – was der Regierung den Vorwurf einbrachte, dass vor
       allem die ideologische Nähe eine Rolle spiele.
       
       Gleichzeitig kamen die privaten berühmten „Topos Aztecas“
       (Aztekenmaulwürfe) aus Mexiko ins Land, die sich unter
       Kolumbianer:innen wegen ihres Einsatzes im Nachbarland Venezuela
       Respekt erarbeitet hatten. Deren Anwesenheit hat nichts mit dem
       internationalen Hilfsprozedere zwischen Regierungen zu tun. Sie arbeiten
       nach anderen Protokollen – was zu Konflikten führt. So beschwerte sich der
       Anführer der Topos in Cali, Carlos Cienfuegos, dass [7][die staatlichen
       Retter aus den USA zu feige zum Retten] seien.
       
       ## Marshallplan und Spenden von Shakira
       
       Was den Wiederaufbau betrifft, der auf die Rettung und Bergung folgt,
       bleibt abzuwarten. De la Espriella hat seinen Unterstützer Donald Trump
       gebeten, die Strafzölle aufzuheben, mit denen Trump den früheren linken
       Präsidenten Gustavo Petro gestraft hat. Bisher ohne Erfolg.
       
       De la Espriella hat einen „Marshallplan“ angekündigt und an
       Privatwirtschaft und Banken appelliert, auf dass sie sich beteiligen
       und/oder günstige Kredite vergeben mögen. In der geerbten Haushaltskasse
       herrscht Ebbe. Innenminister Rodrigo Lara setzt auf Spenden von
       Baumaterial. Bleibt zu hoffen, dass dieses Mal erdbebensicher gebaut wird.
       Selbstgebaute Häuser stellen derzeit das größte Risiko dar in Kolumbien,
       weil sie in der Regel die Erdbebenbaunorm nicht erfüllen.
       
       Deutlich praktischer und erfahrener kamen zwei Weltstars herüber: Popstar
       Shakira besuchte am Montag mit Howard Buffett, dem Sohn des Milliardärs und
       Philanthropen Warren Buffett, das Departamento Chocó. Ihre Stiftung Pies
       Descalzos ist dort seit fast 20 Jahren tätig. Zusammen mit ihrem „Freund“
       Buffett versprach sie den Bau von zehn Schulen und den Wiederaufbau einer
       Universität.
       
       Zuvor hatte der Fußballnationalspieler Jhon Arias zusammen mit seiner Frau
       Alejandra Ayala um Spenden geworben. Sie ist Anwältin, spezialisiert auf
       Menschenrechte und internationales humanitäres Recht. Beide stammen aus
       Quibdó. Sie haben aus eigenen Geldern ein Flugzeug mit medizinischem
       Personal und Hilfsgütern finanziert.
       
       Die bisherige Schadensbilanz des Bebens legt jedenfalls nahe, dass der
       Bedarf noch gewaltig sein dürfte. Nach Angaben von Präsident Abelardo de la
       Espriella sind Gesamtschäden von umgerechnet etwa 8,3 Milliarden Euro
       entstanden. Davon entfielen rund 6,8 Milliarden auf Gebäude, etwa 1,5
       Milliarden auf Infrastruktur. Dies sei die Schätzung eines privaten
       Unternehmens, sagte de la Espriella am Montag. Knapp 27.000 Wohnhäuser
       seien zerstört, mehr als 120.000 beschädigt. Fast 300 Menschen starben,
       mehr als 4.000 wurden verletzt, 143 gelten noch als vermisst.
       
       20 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Erdbeben-in-Kolumbien/!6203392
 (DIR) [2] /Machtwechsel-in-Kolumbien/!6202429
 (DIR) [3] /Praesidentschaftswahl-in-Kolumbien/!6180919
 (DIR) [4] /Nach-Erdbeben-in-Kolumbien/!6203613
 (DIR) [5] https://elpais.com/america-colombia/2026-08-19/de-la-espriella-reporta-apenas-un-tercio-de-los-desaparecidos-por-el-terremoto-que-informan-las-entidades-encargadas.html
 (DIR) [6] https://elpais.com/america-colombia/2026-08-11/colombia-rechaza-el-apoyo-de-personal-internacional-de-rescate-para-atender-el-terremoto.html?sma=%253C%25=%2520delivery.label%2520%25%253E&utm_medium=email&utm_source=newsletter&utm_campaign=%253C%25=%2520delivery.label%2520%25%253E&sma=colombia_2026.08.11&utm_medium=email&utm_source=newsletter&utm_campaign=colombia_2026.08.11
 (DIR) [7] https://www.instagram.com/reels/DcL8nrpEYwd/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Wojczenko
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumbien
 (DIR) Erdbeben
 (DIR) Abelardo de la Espriella
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Kolumbien
 (DIR) Kolumbien
 (DIR) Kolumbien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Erdbeben in Kolumbien: Keine Ruhe nach dem Beben
       
       In Pereira hat das verheerende Erdbeben die meisten Leben gekostet. Immer
       noch suchen Menschen ihre Lieben dort im Schutt. Offizielle Helfer*innen
       sind rar.
       
 (DIR) Erdbeben mit 265 Toten: Kolumbien vor kritischen Stunden
       
       Angehörige suchen in den Trümmern verzweifelt nach Vermissten. Den Rettern
       bleibt nicht mehr viel Zeit. Kolumbiens Präsident ernennt einen neuen
       Krisenmanager.
       
 (DIR) Nach Erdbeben in Kolumbien: „Sie werden die Situation ausnutzen“
       
       Die vom Erdbeben in Kolumbien schwer getroffene Region Chocó leidet unter
       bewaffneten Gruppen. Das könnte sich nun verschärfen, sagt
       Menschenrechtsaktivistin Juana Corral.